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Freiwasser-Schwimmer Luca Karl vor EM: „Das Schlimmste ist hinterherzutreten“

Bei der WM schwamm Luca Karl sensationell auf Rang fünf. Vor seinem EM-Start in der Pariser Seine spricht er über die rauen Sitten im Freiwasser, plötzlich greifbare Vorbilder und die neuerlichen Sorgen um die Wasserqualität.
SWIM-WORLD-2025

Als Kind hatte Luca Karl Angst vor dem Wasser. Eine ungewöhnliche Vorgeschichte für einen Schwimmer, der heute zu den Weltbesten zählt – noch dazu in jener Disziplin, in der das Wasser selten ruhig und die Konkurrenz nicht immer zimperlich ist: dem Freiwasser.

Bei seinem ersten Schwimmkurs in Salzburg hatte Karl „ein paar Startschwierigkeiten“, wie er es heute schmunzelnd nennt. Inzwischen bereitet ihm weniger das nasse Element selbst Schwierigkeiten als vielmehr seine Konkurrenten darin. Denn im Freiwasser fehlen jene Leinen, die im Becken gleichsam Bahnen wie Grenzen ziehen. Alle suchen dieselbe günstige Linie, Arme und Beine geraten aneinander, manche Athleten helfen absichtlich nach.

Karl kennt die „Kandidaten“, die gerne ziehen, drängen oder den Weg versperren. Eine Revanche wäre dennoch die schlechteste Antwort. „Das Schlimmste, was man machen kann, ist nachzuschwimmen und hinterherzutreten“, so Karl. Denn wer sich revanchiert, verliert Zeit und Fokus. „Man muss seine Emotionen gut im Griff haben.“

Karl der Fünfte

Bei der WM in Singapur 2025 gelang ihm das besser als fast allen anderen. Gleich bei seinem ersten WM-Start über die zehn Kilometer belegte der 24-Jährige Rang fünf. Seither weiß Karl: „Ich gehöre dazu und bin nicht nur dabei.“ Lange kannte er Granden des Sports wie Florian Wellbrock und Gregorio Paltrinieri nur aus dem Fernsehen. Nun steht Karl neben seinen früheren Vorbildern am Start und wechselt mit ihnen ein paar Worte. Aus Idolen sind Konkurrenten geworden. „Davon träumt jeder, der mit dem Schwimmen anfängt.“

Der Weg dorthin begann ohne großen, übergeordneten Plan. Weil Karl im Becken bereits die langen Strecken schwamm, versuchte er sich irgendwann auch außerhalb der abgesteckten Bahnen. „Wenn es nichts ist, ist es nichts“, dachte er sich. Es war etwas.

Tour de Seine

Karl gefällt, dass im Freiwasser kein Rennen dem anderen gleicht. Der Start am Strand, wechselnde Strecken, Strömung und Wetter: „Urlaubsgefühl würde ich es nicht nennen“, sagt er, „aber es hat etwas Befreiendes“.

Was Karl daran gefällt, macht die Rennen zugleich schwer planbar. Über zehn Kilometer muss er seine Kräfte einteilen. Das taktische Kalkül erinnert an die Tour de France: Karl sucht eine geeignete Gruppe und nutzt den Sog der Vordermänner wie Radprofis den Windschatten. Eine Grundstrategie gibt es zwar, doch die Unwägbarkeiten des Rennens verlangen fortwährende Anpassung. Karl muss „intuitiv und spontan“ reagieren.

Bei der Europameisterschaft in Paris werden die zehn Kilometer am Dienstag in der Seine rund um die Île aux Cygnes ausgetragen. Und ein wenig ist Luca Karls alte Vorsicht vor dem Wasser deshalb zurückgekehrt. Diesmal liegt es selbstredend nicht an mangelnder Schwimmkunst, sondern an der Wasserqualität des Flusses.

Nachdem bei Olympia mehrere Athleten erkrankt waren, wandten sich die Freiwasserschwimmer unlängst in einem Brief an den europäischen Verband. Dessen Antwort beruhigte Karl: Die aktuellen Messwerte seien im Vergleich zu 2024 „exzellent“, zudem liege ein Notfallplan bereit.

Damit kann er sich am Dienstag wieder auf jene Unberechenbarkeit konzentrieren, die ihn am Freiwasser überhaupt erst reizte – die sportliche.

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