Das Außenpatscherl telefoniert, der Flutschfinger hat Luft nach oben
Eine WM hat auch unbekannte Schützen
„Der springende Punkt“, beschied der deutsche Fußballphilosoph Dettmar Cramer († 2015)seinen Schützlingen schon vor 60 Jahren, „ist der Ball“. Ursprünglich bezeichnete „der springende Punkt“ den ersten messbaren Herzschlag eines Embryos.
Das führt uns zu Werner Schneyder († 2015), der als weiser Fußballnarr den Kick als „ältesten Sport der Welt“ einordnete, denn: „Bevor der Mensch läuft, springt oder wirft, tappt er nach Bällen.“
Und über allem schwebt Peter Handkes brillanter Befund, weit über das Spielgerät hinaus: „Fußball hat eine Seele.“ – Das ist der perfekte „Knackpunkt“ zum „kippenden Momentum“ direkt aus der „Schalt- und Walt-Zentrale“ der Kommentatorenkabinen dieser WM der Worte.
Hören wir dorthin, „wo’s wehtut“.
Einen der klügsten Ratschläge aus dem Mikro-Kosmos verdanken wir ORF-Experte Michael Liendl, der das Traumtor von Romano Schmid (beim 3:1 gegen Jordanien) „ganz einfach“ – so „Elder Statesman“ Herbert Prohaska zu den komplexesten Umständen im Minutentakt – erklärte: „Weiß man nicht, wohin mit dem Ball, dann ins Kreuzeck. Weil dort ist immer frei.“
Der Treffer ins Kreuzeck (schweizerisch „Angeli“, bundesdeutsch „Winkel“) wird im Französischen zu „Décrocher la toile d’arraignée“ (Spinnennetz herunterholen) poetisch überhöht.
Aber dennoch birgt auch das „gemeine“ Vokabular – etwa jenes des unerbittlich leidenschaftlichen Andreas Herzog – authentischen Zauber.
Er sammelt mit „Außenpatscherl“ (Feinheit mit dem Außenrist) oder „Flutschfinger“ (für einen Tormann, der „in Boin“ nicht festhält) Sympathiepunkte für den ORF.
Den Spitznamen „Herzilein“ bestätigt er seit Jahrzehnten. Als einst Titan Oliver Kahn über Andi herzog („Gnackbeuteln“ bei Bayern), sagte er schon wenig später: „Geh, da ist ja längst Schnee drüber g’wachsen.“ Gras von gestern. Herzog ist für mich jedenfalls ein höherer Rang als König, der ein holpriges Spiel zum „Rasenschach mit Luft nach oben“ aufblies.
Lustig: Roman Mählich. Einen durchschaubaren Pass bespöttelte er mit „Das war telefoniert“ (= mit Ansage).
Patent auch das Rezept, das Experte Martin Harnik (ORF) für den Bewacher von Lionel Messi ausgab: „Mach den Teppich!“ Wie? Flachlegen? – Denkste! „Lauf hinterher.“ Notfalls „das Szepter in die eigene Hand nehmen“ – oder „einmal feucht durchwischen“, wie uns Christian Brugger (ServusTV) die humorlose Grätsche erläuterte.
Für den sinnbefreitesten (An-)Satz aus Reportermund halte ich die Wendung, eine Mannschaft habe in einem Spiel „nichts zu verlieren“ – wer nichts zu verlieren hat, meine ich, hat bei einer WM auch nichts verloren.
P.S.: Der türkische TV-Kommentator Murat Ekrem Çimen ist noch vor seinen Landsleuten auf dem Rasen ausgeschieden: minutenlang verwechselte er bei Neuseeland – Iran die beiden Teams und wurde prompt gefeuert.
Für ihn (wie für uns alle wohl) gilt die Erkenntnis von Dietmar Wolff (ORF): „Diese Entscheidung kann in der Folge entscheidend sein.“
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