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Interview
11/26/2019

Salzburg-Coach Jesse Marsch: "Ich kann manchmal stur sein"

Der 46-Jährige spricht im Interview über das Spiel in Genk, seine Philosophie und seine einzige Schwäche.

von Stephan Blumenschein

Am Mittwoch geht für Salzburg das Abenteuer Champions League weiter. Mit dem Gastspiel in Genk steht das letzte Auswärtsspiel in der Gruppenphase auf dem Programm (21 Uhr). Österreichs Meister braucht bei seinem belgischen Pendant unbedingt einen Sieg, um die Chance auf den Aufstieg in das Achtelfinale zu wahren.

Der KURIER traf Salzburg-Trainer Jesse Marsch vor dem fünften Spiel in der Königsklasse zu einem ausführlichen Gespräch ...

KURIER: Das erste Spiel gegen Genk wurde zu Hause 6:2 gewonnen. Von Ihrer Mannschaft wird auch auswärts ein Sieg erwartet. Wie gefährlich ist das?

Jesse Marsch: Man muss zwei Dinge beachten: Erstens ist die Situation von Genk anders als damals. Es gibt ja mit Hannes Wolf einen neuen Trainer. Er hat in Hamburg und Stuttgart anders spielen lassen als Genk bis jetzt gespielt hat. Zweitens ist es wichtig für uns zu wissen, dass das erste Spiel nicht so einfach war wie es das Ergebnis aussagt. Genk hat in der zweiten Hälfte sehr gut gespielt, sie waren gefährlich. Wir werden eine richtig gute Mentalität brauchen. Für mich ist aber eines ganz klar: Wir brauchen die drei Punkte.

Sie sind jetzt erst rund 150 Tage Salzburg-Trainer. Das ist trotzdem schon eine gefühlte Ewigkeit, weil so viel passiert ist. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Das Arbeiten in diesem Verein funktioniert so gut, für uns, für mich. Es ist einfach ein gutes Gefühl, hier zu sein.

Nach den Abgängen von Trainer Rose und von vielen Stammspielern wurde das Ende der Salzburger Dominanz in der Liga prognostiziert. Das Gegenteil ist der Fall. Macht Sie das stolz?

Ja, schon ein wenig. Es läuft aber nur so gut wegen unserer gemeinsamen Arbeit, die perfekt funktioniert vom ersten Tag bis heute. Der Erfolg ist ein großes Kompliment an alle Leute hier im Klub. Sie haben mich akzeptiert und meine Art, wie ich arbeite.

Noch nie ist ein Spieler aus der österreichischen Liga international so im Fokus gestanden wie Erling Haaland. Praktisch kein Tag vergeht, ohne ein neues Transfergerücht. Nervt das nicht?

Erling ist ein guter Junge. Wir haben ein paar Mal darüber gesprochen. Ich habe ihm gesagt, dass er den Fußball und diese Zeit jetzt genießen muss. Unsere Idee ist es, dass wir dann Erfolg haben, wenn wir zusammen als Team alles dafür tun. Und weil wir das tun, haben wir Erfolg. Erling ist ein Teil davon und hat einen super Fokus auf die Mannschaft.

Sie haben Ihre Spieler bisher immer gelobt, auch nach den Niederlagen in Liverpool und gegen Napoli. Sind Sie immer zufrieden?

Nach dem Liverpool-Spiel war es schon komisch, dass uns so viele Leute gratuliert haben. Aber es war dennoch eine Niederlage. Gegen Neapel waren wir alle extrem enttäuscht. Es war aber vielleicht unser bestes Spiel in dieser Saison. In Neapel war die Leistung dann nicht so gut, aber das Ergebnis hat gepasst. Solche Erfahrungen sind wichtig und bringen uns weiter.

Haben Sie schon einmal einen Spieler öffentlich kritisiert?

Es kann schon einmal vorkommen, dass ich uns alle in der Öffentlichkeit kritisiere, aber es ist nicht meine Art und Weise, das auch mit einzelnen Spielern zu tun. Ich mache das intern und führe deshalb sehr viele Einzelgespräche.

Sie betreiben extremes In-Game-Coaching, wechseln in einem Spiel oft die Grundordnung. Haben Sie keine Angst, dass Sie Ihre Mannschaft überfordern?

Wir haben dieses Thema schon oft intern besprochen. Die Spieler haben mittlerweile Vertrauen in unsere Art und Weise, wie wir arbeiten. Ich habe natürlich schon manchmal darüber nachgedacht, ob es nicht vielleicht zu viel war. Aber im Prinzip funktioniert es so richtig gut. Und dass so viele Spieler verschiedene Positionen spielen können, ist ein großer Vorteil für unsere Mannschaft.

Die Kabine ist im Fußball eigentlich ein heiliger Ort, in die normalerweise niemand darf. Sie haben für die Dokumentation „JEDER.MANN – Des is Soizburg“ ein Kamerateam vor und nach den Spielen hineingelassen. Gibt es für Sie in dieser Hinsicht keine Grenzen?

Ein individuelles Gespräch ist zum Beispiel nichts für eine Kamera. Das ist einfach zu persönlich. Aber in der Kabine habe ich eigentlich nichts zu verbergen. Natürlich ist es manchmal nicht so angenehm zu sehen, wie ich mich verhalte, wie schlecht etwa mein Deutsch ist (lacht). Aber so ist es halt in der Realität. Klar ist aber auch, dass wir das in Zukunft nicht zu etwas Alltäglichem machen wollen.

Der Fußball hat sich rasant weiterentwickelt, wird immer schneller und athletischer. Aber die Spieler sind auch immer öfters verletzt. Gibt es für die Entwicklung keine Grenzen?

Vielleicht. Aber wir müssen diese Grenzen verschieben. Wir haben zum Beispiel nicht so viele Verletzungen – auch durch die Arbeit auf dem Trainingsplatz, im Kraftraum, mit unserem Athletikteam. Wir haben einen guten Weg geschafft, auch durch die Rotation. So war der Stress und die Belastung für die Spieler nicht so groß. Ich habe die Kritik an manchen Umstellungen schon verstanden, aber ich denke, die Rotation hat einen großen Anteil an unserem Erfolg. Es ist einfach für einen Trainer zu sagen, ich habe 14 Spieler, die können immer spielen. Und die anderen müssen schauen, wie sie reinkommen. Aber ich arbeite lieber mit dem ganzen Kader, um jeden Spieler in seiner Entwicklung zu helfen.

Was haben Sie in den ersten fünf Monaten in Österreich gelernt?

Ein bisschen mehr Deutsch. Ich habe aber auch die Leute hier kennengelernt. Die gefallen mir. Sie sind sehr sympathisch und offen. Meine Familie und ich haben jeden Tag viel Spaß. Es funktioniert fast alles perfekt. Wir leben in Salzburg sehr gut.

Was geht Ihnen in Österreich im Vergleich zur USA ab?

Mexikanisches Essen. Aber sonst eigentlich gar nicht so viel. Als wir nach Europa gekommen sind, war unsere Idee, dass wir das Leben hier kennenlernen wollen. Das machen wir jetzt auch sehr intensiv.

Sie sind immer gut aufgelegt, positiv, freundlich und zuvorkommend. Haben Sie eigentlich auch negative Eigenschaften?

Ich kann manchmal stur sein. Das sagt zumindest meine Frau. Aber durch mein Alter ist das sicher besser geworden. Ich bin jetzt flexibler.

Welchen Job hätten Sie, wenn Sie nicht Fußballer geworden wären?

Als ich begonnen habe zu studieren, war Arzt zu werden mein Ziel. Aber ich habe schnell gewusst, dass es ein Job im Fußball wird.

Haben Sie neben dem Fußball eigentlich auch noch ein Hobby?

Reisen. Ein großes Ziel ist, 100 Länder zu besuchen. Bis jetzt habe ich 66 geschafft.

Sind Sie ein Republikaner oder ein Demokrat?

Ich bin unabhängig. Aber ich habe bis jetzt fast immer den Kandidaten der Demokraten gewählt. Meine Frau hingegen ist ganz sicher Demokratin (lacht).

Was werden Sie im November 2029, also in zehn Jahren machen?

Da denke ich vor allem an meine Familie. Meine Kinder sind dann schon groß, hoffentlich können wir dann noch eine gute Zeit zusammen verbringen. Um die Karriere als Trainer mache ich mir keine großen Gedanken. Ich denke viel lieber im Jetzt. Aber vielleicht habe ich bis dahin Minimum 80 Länder besucht (lacht).

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