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KURIER-Interview
10/19/2018

Didi Kühbauer im Interview: "Rapid muss wieder eins werden"

90 Minuten Kühbauer pur: Der Rapid-Trainer spricht über seine Philosophie, die Menschenkenntnis und Probleme in Hütteldorf.

von Alexander Huber

Didi da, Kühbauer dort. Alle wollen den neuen Rapid-Trainer: Spieler, Betreuer, Funktionäre, Fans, Sponsoren, Medien. „Die Zeit mit der Mannschaft steht momentan ganz oben“, erklärt der gefragte Mann. „Aber ich weiß schon, was bei Rapid rundherum dazugehört. Ich erfülle die Termine, die wichtig sind, mit 100 Prozent. Ich will nicht, dass ich nur körperlich anwesend bin, aber an etwas anderes denke.“

Der KURIER-Anfrage nach einem ersten ausführlichen Interview hat der Hütteldorfer Hoffnungsträger vor dem Samstag-Spiel in Hartberg (17 Uhr) zugestimmt. Der 47-Jährige nimmt sich eine Match-Länge Zeit – also 90 Minuten – und legt es so an, wie es der frühere Mittelfeld-Motor am liebsten hat: offensiv.

KURIER: Bei Ihren Ex-Vereinen war der Erfolg auf eine starke Defensive aufgebaut. Dabei betonen Sie, dass Sie den Offensivfußball lieben. Sind Sie als Trainer ganz der Pragmatiker?

Didi Kühbauer: Genau. Mit der Defensive wirst du in Hütteldorf keinen Freudentaumel auslösen. Rapid steht für Offensive, das halte ich auch so. Aber ich will verhindern, dass diese guten Fußballer ausgekontert werden. Frankreich hat’s bei der WM vorgezeigt. Das sind Weltstars – und wie haben sie gespielt?

Sehr kompakt.

Genau. Darum geht’s. Wichtig wird sein, dass bei all der offensiven Qualität auch der Gedanke und der Wille zur Defensive bei allen da ist. Das muss in die Köpfe rein.

Was erwarten Sie in Hartberg?

Sie verkaufen sich zwar als der logische Absteiger, aber das sind sie nicht: Hartberg spielt einen guten Fußball und wird topmotiviert sein, das volle Stadion werden sie nicht so oft haben. Wenn da nicht alle an ihre Grenzen gehen, werden wir blöd aus der Wäsch’ schauen.

Rapid hat mehr Möglichkeiten als Ihre Ex-Klubs. Wie gehen Sie damit um?

Mir ist das Wichtigste, das alles getan wird, um der Mannschaft zu helfen. Deswegen habe ich sofort den Rasen angesprochen. Der ist weder im Stadion noch auf den Trainingsplätzen für eine spielstarke Mannschaft optimal. Wenn ich hingegen an das Rangers-Zentrum denke – da willst du weinen, so ein Teppich war das auf allen zehn Plätzen! Auch beim regenerativen Bereich ist uns Salzburg weit voraus.

Dafür gibt es Extras wie die Videoanalyse in der Kabine, die noch während der Pause Szenen aus der ersten Hälfte aufschlüsseln kann ...

... eine super Sache, das nutzen wir! Ich möchte hier auch noch mit dem G’schicht’l aufräumen, dass ich gegen Videoanalyse wäre. Ich glaube nur, dass es den Spielern nicht hilft, dauernd ihre Fehler zu analysieren. Das Ganze muss kurz und prägnant sein, so dass es dem Spieler hilft, auch verbunden mit Positivem.

Gegen Mattersburg haben Sie mit einem 4-4-2 samt Mittelfeldraute überrascht. Gibt es schon ein System, das Sie als am besten passend für den Kader erachten?

Dafür ist es noch zu früh. Wir wollen auch variabel sein, wichtig ist dabei, dass die Positionen besetzt sind. Es kann auch vorkommen, dass wir mit drei Innenverteidigern spielen. Die Spieler sind jedenfalls sehr lernwillig, sie sind sehr im Fußball drinnen.

Wie versuchen Sie, der Mannschaft in kurzer Zeit möglichst nahezukommen?

Mir sind Gespräche wichtig, aber ich führe keine Liste, wo ich dann Spieler abhake. Das soll nicht gespielt wirken, sondern eine Entwicklung ohne Floskeln sein. Ähnlich wie bei Fredy Bickel, der einen sehr guten Zugang zu den Spielern hat. Ich habe eine gute Menschenkenntnis, mir ist enorm wichtig, auch den Menschen hinter dem Fußballer kennenzulernen.

FUSSBALL: EUROPA LEAGUE: GLASGOW RANGERS - SK RAPID WIEN / TRAINING: KÜHBAUER

Warum?

Der Mensch kann ganz anders sein als der Fußballer, und ich würde nie versuchen, den Menschen zu ändern. Aber es soll schon möglich sein, dass ein Introvertierter dann auf dem Platz aggressiv dabei ist.

Sie waren eine Woche in Bern hospitieren und beeindruckt, wie Adi Hütter die Young Boys trainiert hat. Ist YB mit Rapid zu vergleichen?

Das Niveau in der Schweiz ist ein wenig höher. Aber vom Budget her ist Bern mit Rapid vergleichbar. Adi hat es geschafft, dass die tägliche Arbeit mit sehr viel Zug stattfindet. Das ist sein Werk. In Österreich haben wir die Schwäche, dass sehr gute Fußballer es gerne ein wenig schleifen lassen. Was mir noch aufgefallen ist: YB wirkt wie ein Verein, der komplett eins ist. Das soll auch unser Ziel sein, Rapid muss in allen Belangen wieder eins werden.

Wie kam es dazu, dass Manfred Nastl Ihr treuer Begleiter als Co wurde?

Ich kannte ihn nicht, habe ihn bei der Admira von Gerhard Rodax übernommen. Mein Wunsch – absolute Loyalität, in guten wie schlechten Zeiten – wurde immer erfüllt.

Was erwarten Sie inhaltlich vom Stab?

Für mich sind Co-Trainer sehr wichtig, keine Hütchenaufsteller. Ich schließe Thomas Hickersberger da jetzt ein. Sechs Augen sehen auch mehr als zwei. Wir besprechen alles, aber immer intern. Vor der Mannschaft will ich keine Differenzen, da muss es in eine Richtung gehen.

Aus St. Pölten ist zu hören, dass Ihr Wunsch nach einer Freigabe für Rapid sehr forsch vorgetragen wurde. War da die Angst dabei, dass das Engagement noch an der fehlenden Ausstiegsklausel scheitern könnte?

Ich hatte immer eine Klausel für Rapid – und nur für Rapid – in meinen Verträgen. Weil das der Klub ist, wo ich immer hinwollte. Diesmal aber nicht. Die Enttäuschung, wenn es nicht geklappt hätte, wäre schon sehr groß gewesen. Aber es wäre meine Pflicht gewesen, dass ich dann versucht hätte, für dieses tolle SKN-Team voll da zu sein.

Sie haben in Glasgow das körperliche Problem angesprochen. Da fast durchwegs englische Wochen warten, werden Sie stark rotieren müssen, oder?

Ich habe es bei meinen Ex-Vereinen selbst erlebt: Die Doppelbelastung ist auf Dauer ohne Rotation nicht auszuhalten. Die Spieler müssen mir im Training aber auch zeigen, dass sie es verdienen, hineinrotiert zu werden. Es wird in englischen Wochen jedenfalls nicht gehen, nebenbei einen Kondi-Block einzulegen. Es ist auch Kopfsache: Wenn du mehr Erfolge hast, wird es leichter. Das erwarte ich schon.

In den vergangenen zwei Jahren haben mit Schobesberger und Mocinic zwei Schlüsselspieler fast durchwegs gefehlt. Planen Sie mit den beiden?

Schobi ist nach seiner Hüft-OP weit vor der Zeit, er hat jetzt aber leichte Schmerzen bekommen. Deswegen bremse ich ihn. Die Gesundheit des Spielers ist mir wichtiger als mein persönlicher kurzfristiger Erfolg. Das verspreche ich. Der Schobi soll nicht nur im nächsten Monat funktionieren, sondern noch viele Jahre. Ivan ist sehr engagiert und intelligent – aber der Rhythmus fehlt nach den zwei Jahren natürlich noch, vor allem im Zweikampf.

Ein Blick zurück: Mit Barisic, Mandreko und Marasek haben Sie unter Trainer Dokupil die legendären „Daltons“ gebildet. Was würden Sie über Spieler sagen, die 2018 solche Späße treiben wie dieses Quartett Mitte der 90er?

Ich verstehe sehr viel Spaß und lache auch gerne, aber ich würde ihnen davon abraten. Stichwort Social Media: Wenn du Erfolg hast, lachen die Leute über die Videos, die es heute sicher geben würde. Aber wehe, du verlierst: Dann ist die Lockerheit, die vorher das Erfolgsgeheimnis war, ganz schnell der Grund für den Misserfolg – und die Spieler würden am Pranger stehen.

Zum Schluss eine private Frage: Sie haben im siebenten Bezirk eine Wohnung. Werden Sie trotzdem wie so viele Burgenländer Pendler bleiben oder mehr Zeit in Wien verbringen?

Ich bin Vater von zwei Töchtern und auch meine Frau arbeitet. Nur weil ich jetzt Rapid-Trainer bin, heißt das nicht, dass ich von meinen elterlichen Pflichten entbunden wäre. Die Mädchen sollen ja den Papa sehen! Deswegen pendle ich, aber nach Abendterminen werde ich schon manchmal in Wien schlafen. Mir taugt diese Stadt ja sehr!