Sport | Fußball
21.07.2018

ÖFB-Teamspieler Prödl: „Es hat richtig weh getan“

Sebastian Prödl erzählt im Interview über den Schmerz des passiven WM-Zuschauers.

Eines konnte sich Sebastian Prödl im Urlaub dann nicht nehmen lassen. Als England-Legionär das Semifinale der Three Lions gegen Kroatien in einem Londoner Pub zu verfolgen. „Für England war diese WM eine Riesensache“, erzählt der Teamverteidiger, der sich mit dem FC Watford gerade im Stanglwirt in Going auf die neue Premier-League-Saison vorbereitet. „Auch wenn die Engländer realistisch gesehen nie wirklich die Chance hatten, Weltmeister zu werden.“

KURIER: Wie haben Sie überhaupt die WM verfolgt? Mit Begeisterung? Mit Neugier? Vielleicht sogar mit Wehmut?

Sebastian Prödl: Ich gebe es ganz offen zu: Ich habe mich nicht so richtig für diese WM begeistern können, und ich habe mich dafür auch nicht begeistern wollen. Das war 2014 in Brasilien schon so, diesmal sogar noch ärger.

Ein Fußballer, den die WM kalt lässt. Woher kommt das?

Schon allein wegen der Tatsache, dass ich in einer Nationalmannschaft spiele, die eigentlich die Qualität hat, bei so einem Turnier dabei zu sein – aber eben leider doch nur in der Zuschauerrolle ist. Deshalb waren bei mir beim Zuschauen die Wehmut und die Sehnsucht viel größer als das Interesse an der WM. Ich habe es sogar ganz bewusst vermieden, mir viele Spiele anzusehen.

Wirklich?

Ja, der Schmerz war zu groß. In diesem Moment hat es mir richtig weh getan, nur Zuschauer zu sein. Ich hätte uns selbst gerne in Russland gesehen. Österreich hätte eigentlich dabei sein müssen.

Haben Sie von der WM trotzdem irgendwelche wichtigen Erkenntnisse gewonnen?

Was mich zum Beispiel so erstaunt hat: Man weiß heute ja praktisch alles über den Gegner. Alles ist digitalisiert, die Spieler werden per GPS verfolgt. Du kannst in Echtzeit die Daten abrufen, kennst die Passgeschwindigkeiten jedes einzelnen Fußballers, seine Laufwege, seine Stärken und Schwächen. Eigentlich ist der Fußball komplett gläsern geworden. Und trotzdem...

...und trotzdem?

Trotzdem gibt es Teams wie Frankreich oder auch Kroatien, die nicht leicht ausrechenbar sind. Was ich sagen will: Ich glaube, dass viele Favoriten auch deshalb so früh ausgeschieden sind, weil man von diesen Teams alles wusste. Weil sie bekannt waren für ihr typisches Spielsystem. Spanien, Deutschland, Argentinien, Portugal – Herbert Prohaska hat gemeint, dass sich diese Mannschaften alle auf ihren Superstar verlassen hätten. Ich bin der Meinung: All diese Teams hatten nur eine Variante, um zum Erfolg zu kommen. Das hat ihnen das Bein gebrochen.

Was haben Frankreich und Kroatien dann anders, besser gemacht?

Beide Teams hatten Spieler in ihren Reihen, die individuell überraschen können, die ausbrechen und unvorhergesehene Aktionen setzen können. Wenn man einen Trend bei dieser WM erkennen will, dann den: Das Überraschungsmoment ist die neue Waffe im Fußball. Das macht den Unterschied.

Auch Österreich wirkte irgendwann unter Marcel Koller sehr ausrechenbar.

Marcel Koller war der richtige Trainer zum richtigen Zeitpunkt, um für unser Team einen neuen Spielstil zu kreieren. Wir haben einen Stil verinnerlicht, an ihm festgehalten und waren damit erfolgreich. Das war, wenn man so will, auch eine Art Überraschungseffekt. Mit unserem Pressing haben wir damals die Gegner teilweise auf dem falschen Fuß erwischt.

Zumindest bis zur EURO 2016.

Irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, wo wir als Gegner mehr respektiert wurden, wo unser Stil auch analysiert wurde, und wo dann die Teams gegen uns anders gespielt haben. Das müssen wir uns ankreiden lassen, dass wir nicht rechtzeitig begonnen haben, flexibler und weniger berechenbar zu werden.

Der neue Teamchef Franco Foda hat bislang sehr viel experimentiert und ausprobiert.

Da ist etwas im Entstehen, auch wenn wir noch lange nicht am Ziel sind. Wir sind heute für den Gegner sicher nicht mehr so leicht auszurechnen. Franco Foda setzt extrem viele Spieler ein und probiert einige taktische Formen aus. In den drei Sommerspielen haben wir drei verschiedene Systeme gespielt. Das stärkt den Konkurrenzkampf und macht es für den Gegner auch nicht so leicht, sich auf uns einzustellen.

Wo steht denn aktuell das österreichische Nationalteam?

Unsere Spannweite ist gerade enorm. Einerseits waren wir bei der WM nur Zuschauer, andererseits hätte ich uns nach den letzten Leistungen auch zugetraut, bei dieser WM eine Rolle zu spielen. Ich glaube, dass wir eine vernünftige Mannschaft haben, einen sehr guten Trainer und dass man vor allem merkt, dass der absolute Wille dahinter ist. Ich sehe uns aber erst an der Startlinie, aber mit guten Aussichten.

Wo soll der Weg hinführen? 

Es ist sicher nicht zu hoch gegriffen, wenn wir die EM-Teilnahme 2020 als Ziel ausgeben. Aber es wird schwer genug, weil in den letzten Jahren viele kleinere Fußballnationen, und da gehören wir auch dazu, extrem aufgeholt haben. Wir sind zwar näher an die Topteams herangekommen, aber wir müssen zugleich auch auf der Hut sein, damit uns andere Länder nicht überholen.

Was meinen Sie damit?

Wenn ich  mitbekomme, wie kleinere Nationen in Trainingszentren, Stadien, in die Infrastruktur und in die Zukunft investieren, dann müssen wir als Österreich auch aufpassen. Dass wir nämlich nicht nur versuchen, die Großen zu jagen, sondern auch diese Teams im Auge haben, die hinter uns sind. Wir brauchen uns da gar nichts vormachen: Länder wie Bosnien oder auch die Ungarn sind uns in Sachen Infrastruktur vielleicht sogar schon einen kleinen Schritt voraus.

Was ist das Problem?

In Österreich wird oft der Fehler gemacht, dass  man  nur in der Gegenwart denkt und lebt. Man muss alle Ressourcen ausnützen, braucht Projekte für die Zukunft. Wir haben einen super Trainer und müssen nun schauen, in allen Bereichen so hochprofessionell aufzutreten, wie wir es gerade an vorderster Front tun. Dann sehe ich sehr gute Perspektiven für die nächsten 15 Jahre, weil viel Potenzial vorhanden ist. 

Sind das die Worte und Wünsche eines Routiniers?

Ich habe heute eine andere Rolle  im Team. Vor acht, neun Jahren bin ich zum Nationalteam gefahren und habe dort trainiert und gespielt. Heute versuche ich auch Sprachrohr zu sein und mir meine Gedanken zu machen und Sachen zu hinterfragen: Was haben wir gut gemacht, wo gibt es Verbesserungspotenzial? Da fallen mir heute Dinge auf, die ich in meiner Position ansprechen kann –  und auch darf.

Sie sind seit elf Jahren Legionär. Hat sich im Ausland die Wahrnehmung des österreichischen Fußballs verändert?

Es ist überhaupt nicht zu vergleichen mit 2008. Der österreichische Fußball genießt heute grundsätzlich mehr Ansehen, weil es viel mehr Legionäre gibt. Ich finde aber auch die Entwicklung der Liga sehr positiv. Das ist ein gutes Zeichen. Auch für das Nationalteam.

Der Abwehrchef aus der Steiermark

Karriere Sebastian Prödl (*21. Juni 1987 in Graz) begann seine Profikarriere bei Sturm. 2008 wechselte der Verteidiger zu Bremen, wo er bis 2015 in 149 Liga-Spielen zehn Mal traf. 2009 gewann er  den DFB-Cup und stand im UEFA-Cup-Finale. Seit 2015 spielt Prödl in der Premier League bei Watford. Der Steirer wurde 2007 mit der U 20 WM-Vierter. In 69 Länderspielen traf er vier Mal. 
 
Familie Prödl ist liiert. Seine Cousine ist Viktoria Schnaderbeck, Österreichs Team-Kapitänin, die diesen Sommer vom FC Bayern zu Arsenal nach London wechselte.