Gareth Southgate: Der englische Teamchef hat den Titel im Visier

© APA/AFP/POOL/JUSTIN TALLIS

Sport Fußball
07/10/2021

Mancini vs. Southgate: Der Kommissar fordert den Manager

Italiens Roberto Mancini holte seinen Freund zur Unterstützung ins Team, Englands Gareth Southgate will Wiedergutmachung

von Peter Gutmayer, Günther Pavlovics

Der englische Verband, der sich selbstbewusst „The Football Association“ nennt, führt Gareth Southgate unter dem Titel „Manager“. Beim italienischen Verband FIGC hat Roberto Mancini die Berufsbezeichnung „Commissario tecnico della Nazionale Italiana“. In weiterer Folge werden die beiden hier Teamchefs genannt.

Mancini und Southgate waren Profifußballer in den höchsten Ligen ihrer Heimat und liefen auch für ihre Nationalteams auf. Während der 56-jährige Mancini Europacupsieger und Meister wurde, fehlen dem 50-jährigen Southgate die internationalen Erfolge. Beide aber haben ihre Geschichte. Mancini verbindet mit seinem Delegationsleiter eine tiefe Freundschaft. Mit Southgate verbindet man in England das Versagen vom Elfmeterpunkt. Nur einer der beiden darf sich ab Sonntag spätnachts Europameister nennen, England trifft in London auf Italien (Anpfiff um 21 Uhr MESZ).

Roberto Mancini:
Der Freund an seiner Seite

20. Mai 1992. Im Wembley-Stadion wird das Finale im Europacup der Landesmeister ausgespielt. Das letzte, denn im Herbst ersetzte die Champions League den guten alten Meistercup. Der FC Barcelona, eine Startruppe mit Guardiola, Stoitschkow, Koeman, Laudrup, die von Johan Cruyff trainiert wurde, traf auf Italiener. Aber es war keiner der großen Klubs, sondern Sampdoria Genua. Ronald Koeman erzielte erst in der Verlängerung das entscheidende 1:0. Unter den enttäuschten Verlierern waren Gianluca Vialli und Roberto Mancini, zwei dicke Freunde, die „gemelli del gol“.

Vialli war Mittelstürmer und Lebemann, ein sonniges Gemüt. Mancini war ein technisch feiner, fast genialer offensiver Mittelfeldspieler – ein scheuer Aristokrat. Die Tor-Zwillinge gewannen mit Sampdoria 1990 den Europacup der Cupsieger und 1991 die Meisterschaft – die einzige der Klubgeschichte und die letzte, die nicht an einen Klub aus Mailand, Turin oder Rom ging.

Mancini und Vialli kommen am Sonntag wieder ins Wembley-Stadion. 29 Jahre später wollen sie es mit einem großen Titel wieder verlassen: Roberto Mancini, der Commissario Technico, der Teamchef von Italien, und Gianluca Vialli, der Capo Delegazione. Mancini, der im November 57 Jahre alt wird, wurde in Jesi in der Provinz Ancona geboren. Er kam im Jahr 1982 zu Sampdoria und blieb bis 1997, danach war er noch drei Jahre bei Lazio und einen Monat in Leicester. Vialli, der am Freitag 57 Jahre alt wurde, wurde in Cremona geboren, spielte von 1984 bis 1992 bei Sampdoria, danach vier Jahre bei Juventus und drei bei Chelsea.

Der Schock

Gianluca Vialli hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er hat ihn fürs Erste besiegt, aber Gewissheit gibt es wohl nie. Während seines Kampfes gegen den Tumor hat er so viel Gewicht verloren, dass er unter dem Hemd einen Pullover getragen hat, damit sich die Leute nicht erschrecken.

Als Vialli erkrankte, brauchte Mancini ein paar Tage, um sich zu sammeln, bevor er seinen Freund anrief. Nach Operation und Reha hat ihn Mancini ins Nationalteam geholt. Damals sahen viele darin eine persönliche Gefälligkeit, manche sogar eine Art Gnadenakt.

Doch Vialli wurde zum großen Motivator. Der Fernsehsender Rai hat vor der EM eine Miniserie gedreht, in der Vialli in einem Besprechungsraum im Teamcamp in Coverciano über seinen Kampf gegen den Krebs redet. Er vermittelt den Spielern, dass es sich lohnt zu kämpfen, um jedes Tor, um jeden Ball, gegen den Krebs. „Es gibt noch so viele Dinge in diesem Leben, die ich schaffen möchte.“ Den EM-Titel etwa. Mancini und Vialli formten aus Spielern, die sich nur alle paar Monate treffen, eine Truppe.

Gareth Southgate:
Vom Versager zum Helden

Gareth Southgate ist 50 Jahre alt – und hat Fußball-England die Hoffnung zurückgegeben. Unter ihm kämpfen die Three Lions wieder um Titel, so auch am Sonntag im Finale gegen Italien. Der Teamchef ist in der Heimat der große Held, der Heilsbringer. Und das, obwohl er vor 25 Jahren noch der Depp der Nation war.

Es war der 26. Juni 1996, EM-Halbfinale England gegen Deutschland im Wembley-Stadion. Nachdem im Elferschießen die ersten zehn Strafstöße allesamt verwandelt worden waren, legte sich Verteidiger Southgate den Ball auf – und scheiterte an Keeper Andreas Köpke. Andreas Möller traf, England war draußen. Der Sündenbock war schnell gefunden, die Medien zerrissen Southgate in der Luft, das ganze Land lachte über ihn. Southgate fiel es lange Zeit sehr schwer, mit den Ereignissen dieses Tages abzuschließen. „Ich habe eine Million Dinge von diesem Tag und den darauffolgenden Jahren gelernt. Die wichtigste Sache ist, dass es nicht das Ende ist, wenn etwas im Leben schiefläuft“, sagte er später.

Kultfigur

Seine Trainer-Karriere begann er bei Middlesbrough, ehe er zum englischen Verband wechselte. Nach einigen Jahren im Nachwuchs übernahm er 2016 den Teamchefposten – und spielte sich in die Herzen der Fans. Spätestens seit dem WM-Halbfinale 2018 ist er ein Nationalheld. Sein Outfit – er ist stets smart gekleidet – ist längst Kult, manche bezeichnen Southgate sogar als Mode-Ikone. Ein weiterer Beweis für seine Beliebtheit: Eine Fast-Food-Kette schenkte ihm kostenlose Pizza auf Lebenszeit.

Der Hype um den Coach ist riesig. Während er in der 1998er-Version des Liedes „Three Lions“ (Football’s Coming Home) noch unfreiwillig im Text vorkam, gibt es mittlerweile einen eigenen Song für ihn. Schon bei der WM 2018 haben die Fans den Song „Whole Again“ von Atomic Kitten umgetextet. Jetzt hat die Pop-Band die neue Version sogar aufgenommen. „Southgate, you’re the one, you still turn me on. Football’s coming home again“ – „Southgate, du bist der Richtige, du machst mich immer noch an. Der Fußball kommt wieder nach Hause“, heißt es da.

Auch die Experten von der Insel stehen hinter ihm und wollen vom 96er-Drama nichts wissen: „Gareth Southgate hat alles, was es braucht, um eine Führungspersönlichkeit zu sein: Er ist respektvoll, bescheiden, ehrlich“, sagt Gary Neville. Alan Shearer schrieb sogar einen Brief: „Gareth, ich habe dir nie die Schuld gegeben. Du bist gestolpert. Aber du bist wieder aufgestanden. Und jetzt ist es endlich Zeit, um loszulassen.“ Sollte er England tatsächlich den ersten Titel seit der WM 1966 schenken, wird er wohl endgültig zum Ritter geschlagen.

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