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Sport Fußball
03/21/2021

Lothar Matthäus ist 60 - das Porträt eines Unvollendeten

Deutschlands Rekordspieler und Weltmeister hat immer schon polarisiert. Zu sagen hatte er ebenfalls schon immer viel.

von Stephan Blumenschein

Ein Interview direkt auf der Trainerbank zu führen ist ungewöhnlich. Wenn zeitgleich aber dazu noch ein Trainingsspiel stattfindet, ist das noch ungewöhnlicher. Es war ein November-Abend im Jahr 2006, als Lothar Matthäus dem KURIER in der Red-Bull-Arena Rede und Antwort stand. Es war gerade Länderspiel-Pause, viele Stars nicht da. Die, die in Salzburg geblieben waren, absolvierten eine Bewegungstheraphie gegen Going.

Matthäus war in seinem Element. Er redete viel. Aber er hatte auch viel zu sagen. Ganz anders als viele, die nach ihm in Salzburg arbeiteten und die auch bei Interviews nur ihre Standardphrasen abspul(t)en. Gespräche mit ihm waren journalistisch immer ergiebig – besonders dann, wenn keine Kameras dabei waren. Noch heute kommt er im TV nicht so rüber wie damals in Salzburg. Da war bei jeder Aussage klar, dass da jemand redet, der sich im Fußball auskennt.

Irrglaube

Am 21. März feiert Lothar Matthäus Geburtstag, mit seinem sechzigsten einen runden noch dazu. Trainer ist er schon seit zehn Jahren nicht mehr gewesen – zu viel ist in der zweiten Karriere nicht so gelaufen, wie wohl auch er es sich eigentlich vorgestellt hatte. In Salzburg war das jedenfalls so. Gekommen war Matthäus im Glauben, als Cheftrainer engagiert worden zu sein. Doch Giovanni Trapattoni wurde ihm vorgesetzt – zwei Alphatiere im Bullenstall, das konnte nicht gut gehen. Nach einem Jahr musste Matthäus gehen, nachdem er die Transferpolitik des Italieners öffentlich kritisiert hatte.

Die Erfolge des Spielers Lothar Matthäus waren für den Trainer Lothar Matthäus wahrscheinlich ein zu schwerer Rucksack. Mehr als 20 Jahre prägte er den deutschen Fußball mit. Noch immer ist er DFB-Rekordteamspieler – das ist auch deshalb bemerkenswert, weil zu seiner Spielerzeit wesentlich weniger Länderspiele als heute ausgetragen wurden.

Aufgewachsen ist Matthäus im fränkischen Herzogenaurach. Sein Vater arbeitete beim Sportartikelhersteller Puma als Hausmeister. Erst mit 18 und als gelernter Raumausstatter verließ sein Sohn die Heimat. Bei Mönchengladbach schaffte Lothar 1979 sofort den Durchbruch. In seiner ersten Saison erreichte der Mittelfeldspieler das UEFA-Cup-Finale, das Gladbach gegen Frankfurt verlor, und wurde in den DFB-Kader für die EM 1980 einberufen.

Höhepunkt in Italien

Vier Jahr später folgte der umstrittene Wechsel zu den Bayern. Von den Fans seines Ex-Klubs wurde er als „Judas“ beschimpft. Für die Münchner spielte er zwölf Saisonen, holte sieben Meistertitel. Den Zenit seiner Karriere erlebte er aber als Inter-Spieler. 1990 führte er Deutschland als Kapitän zum WM-Titel, wurde Deutschlands und Europas Fußballer des Jahres, dazu Weltfußballer und Weltsportler des Jahres.

Unumstritten war Matthäus auch als Spieler nie. Immer wieder gab es Probleme mit Trainern. Ex-Teamchef Jupp Derwall beschrieb ihn als „Lehrling, der morgen gerne Generaldirektor“ sein wolle. Auch von den Bayern ging er 2000 im Streit. „Solange ich und der Kalle Rummenigge etwas zu sagen haben, wird der nicht mal Greenkeeper im neuen Stadion“, erklärte Uli Hoeneß damals.

Seine Nähe zur Bild-Zeitung war mehr Fluch als Segen – besonders, als er als Trainer arbeitete und der Erfolg nicht so da war wie zu Spielerzeiten. Sein turbulentes Privatleben – er ist zum fünften Mal verheiratet (aktuell mit der 27 Jahre jüngeren Russin Anastasia Klimko) – tat sein Übriges. Sein größter Förderer, Jupp Heynckes, ist sich sicher, dass dieses „nicht förderlich“ für dessen Trainerkarriere gewesen sei. Seit vielen Jahren ist Lothar Matthäus Kolumnist bei Sportbild und Experte bei Sky. „Ich glaube schon, dass ich wunschlos glücklich sein kann“, sagt er über sein Leben. Er muss längst nicht mehr müssen.

Teamchefkandidat

Und trotzdem ist er gerade jetzt wieder im Gespräch – als Kandidat für den obersten Trainerjob in Deutschland. Matthäus kann sich den DFB-Teamchef-Posten zumindest vorstellen. „Ich bin jemand, der gerne hilft. Wenn ich das Gefühl hätte, dass die Verantwortlichen geschlossen dahinter stehen, dann würde ich mir Gedanken machen“, sagte er jüngst. Er selbst favorisiert als Nachfolger des im Sommer scheidenden Jogi Löw aber Bayern-Trainer Hansi Flick, der einst in Salzburg noch sein Assistent war.

Dass Matthäus gerne hilft (als besonders hilfsbereit wird er auch von Jupp Heynckes beschrieben), kann auch der Autor dieser Zeilen aus eigener Erfahrung bestätigen. Denn als sich der 1993 mit zwei Freunden auf dem Weg zu einem Van-Halen-Konzert in der Olympiahalle auf einem Münchner Ring verfahren hatte, musste man an einer Ampel nach dem Weg fragen. Im Auto daneben saß zufälligerweise der damalige Bayern-Star am Streuer - zunächst verdeckt von seiner späteren zweiten Ehefrau Lolita Morena. Er erklärte nicht nur freundlich den Weg, sondern fuhr sogar einen großen Teil der Strecke voraus.

Lothar Herbert Matthäus
wurde am 21. März 1961 in Erlangen geboren. Er ist zum fünften Mal verheiratet und vierfacher Vater.  Mit Gladbach, Bayern, Inter und den NY Metro- Stars holte er 18 Titel. Mit Deutschland wurde der Rekordteamspieler (150 Länderspiele) Welt- (1990) und Europameister (1980). 2001 startete er bei Rapid seine Trainerkarriere, mit einer Elf, die er nicht zusammengestellt hatte, wurde er nur Achter. Partizan Belgrad führte er 2003 zur Meisterschaft. Er arbeitete auch noch in Brasilien und Israel, war Teamchef  Ungarns und Bulgariens.

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