Sport | Fußball
29.08.2018

Löw räumt eigene Fehler ein: "Es war fast schon arrogant"

Der deutsche Teamchef präsentierte seine Analyse des WM-Desasters. Teammanager Bierhoff übte harsche Kritik.

Der deutsche Teamchef  Joachim Löw hat das Vorrunden-Aus bei der Fußball-WM als „absoluten Tiefschlag“ bezeichnet. Es gebe nichts zu beschönigen, sagte Löw auf einer Pressekonferenz in München und fügte hinzu: „Wir sind weit unter unseren Möglichkeiten geblieben und haben zu Recht die Quittung dafür bekommen.“ Die ersten zwei, drei Tage nach dem Ausscheiden seien von Frust, Niedergeschlagenheit und einer großen Portion Wut geprägt gewesen.

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach der WM-Blamage in Russland hat Löw auch eigene Fehleinschätzungen eingestanden. „Mein allergrößter Fehler war, dass ich geglaubt habe, dass wir mit unserem dominanten Stil durch die Vorrunde kommen. Wenn wir dieses Spiel spielen, müssen alle Rahmenbedingungen stimmen, damit wir dieses hohe Risiko auch tolerieren können. Diese Rahmenbedingungen haben in diesen Spielen bei uns nicht gepasst“, sagte Löw.

„Es war fast schon arrogant. Ich wollte das auf die Spitze treiben und es noch mehr perfektionieren. Ich hätte die Mannschaft vorbereiten müssen so wie es 2014 der Fall war, als es eine Ausgewogenheit gab zwischen Offensive und Defensive.“

Thema Özil unterschätzt

Das Thema Mesut Özil habe man vor und während der WM „absolut unterschätzt“, räumte Löw ein. „Wir dachten, dass wir das Thema aus der Welt schaffen mit dem Treffen beim Bundespräsidenten. Mein einziger wichtiger Gedanke war, uns richtig auf die WM vorzubereiten“, sagte der 58-Jährige zu den Fotos von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. „Dieses Thema hat Kraft gekostet, dieses Thema war nervenaufreibend, weil es immer wieder da war“, ergänzte Löw. Es sei aber nicht der Grund für das vorzeitige WM-Aus gewesen.

Die Art und Weise des Rücktritts von Özil kann der Bundestrainer nicht nachvollziehen. „Mit seinem Vorwurf über Rassismus hat Mesut ganz einfach auch überzogen. Es gab nie in der Mannschaft auch nur einen Ansatz von Rassismus, keinen Ansatz von rassistischen Äußerungen“, betonte Löw. Özil hatte unter anderem dem DFB-Präsidenten Reinhard Grindel Rassismus vorgeworfen. „Dass dieser Rücktritt so vollzogen wurde, schmerzt uns alle, ihn ja auch“, bemerkte Teammanager Oliver Bierhoff.

Mit Blick auf Gündogan appellierte Löw an die Fans, den Profi nicht mehr auszupfeifen. „Ich hoffe auf das Verständnis von allen Fans. Er hat unter der Situation sehr gelitten“, sagte Löw und fügte hinzu: „Ilkay hat sich nochmals bekannt zu den deutschen Werten, zur Mannschaft.“ Eine Nichtberücksichtigung des Profis von Manchester City sei kein Thema gewesen. „Ich sehe in ihm einen Spieler, der den Durchbruch bei uns schafft“.

"Selbstgefällig aufgetreten"

Bierhoff äußerte im Anschluss harsche Kritik am Auftritt des DFB-Teams in Russland. „Uns hat die richtige Einstellung gefehlt. Wir sind selbstgefällig aufgetreten, wir haben die Unterstützung der Fans für zu selbstverständlich gehalten“, sagte der ehemalige Teamstürmer. Man habe gedacht, dass das ein Selbstläufer sei, ergänzte Bierhoff

Erste personelle Konsequenz

Thomas Schneider wird jedenfalls nicht mehr als Löws Co-Trainer fungieren. Schneider soll nach Angaben des Bundestrainers zukünftig die Leitung der Scouting-Abteilung des DFB übernehmen.

Demnach wird der Trainerstab zukünftig neben Löw aus Assistent Marcus Sorg und Torwarttrainer Andreas Köpke bestehen. „Wir wollten ganz bewusst einen Fachmann im Scouting-Team haben, was die Gegneranalyse betrifft. Urs Siegenthaler wird selbstverständlich weiter in diesem Bereich zuständig sein“, sagte Löw zur Personalie Schneider.

Auch der erweiterte Betreuerstab wird zukünftig deutlich kleiner sein. Im Vergleich zum WM-Aufgebot werden demnach elf, im Vergleich zu normalen Länderspielen sieben Person weniger im Einsatz sein, wie Bierhoff hinzufügte.

Drei Neue im Kader

Im Kader für die kommenden Spiele am 6. September in der neuen Nationenliga gegen Weltmeister Frankreich und drei Tage später im Testspiel gegen Peru fehlt ein prominenter Name. Sami Khedira von Juventus Turin wurde erstmals seit langer Zeit nicht berücksichtigt. Insgesamt stehen 17 Spieler aus dem WM-Kader im neuen Aufgebot.

Neu sind hingegen Thilo Kehrer (PSG), Nico Schulz (Hoffenheim) und Kai Havertz (Leverkusen). Auch die kurz vor der WM aus dem Kader gestrichenen Leroy Sane (Manchester City), Nils Petersen (SC Freiburg) und Jonathan Tah (Bayer Leverkusen) sind von Löw wieder berufen worden.

Dass Khedira nicht mehr dabei ist, hatte sich bereits angedeutet. Der Weltmeister von 2014 hatte dafür im Vorfeld bereits Verständnis gezeigt. "Wenn es aktuell Bessere gibt, dann werde ich das akzeptieren", hatte sich Khedira zuletzt geäußert. Löw sagte zu seiner Entscheidung gegen Khedira: "Ich habe ihm gesagt, dass ich jetzt Raum und Platz schaffen möchte auf dieser Position. Wir sprechen zu gegebener Zeit weiter." Aus dem WM-Aufgebot hatten zuvor Mesut Özil und Mario Gomez ihren Rücktritt erklärt. Dazu sind derzeit der dritte Torhüter Kevin Trapp sowie Marvin Plattenhardt und Sebastian Rudy außen vor.