Rangnick-Assistent Lars Kornetka: „Wir müssen Spanien richtig Druck machen“
Vertraut: Lars Kornetka (l.) mit Teamchef Rangnick bei der Arbeit
Seit zwei Jahrzehnten ist Lars Kornetka an der Seite von Ralf Rangnick tätig. Nach der WM trennen sich die Wege vorerst.
Der erste Teamchef-Assistent ist seit 11. März Cheftrainer von Eintracht Braunschweig. Weil sich die beiden Jobs auf Dauer vor allem zeitlich nicht miteinander vereinbaren lassen, verlässt er Österreich nach der WM mit viel Wehmut, wie er sagt.
Der 48-Jährige spricht über das heiße Finish gegen Algerien, den noch fehlenden Flow und den Plan des Nationalteams gegen Spanien.
KURIER: Wie haben Sie die turbulenten letzten Minuten im Spiel gegen Algerien auf der Bank erlebt?
Lars Kornetka: Eine gewisse Spannung war schon davor da, weil nicht klar war, ob es beim Unentschieden bleibt. Zum Glück haben wir uns darauf verständigt, den fünften und letzten Spielerwechsel aufzuheben, obwohl Mwene Probleme hatte. Deshalb habe ich auch allen Spielern auf der Bank gesagt, sie sollen sich umziehen, damit sie sofort rein können, falls wir sie brauchen. Der Rest, nach der Einwechslung von Sasa Kalajdzic, ist Geschichte.
Was ist bei Ihnen passiert?
Es sind alle ausgeflippt, ich bin auch zur Ecke gelaufen, so etwas habe ich zuvor noch nie in meinem Leben gemacht. Im Grunde bin ich in solchen Situationen ja anders als viele andere.
Wie sind Sie denn?
Bei mir entsteht nicht die große Emotion, sondern meist Nüchternheit. Ich versuche, lösungsorientiert zu bleiben. Die emotionalen Dämme brechen später. Da war ich dann auch mega happy, obwohl es natürlich nicht das Spiel war, das wir uns erhofft hatten. Dass wir über weite Strecken so passiv sind, war nicht der Plan.
Wie ist diese Passivität im Spiel zu erklären?
Der Beginn war okay und nach unserem Plan. Dann haben wir mit dem Ball aber oft keine guten Entscheidungen getroffen und waren nicht stabil genug, um den Ball auch zu behaupten. Dann kippte das Spiel immer mehr, der Ausgleich Algeriens war verdient. Die zweiten 45 Minuten kann man taktisch kaum bewerten.
Lag noch mehr Druck auf der Mannschaft, nachdem sich in den letzten Tagen vor dem Spiel aufgrund einiger Ergebnisse abgezeichnet hat, dass man gegen Algerien punkten wird müssen?
Ganz sicher. Je länger man auf so ein Spiel wartet, desto mehr wird auch geschrieben. Zuerst hieß es, wir wären zu 98 Prozent weiter. Das lesen die Jungs auch. Dass die Prozent dann immer weniger wurden, das hat etwas mit den Jungs gemacht.
Wie nah dran war die Mannschaft in der Gruppenphase an ihrem Leistungslimit?
Ich würde das ungern in Zahlen ausdrücken, das wäre Raterei. Das Österreich, das man bei der WM sehen könnte, gab’s noch nicht. Das scheint mir jetzt ein Vorteil zu sein, weil ich sicher bin, dass wir besser spielen können. Auch dominanter, kontrollierter und energiegeladener. Aus diversen Gründen haben wir das noch nicht auf den Platz gebracht. Meine Hoffnung und Zuversicht ist, dass wir das gegen Spanien zeigen werden. Das werden wir auch brauchen, um zu bestehen.
Welche Gründe waren das?
Die Spieler sind in unterschiedlicher Verfassung angereist, die mussten wir erst auf ein Level bringen. Dann haben wir unterschiedliche Gegner, Ergebnisse und Platzverhältnisse erlebt, das macht was mit den Spielern. Auch unterschiedliche klimatische Bedingungen und Reisestrapazen. Wir haben es noch nicht geschafft, aus einem Guss das zu spielen, was wir im Ernst-Happel-Stadion oft gegen große Mannschaften gezeigt haben. Wir haben noch nicht diesen Flow gekriegt, den Ball ständig in die Box zu treiben, ihn dort zu behalten, das Gegenpressing so herzustellen, dass du die Bälle permanent zurückeroberst, und ein Selbstverständnis aufzubauen.
Die Identität dieser Mannschaft war immer das Spiel gegen den Ball. Warum ist diese verschwunden?
Auch hier sind es mehrere Kleinigkeiten. Einige Spieler spielen bei ihren Klubs Manndeckung, wir verteidigen ballorientiert. Sie müssen sich also wieder umstellen, es kann aber passieren, dass du in einer Stresssituation in dein altes Verhaltensmuster kommst. Wenn dann zwei Spieler etwas Unterschiedliches machen, geht genau die Lücke auf, die du eigentlich schließen müsstest. Zum Teil haben wir auch bewusst nicht so hoch attackiert, um keine Räume für Konter zu öffnen. In Summe gab es viele kleine Baustellen. Ich habe Hoffnung, dass wir nach dem Spiel gegen Spanien sagen: Jetzt sind die Österreicher da, wo sie hinmüssten.
Müssen Sie als Trainerteam viele Kompromisse eingehen bei dieser WM?
Ich kann nur für mich sprechen, weil meine Kollegen diese Frage vielleicht anders beantworten würden. Aus meiner Sicht ist das die WM der Spieler, die sie sich erarbeitet haben. Teilweise haben sie den Verein gewechselt, weil sie sich zeigen wollten vor der WM, wie Kalajdzic oder Gregoritsch. Spieler, die nach Verletzungen Sonderschichten eingelegt haben. Wie David Alaba, der gesagt hat „Das ist meine WM, ich muss da hin“ – und neben seiner Zeit bei Real Madrid mit Leuten gearbeitet hat. Mein Auftrag ist, den Jungs zu helfen, dass sie diese WM auch spielen können. Wir können bestimmen, wie unsere Spielweise auszusehen hat, aber funktionieren tut es nur mit den Spielern. Insofern gilt es natürlich, Kompromisse einzugehen. Und die gehen auch noch weiter, weil natürlich alle spielen wollen und es sich auch alle verdient haben, die hier sind.
Das geht sich kaum aus.
Du hast eine Verantwortung für die Mannschaft, für das Land, aber auch den Spielern gegenüber. Wir haben drei Mal mit einem anderen Stürmer angefangen, haben mit anderen Innen- und Außenverteidigern gespielt. Du willst die nötigen Ergebnisse erzielen, aber auch den Jungs ihre Spielzeit geben, die sie sich verdient haben. Da braucht es ein vernünftiges Gleichgewicht.
Wie knackt man Spanien?
Sie haben viel individuelle Qualität. Es wird Möglichkeiten geben, Bälle zu erobern. Wir müssen ihre Box befeuern, ihnen richtig Stress machen unterm Dach. Ich glaube, wir müssen Spanien überrollen und versuchen, sie zu verunsichern. Wir brauchen aber auch im Ballbesitz gute Lösungen, müssen länger am Ball bleiben und uns in diesen Phasen auch erholen.
Es könnte nach vier Jahren Ihr letztes Spiel beim Team sein. Wie geht’s Ihnen damit?
Ich habe noch keine Zeit, Gedanken daran zu verschwenden. Wann auch immer es vorbei ist, es wird traurig sein, weil das hier ein Zuhause für mich geworden ist. Die Jungs nennen es oft eine Familie. Ich weiß nicht, ob ich das auch sagen darf, nachdem ich kein Österreicher bin, aber es fühlt sich so an, weil ich das Land ins Herz geschlossen habe.
Was genau haben Sie ins Herz geschlossen?
Die Menschen – da sind Freundschaften fürs Leben entstanden. Aber auch, wie herzlich uns die Leute im Land begegnet sind. Da war ein Gefühl von Dankbarkeit und nicht: „Was will der Piefke hier, das kann ja auch ein Ösi machen.“
Manche haben aber sicher auch so gedacht.
Das ist dann nie an mich herangetragen worden.
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