Wie eine Stärke verschwunden ist: Was wurde aus Österreichs Pressing?
David Alaba bei der WM
Bei dieser Weltmeisterschaft gibt es ein paar Motorboote. Argentinien ist so eines oder etwa Spanien. Mit Sicherheit auch Frankreich. Österreich ist da eher ein Ruderboot.
Jedoch: Das Team hat gerade in der Ära Rangnick bewiesen, dass es solche Motorboote hinter sich lassen kann, wenn diese ein paar Schlenker einlegen, während man selbst mit voller Kraft voraus rudert. Und vor allem dann, wenn man dies gleichmäßig und akkordiert tut.
Der erste Lauf bei dieser Regatta ist ohne Überraschung verlaufen. Österreich ist als Zweiter angekommen. Hinter einem Motorboot, knapp vor einem Ruderboot und deutlich vor einem Schlauchboot. Und das, obwohl das mit dem gleichmäßigen Rudern gar nicht so gut funktioniert hat bisher.
Ja, Österreichs Team ist im Soll bei dieser WM-Regatta. Doch man wird den Eindruck nicht los, dass eine bessere Zeit möglich gewesen wäre im ersten Durchgang.
Teamchef Ralf Rangnick
Doch keine Überraschung
Anders gesagt: Österreich kann besser Fußball spielen und vor allem besser nach vorne verteidigen. Vom aggressiven Pressing, mit dem man in der Vergangenheit so manche größere Teams vor Probleme gestellt hat, ist bei dieser Weltmeisterschaft wenig bis nichts zu sehen.
Dabei hatte sich auch der Mann am Steuer, Ralf Rangnick, nach der Auslosung ausdrücklich darüber gefreut, in den USA auf Gegner aus Südamerika, Afrika und Asien zu treffen. Auch weil man besser bekannte Teams aus Europa mit dem eigenen Stil nicht mehr überraschen könne.
Doch ausgerechnet jetzt funktioniert nicht, was dieses Team über Jahre ausgezeichnet hat. Gegen Argentinien konnte man in Hälfte eins nur ein einziges Mal den Ball in der gegnerischen Hälfte erobern. Dabei war es in der Ära Rangnick oft die Anfangsphase eines Spieles, in der man die Gegner früh überrumpeln und Spiele früh entscheiden konnte. Gegen Algerien hatten Marko Arnautovic und Romano Schmid bis zu ihren Auswechslungen zur Pause keine einzige Balleroberung zu verzeichnen.
Doch woran liegt es, dass Österreich gerade jetzt, wo es drauf ankommt, seiner größten Stärke, ja sogar seiner Identität beraubt ist?
Woran liegt es, dass das ÖFB-Team bei der WM nicht ins Pressing kommt, wie es im Fußballer-Jargon so schön heißt?
Das Baumgartner-Loch
Das Problem ist vielschichtig und hat seinen Ursprung im personellen Bereich. Der Ausfall von Christoph Baumgartner wiegt nicht nur aufgrund der feinen Technik des 26-Jährigen schwer, sondern auch aufgrund seines guten Timings beim Auslösen des Pressings. Timing ist in diesem Fall alles. Wird der entscheidende Moment verpasst, schnappt die Falle erst zu, wenn das Tier bereits weg ist. Und die Jäger – in diesem Fall die Österreicher – laufen viele leere Meter hinterher. Mehrmals gesehen bei dieser WM.
Der Ausfall von Baumgartner hat auch eine Kettenreaktion ausgelöst. Einen 1:1-Ersatz gibt es nicht. Der Niederösterreicher wurde zunächst von Laimer, dann von Wanner und im dritten Spiel von Schmid ersetzt. Bayern-Star Konrad Laimer hat in drei Partien schon auf vier verschiedenen Positionen gespielt.
Automatismen, die sich dieses Team über Jahre erarbeitet hat, sind verloren.
Und jetzt alle
Zur Pressing-Problematik sagte Rangnick nach dem Spiel gegen Algerien: „Immer dann, wenn wir es versucht haben im Ansatz, haben nicht alle so mitgemacht, wie es normalerweise der Fall sein muss.“
Dass alle mitmachen, ist der zweite Schlüssel in der Pressing-Thematik neben dem exakten Timing. Ganz so wie in einem Ruderboot.
Konrad Laimer
Warum das nicht passiert ist? In manchen Fällen wirkt es, als wäre dem einen oder anderen Spieler die Überzeugung abhandengekommen. Doch wenn einer kurz zögert, verliert er entscheidende Meter – und wieder laufen alle Österreicher hinterher.
„Alle mitmachen“ heißt aber tatsächlich: alle. Sprich: Neben den Offensivspielern, die vorne anlaufen, auch die Verteidiger, die hoch aufrücken und die Räume eng machen müssen.
Faktor Alaba
In allen drei Partien rückte die von David Alaba dirigierte Viererkette oft nicht entscheidend auf, die gegnerischen Offensivspieler konnten im Raum vor der österreichischen Abwehr angespielt werden und von dort aus Akzente setzen.
Dass die Kette nicht aufrückt, könnte am Geschwindigkeitsnachteil liegen, den Alaba nach seinen Verletzungen mittlerweile hat. Je höher der Kapitän steht, desto größer wird der Raum hinter ihm für etwaige Laufduelle.
Für Rangnick gilt es bei der Aufstellung abzuwägen: Eine Elf ohne Alaba hätte womöglich Vorteile im Pressing. Umgekehrt würde der Kapitän mit seiner Passqualität im Spielaufbau immens fehlen. Bei seinem Traumpass auf Arnautovic zum 1:0 gegen Algerien hat Österreichs Topstar gezeigt, was außer ihm aktuell kein österreichischer Verteidiger kann.
Bisher hat sich Rangnick drei Mal für Alaba entschieden. Wer gegen Spanien rudern darf, wird sich zeigen.
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