Sport | Fußball
10.03.2014

Torjäger und Schmähbruder Polster ist 50

Für den KURIER zieht Österreichs Nationalteam-Rekordschütze Bilanz seines ersten halben Jahrhunderts.

Ein Samstagvormittag in Liesing. Die Sonne scheint, der Wind bläst, Toni Polsters Wr. Viktoria trainiert. Weil man am Freitag gegen Schwechat verloren hat. Bei einem Sieg wäre es für die Kicker ein freies Wochenende gewesen. Anton P. kennt auch kurz vor seinem 50. Geburtstag keine Gnade.

KURIER: Herr Polster, in Ihrer Karriere als Spieler und danach als Trainer haben Sie immer wieder gegen Vorurteile ankämpfen müssen. Warum?

Toni Polster: Und ich habe sie meistens widerlegt. Und sogar meine eigenen Erwartungen übertroffen. Ich weiß nicht, warum man mir so wenig zugetraut hat. Als ich mit 23 Jahren ins Ausland gegangen bin, haben viele gemeint: Der ist bald wieder da. Und dann war ich lange Zeit nicht mehr da. Ebenso sahen die wenigsten in mir einen Trainer. Jetzt bin ich vier Jahre Coach, war drei Mal Meister und bin ein Mal aufgestiegen.

Erst in Köln sind Sie für die Österreicher zur Kult-Figur geworden. Spät, aber doch.

Ja, da hat man mir wieder nichts zugetraut. Das ist ja überhaupt keine Liga für ihn, haben alle gesagt. Und dann hat’s dort auch geraschelt. Sich immer wieder beweisen zu müssen, das scheint irgendwie mein Schicksal zu sein.

Sie sind nach dem Admira-Abenteuer zurück als Trainer bei Wiener Viktoria. Ein Rückschlag?

Ich sehe es nicht so. Mir geht es um den Spaß, den du dabei haben musst. Wenn du bei Minusgraden zwei Stunden auf dem Platz stehst, muss es dir Spaß machen. Lieber mit Spaß in der dritten Liga, als ohne Spaß ganz oben, wo du jedes Mal schauen musst, ob von deinem Sessel nicht ein, zwei Stuhlbeine schon angesägt sind. Ich möchte mich schon in den Spiegel schauen können. Mein Gesicht möchte ich nicht verlieren, ich habe ja nur eines.

Hat Sie die Admira-Sache an Reputation gekostet?

Ich glaube nicht. Ich habe mir eben nichts gefallen lassen. Immerhin bin ich nicht nach, sondern vor einem Spiel beurlaubt worden, als ich dem Sponsor die Aufstellung sagte.

Ist eine ähnliche Vorgangsweise in Ländern wie Spanien oder Deutschland denkbar?

Völlig undenkbar.

Die Karriere von Toni Polster

Die Karriere von Toni Polster

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Der einst mit dem unbedingten Torriecher begnadete Stürmer blickt auf eine spannende Karriere als Spieler, Funktionär und Medienmensch zurück.

Begonnen hat Polsters Laufbahn in der Jugendabteilung der Wiener Austria, mit der er wohl immer in Verbindung gebracht werden wird.

Bis auf ein kurzes Zwischenspiel beim 1. Simmeringer SC blieb Polster der Austria von 1973 bis 1987 treu.

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Es folgten Polsters Wanderjahre: Über Torino Calcio landete er beim FC Sevilla (1988 - 1991). Dort traf er in 102 Ligaspielen ähnlich starke 55 Mal.

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Für den 1. FC Köln traf er in 150 Ligapartien 79 Mal in die Maschen.

- ZU APA-TEXT SI - Anton Polster (Österreich) singt heute Abend in der Pause des freundschaftlicändersnderspiels Österreich gegen Iran im Wiener Ernst-Happadiondmit den "Fabul&;se46;e46;sen Thekenschlampen". ctronic e)c e) APA PHOTOHOTO/ Herbert Pfarr

Fast immer im Mittelpunkt stand Polster auch, wenn er für das Nationalteam auflief.

Der klassische Mittelstürmer alter Prägung war auch für Österreich äußerst umtriebig vor dem gegnerischen Tor.

44 Treffer in 95 Ländermatches können sich mehr als sehen lassen, denn niemand hat öfter getroffen.

Mit dem Nationalteam nahm Polster an zwei Weltmeisterschaften teil, 1990 in Italien und 1998 in Frankreich.

Bei der Wiener Austria hat Polster, der seine Karriere nach einem Gastspiel in Gladbach bei der Austria Salzburg ausklingen ließ, natürlich ins Jahrhundertteam geschafft.

Dem nicht genug: In Wien-Favoriten ist er Jahrhundertstürmer.

Nach ein paar Jahren im Marketing-Bereich von Borussia Mönchengladbach übernahm Polster für ein Jahr die Position des General Manager bei seiner Austria. In der Rolle des Funktionärs konnte er allerdings nicht überzeugen.

APA/RUBRAAPA1708597-2 - 07012010 - LINZ - ÖSTERREICH: ZU APA-TEXT SI - Ex-Fußballer Polster wurde am Donnerstagrstag, 07. Jänner 2010, im Rahmen einer Pronferenz in Linz als persönlichea Bera Berater von LASK-Prät Petchael hael Reichel in l in Marke

Am 17. Juni 2013 heuerte er bei der Admira an, am 10. August wurde schon die Trennung verkündet, woraufhin Polster zur Wiener Viktoria zurückkehrte.

Sie haben den Fußball in einigen Ländern gesehen. Geht es in Österreich immer noch zu wenig professionell zu?

Zu 100 Prozent ja. Was hier an Funktionären herumläuft, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, das spottet jeder Beschreibung. Damit meine ich das Umfeld der Vereine.

Welches war das schönste Tor Ihrer Karriere?

Tore waren mir alle gleich lieb. Weil ein schönes um nichts mehr zählt als ein hineingenudeltes Tor.

Sie halten den Rekord mit 44 Toren im Team. Wird der jemals gebrochen?

Es sieht derzeit nicht danach aus. Rekorde sind aber dazu da, dass man sie bricht. Es wird irgendwann vielleicht einer kommen, dem das gelingen wird. Dann gratuliere ich demjenigen.

War das DDR-Spiel 1989 ein oder sogar das Highlight?

Ja. Das war ein Stück Fußball-Geschichte unseres Landes und für mich ein Wellental der Gefühle. Der Tag mutierte vom hässlichsten zum schönsten.

Nach Ihrem dritten Tor zum 3:0 haben Sie den Fans, die Sie zu Beginn ausgepfiffen hatten, einiges zugerufen. Ein Lippenleser hatte seine helle Freude.

Was habe ich denn gesagt? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Ich glaube, ich habe gerufen: Jetzt könnt’ ihr mir alle wieder Briefe schreiben ... oder so ähnlich.

Hat Sie dieses Fan-Verhalten nicht gekränkt?

Doch. Das war eine Hopp-oder-dropp-Situation. Wäre es nicht gut gegangen, hätte ich wahrscheinlich nie wieder im Team gespielt. Das wäre das Ende meiner Teamkarriere gewesen. Aber dann wären vielleicht die WM-Teilnahmen 1990 und 1998 nicht passiert. Denn in beiden Quali-Gruppen war ich Schützenkönig.

Warum gab es diese Ablehnung des Publikums gegen Sie?

Wahrscheinlich habe ich auch Fehler gemacht in der Zeit davor. Es ist nicht so, dass alle anderen Idioten sind, und nur ich die Wahrheit erfunden habe. Ich war an der Situation nicht unschuldig. Aber trotzdem geht man nicht ins Stadion zu einem wichtigen Länderspiel und pfeift dann einen eigenen Spieler aus.

Umgekehrt wurden Sie von den Rapid-Fans am Ende der Karriere mit einem Transparent verabschiedet.

Trotz zwei Mal Violett, Respekt für Toni P. Das war wie ein Ritterschlag. Da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut.

Welche war die schönste Station in der Karriere?

Sevilla und Köln. Du kommst hin und es passt. Das ist auch Glück. Die Leute haben mich respektiert und geliebt.

Haben Sie noch Kontakt zu den Thekenschlampen?

Nein, die gibt es auch nicht mehr.

Singen Sie noch?

Nein, Österreich hat meine Musik nicht verdient. Ich werde nirgendwo gespielt. Dieses Schicksal teile ich mit großen Musikern (lacht).

Pflegt der Dancing Star Toni Polster noch den Hüftschwung?

Ab und zu. Ein bissl was ist ja hängen geblieben. Ich werde aber keinen Tango oder Quickstepp mehr tanzen. So viel Platz gibt’s nirgendwo.

Vielleicht auf dem Flughafen.

Hervorragende Idee. Der Cha-Cha-Cha ist mein Tanz.

Sie werden 50, schauen aber aus wie 60. Wie machen Sie das, Herr Polster?

Herr Ober, die Herren wollen zahlen.

Der Rekord-Teamtorschütze

Anton "Toni" Polster wurde am 10. März 1964 in Wien geboren. Mit seiner Ex-Frau Elisabeth hat er einen Sohn und eine Tochter. Polster begann als 9-Jähriger bei der Austria. Mit den Wienern wurde er drei Mal Meister, 1987 gewann der Rekord-Teamtorschütze (44 Treffer in 95 Länderspielen) den Goldenen Schuh (39 Tore). 1987/’88 spielte er für Torino, danach drei Jahre für Sevilla und je eine Saison für Logrones und Vallecano. Von 1993 bis 1998 war der zweifache WM-Teilnehmer (1990 und 1998) Publikumsliebling in Köln. Nach zwei Jahren in Gladbach beendete er 2000 seine Karriere. Derzeit trainiert Polster die Wiener Viktoria, davor coachte er die LASK Juniors und ganz kurz die Admira.

Doppelbödige Moral

Am Montag wird er 50. Am Samstag wurde Toni Polster von der Austria in Favoriten geehrt. Dort, wo ihm Frank Stronach 2005 Stadionverbot erteilt hatte. Polsters Kicker-Leben war stets von Vorurteilen begleitet.

Als er 16 war, meinte der damalige Austria-Trainer (und anerkannte Fachmann) Erich Hof, dass dieser Bursche nie einer für die oberste Liga werde.

Als Polster 1989 vor Anpfiff des entscheidenden Wiener WM-Qualifikationsspiel gegen die DDR gnadenlos ausgepfiffen wurde, revanchierte sich der Buhmann mit drei Toren.

Als dem Wiener trotz eines trefferreichen fünfjährigen Spanien-Gastspieles (83 Tore) ein Scheitern beim Wechsel in die Deutsche Bundesliga prophezeit wurde, avancierte Polster aller Unkenrufe zum Trotz zum Kölner Publikumsliebling und "Toni Doppelpack".

Als ihm vor acht Monaten bei Admira kein Trainereinstand nach Maß gelang, ließen die Südstädter Polsters Entlassung auch noch rufschädigende Begründungen folgen.

Jetzt ist Polster Ostliga-Trainer bei Wiener Viktoria. Als solcher litt er Freitag in Schwechat bei einem 0:2 auf der Bank. Womit er, der Ex-Dancing-Star-Finalist, weder die neue Staffel im ORF, noch bei Sky das 2:1 von Peter Stögers FC Köln gegen Cottbus sah.

In Köln genießt Polster noch immer Kultstatus. Auch bei Borussia Mönchengladbach redet niemand über ihn so abfällig wie bei der Admira. Im Gegenteil. Mit Wiener Schmäh hatte er nach Karriereende als Marketing-Lehrling zur vollsten Zufriedenheit der Gladbacher Klubführung zig Kleinsponsoren lukriert und betreut.

Große Tiere und Kleinvieh

Inzwischen haben die meisten deutschen Bundesligaklubs Konzerne als Geldgeber, während die Sponsorsuche hierzulande (Salzburg dank Red Bull ausgenommen) notgedrungen nach dem Motto "Kleinvieh macht auch Mist" abläuft und speziell Zweitligakicker für ein paar Euro zugepflastert mit Werbung auf Stutzen, Ärmel und Po herumlaufen.

Der FC Gratkorn musste, nachdem die Hilfe eines Bestattungsunternehmens ausgeblieben war, in der zweiten Bundesliga eingeäschert werden. Der TSV Hartberg indes lebt wieder auf und lässt passend dazu auf seinen Trainingsanzügen das Logo des pharmazeutischen Samenspende-Produkts Profertil anbringen.

Gespottet wird über ungewöhnliche Sponsoren längst nicht mehr. Auch die Liga-Führung ist erleichtert, dass mit Wettanbieter Tipico ein neuer Hauptsponsor gefunden wurde. Obwohl der Vorwurf der Unvereinbarkeit in von Wettskandalen getrübten Zeiten wie diesen kaum ausbleiben wird.

Zu hohe moralische Ansprüche können nicht gestellt werden. Weder in Österreich, wo der olympische Sport ohne Casinos Austria und Lotterien ausgespielt hätte. Noch in Deutschland, wo über Wladimir Putin geschimpft, aber Schalke 04 mit etlichen Millionen vom russischem Gazprom-Monopol g’schmiert wird.

Auch Europas Fußball-Union kassiert und schweigt: Gazprom ist Hauptsponsor der UEFA Champions League.