Torjäger und Schmähbruder Polster ist 50

Kopie von ARCHIVBILD: TONI POLSTER
Foto: APA/ULRICH SCHNARR Die Wandlung: Von den Fans wurde Polster kritisiert und ausgepfiffen, am Ende aber verehrt.

Für den KURIER zieht Österreichs Nationalteam-Rekordschütze Bilanz seines ersten halben Jahrhunderts.


Ein Samstagvormittag in Liesing. Die Sonne scheint, der Wind bläst, Toni Polsters Wr. Viktoria trainiert. Weil man am Freitag gegen Schwechat verloren hat. Bei einem Sieg wäre es für die Kicker ein freies Wochenende gewesen. Anton P. kennt auch kurz vor seinem 50. Geburtstag keine Gnade.

KURIER: Herr Polster, in Ihrer Karriere als Spieler und danach als Trainer haben Sie immer wieder gegen Vorurteile ankämpfen müssen. Warum?

Toni Polster: Und ich habe sie meistens widerlegt. Und sogar meine eigenen Erwartungen übertroffen. Ich weiß nicht, warum man mir so wenig zugetraut hat. Als ich mit 23 Jahren ins Ausland gegangen bin, haben viele gemeint: Der ist bald wieder da. Und dann war ich lange Zeit nicht mehr da. Ebenso sahen die wenigsten in mir einen Trainer. Jetzt bin ich vier Jahre Coach, war drei Mal Meister und bin ein Mal aufgestiegen.

Erst in Köln sind Sie für die Österreicher zur Kult-Figur geworden. Spät, aber doch.

Ja, da hat man mir wieder nichts zugetraut. Das ist ja überhaupt keine Liga für ihn, haben alle gesagt. Und dann hat’s dort auch geraschelt. Sich immer wieder beweisen zu müssen, das scheint irgendwie mein Schicksal zu sein.

Sie sind nach dem Admira-Abenteuer zurück als Trainer bei Wiener Viktoria. Ein Rückschlag?

Ich sehe es nicht so. Mir geht es um den Spaß, den du dabei haben musst. Wenn du bei Minusgraden zwei Stunden auf dem Platz stehst, muss es dir Spaß machen. Lieber mit Spaß in der dritten Liga, als ohne Spaß ganz oben, wo du jedes Mal schauen musst, ob von deinem Sessel nicht ein, zwei Stuhlbeine schon angesägt sind. Ich möchte mich schon in den Spiegel schauen können. Mein Gesicht möchte ich nicht verlieren, ich habe ja nur eines.

Hat Sie die Admira-Sache an Reputation gekostet?

Ich glaube nicht. Ich habe mir eben nichts gefallen lassen. Immerhin bin ich nicht nach, sondern vor einem Spiel beurlaubt worden, als ich dem Sponsor die Aufstellung sagte.

Ist eine ähnliche Vorgangsweise in Ländern wie Spanien oder Deutschland denkbar?

Völlig undenkbar.

Die Karriere von Toni Polster

Der einst mit dem unbedingten Torriecher begnadete Stürmer blickt auf eine spannende Karriere als Spieler, Funktionär und Medienmensch zurück. Begonnen hat Polsters Laufbahn in der Jugendabteilung der Wiener Austria, mit der er wohl immer in Verbindung gebracht werden wird. Bis auf ein kurzes Zwischenspiel beim 1. Simmeringer SC blieb Polster der Austria von 1973 bis 1987 treu. In 145 Bundesliga-Einsätzen gelangen ihm beeindruckende 119 Tore. Es folgten Polsters Wanderjahre: Über Torino Calcio landete er beim FC Sevilla (1988 - 1991). Dort traf er in 102 Ligaspielen ähnlich starke 55 Mal. Polster sollte weiterhin aus der Fremde grüßen. Auf CD Logrones und Rayo Vallecano kam er nach Deutschland, wo er noch einmal richtig einschlug. Für den 1. FC Köln traf er in 150 Ligapartien 79 Mal in die Maschen. Nicht erst in Köln ließ der Schmähbruder seinen kreativen Neigungen freien Lauf. Mit den Fabulösen Thekenschlampen und dem Hit "Toni, lass es polstern!" handelte er sich sogar richtig Ärger mit der Vereinsführung ein. Fast immer im Mittelpunkt stand Polster auch, wenn er für das Nationalteam auflief. Der klassische Mittelstürmer alter Prägung war auch für Österreich äußerst umtriebig vor dem gegnerischen Tor. 44 Treffer in 95 Ländermatches können sich mehr als sehen lassen, denn niemand hat öfter getroffen. Mit dem Nationalteam nahm Polster an zwei Weltmeisterschaften teil, 1990 in Italien und 1998 in Frankreich. Bei der Wiener Austria hat Polster, der seine Karriere nach einem Gastspiel in Gladbach bei der Austria Salzburg ausklingen ließ, natürlich ins Jahrhundertteam geschafft. Dem nicht genug: In Wien-Favoriten ist er Jahrhundertstürmer. Nach ein paar Jahren im Marketing-Bereich von Borussia Mönchengladbach übernahm Polster für ein Jahr die Position des General Manager bei seiner Austria. In der Rolle des Funktionärs konnte er allerdings nicht überzeugen. Einem Trainer-Engagement beim LASK in Linz folgte 2011 die berufliche Rückkehr nach Wien, zur Viktoria. Am 17. Juni 2013 heuerte er bei der Admira an, am 10. August wurde schon die Trennung verkündet, woraufhin Polster zur Wiener Viktoria zurückkehrte.

Sie haben den Fußball in einigen Ländern gesehen. Geht es in Österreich immer noch zu wenig professionell zu?

Zu 100 Prozent ja. Was hier an Funktionären herumläuft, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, das spottet jeder Beschreibung. Damit meine ich das Umfeld der Vereine.

Welches war das schönste Tor Ihrer Karriere?

Tore waren mir alle gleich lieb. Weil ein schönes um nichts mehr zählt als ein hineingenudeltes Tor.

Sie halten den Rekord mit 44 Toren im Team. Wird der jemals gebrochen?

Es sieht derzeit nicht danach aus. Rekorde sind aber dazu da, dass man sie bricht. Es wird irgendwann vielleicht einer kommen, dem das gelingen wird. Dann gratuliere ich demjenigen.

War das DDR-Spiel 1989 ein oder sogar das Highlight?

Ja. Das war ein Stück Fußball-Geschichte unseres Landes und für mich ein Wellental der Gefühle. Der Tag mutierte vom hässlichsten zum schönsten.

Nach Ihrem dritten Tor zum 3:0 haben Sie den Fans, die Sie zu Beginn ausgepfiffen hatten, einiges zugerufen. Ein Lippenleser hatte seine helle Freude.

Was habe ich denn gesagt? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Ich glaube, ich habe gerufen: Jetzt könnt’ ihr mir alle wieder Briefe schreiben ... oder so ähnlich.

Hat Sie dieses Fan-Verhalten nicht gekränkt?

Doch. Das war eine Hopp-oder-dropp-Situation. Wäre es nicht gut gegangen, hätte ich wahrscheinlich nie wieder im Team gespielt. Das wäre das Ende meiner Teamkarriere gewesen. Aber dann wären vielleicht die WM-Teilnahmen 1990 und 1998 nicht passiert. Denn in beiden Quali-Gruppen war ich Schützenkönig.

Warum gab es diese Ablehnung des Publikums gegen Sie?

Wahrscheinlich habe ich auch Fehler gemacht in der Zeit davor. Es ist nicht so, dass alle anderen Idioten sind, und nur ich die Wahrheit erfunden habe. Ich war an der Situation nicht unschuldig. Aber trotzdem geht man nicht ins Stadion zu einem wichtigen Länderspiel und pfeift dann einen eigenen Spieler aus.

Umgekehrt wurden Sie von den Rapid-Fans am Ende der Karriere mit einem Transparent verabschiedet.

Trotz zwei Mal Violett, Respekt für Toni P. Das war wie ein Ritterschlag. Da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut.

Welche war die schönste Station in der Karriere?

Sevilla und Köln. Du kommst hin und es passt. Das ist auch Glück. Die Leute haben mich respektiert und geliebt.

Haben Sie noch Kontakt zu den Thekenschlampen?

Nein, die gibt es auch nicht mehr.

Singen Sie noch?

Nein, Österreich hat meine Musik nicht verdient. Ich werde nirgendwo gespielt. Dieses Schicksal teile ich mit großen Musikern (lacht).

Pflegt der Dancing Star Toni Polster noch den Hüftschwung?

Ab und zu. Ein bissl was ist ja hängen geblieben. Ich werde aber keinen Tango oder Quickstepp mehr tanzen. So viel Platz gibt’s nirgendwo.

Vielleicht auf dem Flughafen.

Hervorragende Idee. Der Cha-Cha-Cha ist mein Tanz.

Sie werden 50, schauen aber aus wie 60. Wie machen Sie das, Herr Polster?

Herr Ober, die Herren wollen zahlen.

"Ich bin Optimist, sogar meine Blutgruppe ist positiv." „Ich habe es mir sehr genau überlegt und dann spontan zugesagt.“ „Man hetzt die Leute auf mit Tatsachen, die nicht der Wahrheit entsprechen.“ „Ich grüße meinen Vater, meine Mutter und ganz besonders meine Eltern.“ „Wenn jemand ein bisserl lustig ist und ab und zu einen Spruch drauf hat, dann traut man dem nicht zu, dass er ein ernsthafter Sportler ist.“ „Ein Denkmal will ich nicht sein, darauf scheißen ja nur die Tauben.“ „Für mich gibt es nur entweder-oder. Also entweder voll oder ganz!“ „Es gibt Leute, die denken so, und es gibt Leute, die denken so. Das ist immer so, wenn viele Leute zusammenkommen.“ „Das ist Wahnsinn! Da gibt's Spieler im Team, die laufen noch weniger als ich!“ "Dass ich knausrig bin, ist nur ein hartnäckiges, böses Gerücht." "Eitel bin ich schon: zweimal täglich eine normale Gesichtscreme." "Dass ich mit meinen 35 Jahren nicht die Zukunft von Borussia Mönchengladbach sein kann, das ist mir selbst klar - aber ich bin Gladbachs Gegenwart." "Der Name Polster hat überall einen guten Klang, in Italien, in Spanien, in Deutschland." "Der Trainer wollt' sich halt auf meine Kosten ein bisserl profilieren. Aber dann hat er eing'sehen, dass das net geht." "Der beste Schütze soll den fünften Elfmeter schießen, empfiehlt eine mathematische Analyse aus Kanada. Der Haken: Man kann schon vor dem fünften Elfer weg sein, weil etwa nicht der Beste den ersten geschossen hat." "Ein österreichisches Nationalteam ohne Toni ist wie Wien ohne Riesenrad." "Es ist bitter, einzusehen, daß man im Ausland viel mehr respektiert wird. Wo ich doch mit Leib und Seele Wiener bin." "Es ist schon komisch, was ich erlebt habe. Die in Spanien haben mir nie geglaubt, dass ich in Österreich lange nur der Buhmann war." "Für einen Irrglauben halte ich, daß rot immer rot ist. Da gibt´s viel Auslegungssach'n!" "Ich tue das, was ich schon in den letzten 20 Jahren gemacht habe. Mich wichtig machen und deppert reden." Toni Polster (über sein verbessertes Verhältnis zu Trainer Peter Neururer): "Wir lassen uns beide von unseren Frauen scheiden und ziehen zusammen." "Ein Toni Polster ist noch nie abgestiegen." "Meine Frauen bestätigen mir, dass ich mit dem Alter immer attraktiver werde. Damit meine ich meine Tochter, meine Mutter und meine Ehefrau." "Ich habe immer positive Gedanken. Ich bin immer der Gleiche geblieben. Ein Optimist, der gute Laune versprüht." "Mein Gesicht möchte ich nicht verlieren, ich habe ja nur eines." "Lieber mit Spaß in der dritten Liga, als ohne Spaß ganz oben, wo du jedes Mal schauen musst, ob von deinem Sessel nicht ein, zwei Stuhlbeine schon angesägt sind." "Ich habe gewusst, dass Frank Stronach kein einfacher Mensch ist. Trotzdem bin ich davon ausgegangen, dass bis zum Vertragsende gilt, was vereinbart worden ist. Offenbar ein Irrtum." "Ich setze mich nicht mit geistigen Nichtschwimmern auseinander." In diesem Sinne: Alles Gute zum 50. Geburtstag!
44 Volltreffer

Der Rekord-Teamtorschütze

Anton "Toni" Polster wurde am 10. März 1964 in Wien geboren. Mit seiner Ex-Frau Elisabeth hat er einen Sohn und eine Tochter. Polster begann als 9-Jähriger bei der Austria. Mit den Wienern wurde er drei Mal Meister, 1987 gewann der Rekord-Teamtorschütze (44 Treffer in 95 Länderspielen) den Goldenen Schuh (39 Tore). 1987/’88 spielte er für Torino, danach drei Jahre für Sevilla und je eine Saison für Logrones und Vallecano. Von 1993 bis 1998 war der zweifache WM-Teilnehmer (1990 und 1998) Publikumsliebling in Köln. Nach zwei Jahren in Gladbach beendete er 2000 seine Karriere. Derzeit trainiert Polster die Wiener Viktoria, davor coachte er die LASK Juniors und ganz kurz die Admira.

Tagebuch

Doppelbödige Moral

Am Montag wird er 50. Am Samstag wurde Toni Polster von der Austria in Favoriten geehrt. Dort, wo ihm Frank Stronach 2005 Stadionverbot erteilt hatte. Polsters Kicker-Leben war stets von Vorurteilen begleitet.

Als er 16 war, meinte der damalige Austria-Trainer (und anerkannte Fachmann) Erich Hof, dass dieser Bursche nie einer für die oberste Liga werde.

Als Polster 1989 vor Anpfiff des entscheidenden Wiener WM-Qualifikationsspiel gegen die DDR gnadenlos ausgepfiffen wurde, revanchierte sich der Buhmann mit drei Toren.

Als dem Wiener trotz eines trefferreichen fünfjährigen Spanien-Gastspieles (83 Tore) ein Scheitern beim Wechsel in die Deutsche Bundesliga prophezeit wurde, avancierte Polster aller Unkenrufe zum Trotz zum Kölner Publikumsliebling und "Toni Doppelpack".

Als ihm vor acht Monaten bei Admira kein Trainereinstand nach Maß gelang, ließen die Südstädter Polsters Entlassung auch noch rufschädigende Begründungen folgen.

Jetzt ist Polster Ostliga-Trainer bei Wiener Viktoria. Als solcher litt er Freitag in Schwechat bei einem 0:2 auf der Bank. Womit er, der Ex-Dancing-Star-Finalist, weder die neue Staffel im ORF, noch bei Sky das 2:1 von Peter Stögers FC Köln gegen Cottbus sah.

In Köln genießt Polster noch immer Kultstatus. Auch bei Borussia Mönchengladbach redet niemand über ihn so abfällig wie bei der Admira. Im Gegenteil. Mit Wiener Schmäh hatte er nach Karriereende als Marketing-Lehrling zur vollsten Zufriedenheit der Gladbacher Klubführung zig Kleinsponsoren lukriert und betreut.

Große Tiere und Kleinvieh

Inzwischen haben die meisten deutschen Bundesligaklubs Konzerne als Geldgeber, während die Sponsorsuche hierzulande (Salzburg dank Red Bull ausgenommen) notgedrungen nach dem Motto "Kleinvieh macht auch Mist" abläuft und speziell Zweitligakicker für ein paar Euro zugepflastert mit Werbung auf Stutzen, Ärmel und Po herumlaufen.

Der FC Gratkorn musste, nachdem die Hilfe eines Bestattungsunternehmens ausgeblieben war, in der zweiten Bundesliga eingeäschert werden. Der TSV Hartberg indes lebt wieder auf und lässt passend dazu auf seinen Trainingsanzügen das Logo des pharmazeutischen Samenspende-Produkts Profertil anbringen.

Gespottet wird über ungewöhnliche Sponsoren längst nicht mehr. Auch die Liga-Führung ist erleichtert, dass mit Wettanbieter Tipico ein neuer Hauptsponsor gefunden wurde. Obwohl der Vorwurf der Unvereinbarkeit in von Wettskandalen getrübten Zeiten wie diesen kaum ausbleiben wird.

Zu hohe moralische Ansprüche können nicht gestellt werden. Weder in Österreich, wo der olympische Sport ohne Casinos Austria und Lotterien ausgespielt hätte. Noch in Deutschland, wo über Wladimir Putin geschimpft, aber Schalke 04 mit etlichen Millionen vom russischem Gazprom-Monopol g’schmiert wird.

Auch Europas Fußball-Union kassiert und schweigt: Gazprom ist Hauptsponsor der UEFA Champions League.

(kurier) Erstellt am
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