Der Generationenwandel im Nationalteam

„Ich bin Anfang 30, und es sind nicht mehr viele da“, sagt Kapitän Julian Baumgartlinger.

Wenn man die Situation von Julian Baumgartlinger im Nationalteam ein klein wenig überspitzt und cineastisch beschreiben möchte, dann böte sich der Titel „Julian, allein zu Haus’“ an. Nicht, dass der Kapitän ein introvertierter Einzelgänger wäre, der der Kommunikation überdrüssig wäre. Weit gefehlt, denn nicht zuletzt durch sein integratives Bemühen stieg er in der Hierarchie der Mannschaft über Jahre auf, ehe er nach dem Rücktritt von Christian Fuchs völlig zu Recht die Schleife des Anführers überziehen durfte.

Baumgartlinger hat in Folge in vielen Situationen bewiesen, dass er ein echter Chef ist, der nie den Blick fürs Ganze außer Acht lässt. So schloss er nach der bitteren und dummen Niederlage in Israel die Kabinentür und hielt vor seinen Kollegen eine Brandrede, dass man auf diese Art und Weise das große Ziel EURO 2020 niemals erreichen würde. Der Leverkusen-Legionär ist bei seinen Kollegen anerkannt und wird geschätzt. Seiner Rolle wurde er stets gerecht.

Der logische Umbruch

Doch der vor rund zwei Jahren begonnene Umbruch im Nationalteam forderte seine Veränderungen, weil einerseits junge, hungrige Spieler mit viel Talent und perfekter Ausbildung nachdrängten, andererseits, weil etablierte Routiniers in die Jahre gekommen waren und diesem Faktum mit ihrem Teamrücktritt Rechnung trugen.

Es waren jene Kollegen, mit denen Baumgartlinger schon in den Nachwuchs-Teams des ÖFB groß geworden ist, mit denen er dann im A-Team einen Klub der vernunftbegabten Kicker bildete und es zur EURO 2016 schaffte. So etwas schweißt zusammen. Doch nun sind sie nicht mehr da, die Herrn Fuchs, Suttner, Janko, Junuzovic, Almer, Harnik oder auch ein Prödl, der ob seiner fehlenden Spielpraxis für das Team derzeit nicht in Frage kommt.

Baumgartlinger ist klug genug, um die Lage richtig einschätzen zu können. Eloquent, wie er stets war, findet er oft verklausulierte Formulierungen, die in den Ohren der anderen dank hoher Diplomatie wohlklingen, aber dennoch eine starke Aussagekraft haben. „Ich bin Anfang 30, und es sind nicht mehr viele da“, meinte er bei der Pressekonferenz vor dem Lettland-Spiel. Gemeint war seine Generation.

Die richtige Mischung

Es wäre unfair und respektlos dem Musterprofi gegenüber, zu behaupten, dass er ein Überbleibsel eines logischen Prozesses der Verjüngung sei. Baumgartlinger ist vielmehr das Gegengewicht zur Jugend, das nötig ist, um die richtige Mischung in einem Team aufrechtzuerhalten.

Verschoben haben sich für ihn nicht die Parameter im zwischenmenschlichen Umgang, sehr wohl aber der Zugang zu manchen Kollegen. Es rücken junge Spieler nach, die eine andere fußballerische Ausbildung genossen haben und die auch ganz anders mit der digitalen Welt spielen als noch die Generation davor. „Sie haben auch ganz andere Themen als man selbst“, gesteht Baumgartlinger so ganz nebenbei und lässt damit aufhorchen.

Baumgartlinger, der Musterprofi, ist auch vorsichtiger geworden, weil er im Laufe seiner Karriere zu viel erlebt hat. Auch viel Negatives. Er drängte nie in die Öffentlichkeit, macht sich derzeit aber noch rarer, weil er die Anzahl jener, denen man in diesem Geschäft blind vertrauen kann, immer geringer einschätzt. Dennoch trägt er, so abgedroschen und klischeehaft dies klingen mag, gerne den Adler auf der Brust. „Ich finde die neue Situation bereichernd. Ich möchte so viel und so lange wie nur möglich im Nationalteam spielen.“

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