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Sport Fußball
06/02/2020

Rapid-Sportchef Barisic: "Da würde ich an mir zweifeln"

Nach einem Jahr im Amt spricht der 50-Jährige über neuen Zusammenhalt, den Stolz auf Stefan Schwab und seinen Verzicht aufs Rosinenpicken.

von Alexander Huber

Vor einem Jahr ist Ex-Trainer Zoran Barisic als Sportdirektor zu Rapid zurückgekommen. „Wir waren Siebenter. Die Lage war nicht rosig und die Stimmung schlecht. Danach war der Verein durch die Präsidentenwahl monatelang emotional aufgewühlt, und dann kommt auch noch die Pandemie – ich hab’ in einem Jahr alles erlebt“, sagt der 50-Jährige. Entmutigen lässt sich Barisic davon nicht.

KURIER: Sind Sie sicher, dass es Rapid zu Weihnachten noch als gesunden Verein geben wird?

Zoran Barisic: Wir sind der Verein, der am stärksten von der Krise betroffen ist. Bei uns ist der Budgetpunkt durch Einnahmen, die mit den Fans zusammenhängen, mit Abstand am größten. Das bricht jetzt weg. Trotzdem: Ich bin zu 100 % sicher, dass Rapid sehr stark aus dieser Krise herausgehen wird. Wir werden sogar gestärkt sein!

Warum?

Ich habe immer propagiert, dass wir eine starke Gemeinschaft sein müssen. Genau das passiert jetzt – der Zusammenhalt in der Community ist beeindruckend. Rapid lebt von Fans, und die Fans müssen auch wissen, dass das so ist. Wir arbeiten und wir spielen für sie.

Ist dieser neue Zusammenhalt ein Gefühl, oder können Sie es auch benennen?

Ich könnte es genau benennen, es ist aber noch nicht die Zeit, um da öffentlich ins Detail zu gehen.

Was hat Corona mit Ihnen persönlich gemacht?

(denkt lange nach) Meine Sorgenfalten wurden nicht weniger. Es ist eine riesengroße Krise. Im Lauf meines Lebens musste ich schon öfters mit schweren Zeiten umgehen. Diese Herausforderung ist auch eine Chance.

Ihnen war immer die persönliche Nähe wichtig. Leidet Ihre Kommunikation durch Video-Konferenzen?

Auch da hab’ ich dazugelernt: Man kann auch in Videokonferenzen körpersprachlich etwas mitteilen. Viel mehr tut es weh, wenn ich meine Kinder wochenlang nicht abbusseln darf.

Es wird darüber nachgedacht, die Stadien zu öffnen und einen Teil der Plätze zu besetzen. Haben Sie diese Szenarien durchgerechnet?

Ja, unsere Mitarbeiter haben für alle Varianten Pläne ausgearbeitet. Irgendwann muss so wie die Oper das Stadion geöffnet werden. Wir sind vielleicht am Ende der Nahrungskette, aber auf die Wichtigkeit des Sports darf nicht vergessen werden.

Als Geschäftsführer haften Sie so wie Christoph Peschek im schlimmsten Fall persönlich für einen Finanzkollaps. Hat Ihnen das schlaflose Nächte bereitet?

Bei meiner Unterschrift wusste ich, dass Christoph und ich haften. Wir haben eine riesige Verantwortung gegenüber dem Verein. Deswegen ist es noch wichtiger, auf Abenteuer zu verzichten. Das oberste Ziel ist, das Überleben des Vereins zu sichern.

In der Ära Edlinger wurden in finanziellen Nöten Spieler lukrativ verkauft. Ist das heuer überhaupt möglich?

Ich rechne damit, dass wir in ein paar Wochen wissen, ob es überhaupt einen Markt geben wird, um Spieler theoretisch lukrativ verkaufen zu können.

Trainer Kühbauer wollte im Sommer noch an ein, zwei Schrauben drehen. Jetzt wird es nicht darum gehen, wer gekauft wird, sondern, wie viele Spieler gehen. Wie schwer fällt es, den Trainer darauf einzustimmen?

Ja, wir wollten das eine oder andere Schrauberl nachdrehen. Der Trainer geht den Weg, den wir gehen müssen, mit. Er ist weder Jammerer noch Raunzer. Didi ist ein Kämpfer und scheut sich nicht vor der Aufgabe.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, fertige Pläne in den Mistkübel zu werfen?

Sehr schwer! Es ist schade, weil wir ab Sommer den Kader ausgemistet haben. Die Mannschaft ist bereits billiger, jünger, attraktiver und stärker geworden. Im Moment hat uns Corona für die nächsten Pläne einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Alle bei Rapid betonen, dass Stefan Schwab eine Schlüsselrolle bei der Rettung des Vereins eingenommen hat. Sind Sie davon überrascht?

Absolut nicht. Stefan Schwab ist ein toller Mensch, der irrsinnig gescheit ist und auch schon vor der Krise bewiesen hat, dass er ein exzellenter Kapitän ist. Wie wichtig Stefan für das gesamte Team ist, ist durch die Organisation des Gehaltsverzichts noch deutlicher hervorgetreten. Wir sind sehr stolz, dass wir ihn haben.

Daraus ist zu schließen, dass – wenn nur Geld für eine Vertragsverlängerung über den Sommer hinaus übrig wäre – sein Vertrag verlängert werden muss?

Ich kann verraten, dass wir vor Corona ganz knapp vor einer Einigung waren. Durch das Virus ist eine neue Situation entstanden. Wir müssen abwarten, es gibt keine Planungssicherheit. Deswegen wurden alle Verhandlungen auf Stand-by gestellt.

Sie haben alle auslaufenden Verträge bis zum neuen Saisonende Mitte Juli verlängert. Dazu gab es keine Verpflichtung. Warum haben Sie hier nicht eingespart?

Weil es sich so gehört. Wir wollten nicht die Rosinen rauspicken oder manche Spieler finanziell drücken. Zuerst sind sie loyal und stimmen einem Gehaltsverzicht zu – und dann beenden wir die Saison nicht als Gemeinschaft? Nein, ich könnte mir nicht mehr in den Spiegel schauen. Da würde ich an mir zweifeln.

Ein Präsidiumsmitglied hat Sie in der Krise als Geschenk des Himmels bezeichnet. Dennoch: Was ist Ihnen nicht gelungen?

Wir haben Petrovic schon im Winter gekauft, weil Ljubicic vor einem Wechsel in die USA stand. Es war nicht absehbar, dass dieser Transfer noch scheitert. Das tut mir für Dejan leid. Und ich hätte mir mehr Nachwuchstrainings und Spiele der U 14 anschauen wollen. Aber ich habe es zeitlich einfach nicht geschafft.