Will Ruttensteiner fühlt sich nach langer Zeit beim ÖFB sehr wohl in Israel. 

© Bernhard Hanisch

Sport | Fußball
03/24/2019

Willi Ruttensteiner: "Ich musste den Schmerz erst verarbeiten"

Lange war er der starke Mann in Österreichs Fußball. Jetzt spricht Israels Sportdirektor über die Trennung und den Neustart.

Herzliya schmiegt sich direkt an den nördlichen Stadtrand von Tel Aviv. Eine Grenzenlosigkeit, die auch der Preisgestaltung des Taxifahrers jeden Interpretationsspielraum offen lässt. Hysterisches Hupen verstummt, der blechernen Ausweglosigkeit folgt die plötzliche Freiheit, unweigerlich packt die Urlaubsstimmung zu.

Der Yachthafen von Herzliya wird umrahmt von Hotels, Bars und Geschäften der gehobenen Kategorie. Auf auf den Brettern, die jetzt seine Welt bedeuten, schlendert der vor 56 Jahren in Steyr geborene Willi Ruttensteiner im blauen Trainingsanzug daher. Er, der seit fast acht Monaten Sportdirektor des israelischen Fußball-Verbandes ist, bewohnt hier ein Apartment. So wie Andreas Herzog, „sein“ Trainer.

Ruttensteiner kommt vom gemeinsamen Frühstück. Logisches Thema: Vorbereitung auf die EM-Qualifikation. Heute, Sonntag, holt beide die Vergangenheit ein, Österreichs Team spielt in Haifa gegen Israel.

Noch bevor er am Tisch des Cafés Platz nehmen kann, wird er von einem Pärchen gestellt. Der Mann hat Geburtstag, sein augenblicklich sehnlichster Wunsch ist jener nach dem Gruppen-Selfie. Ruttensteiners freundlichem Lächeln folgt die für ihn erfreuliche Feststellung: „Hier hat man auch als Sportdirektor ein positives Image.“

KURIER: Sie hätten wohl nie damit gerechnet, dass es Sie eines Tages hierher verschlägt. Ein Österreicher in leitender Funktion im israelischen Fußball – wie hat sich das zugetragen?

Willi Ruttensteiner: Mit Hilfe der UEFA hat der israelische Verband Leute sondiert. Ich kam unter die Finalkandidaten und wurde genommen. Es klingt ein bisserl merkwürdig, aber während meiner Studienzeit wollte ich mir immer die religiösen Stätten anschauen. 25 Jahre Fußball haben das stets verhindert.

Hat Ihre Familie diese einschneidende Veränderung sofort akzeptiert?

Lisa, meine ältere Tochter, war mit meiner Entscheidung nicht einverstanden. Zu gefährlich, meinte sie. Also was sollte ich als Vater machen? Ich habe zunächst abgesagt. Moran Meiri, der Rechtsanwalt des Verbandes, hat daraufhin vorgeschlagen, uns das Land zu zeigen. Das gab den Ausschlag. Und ich habe bis heute meine Entscheidung nicht bereut.

Überwiegt die sportliche Herausforderung oder das persönliche Abenteuer?

Der Job und auch das Land sind eine Herausforderung. Sportlich braucht es einen tiefgreifenden Plan, man muss erklären, nicht ungeduldig zu sein. Ich will alles wissen über die Tradition, das Judentum, die Kultur. Es ist schon anders als in Österreich. Mein Leben hat sich verändert, das Engagement hat meine Person geprägt.

Was zum Beispiel ist mit Ihnen passiert?

Ich habe gelernt, auch im Alltag strenge Regeln zu akzeptieren. Und wie sinnvoll so ein stressfreier Tag sein kann, der nur der Familie gehört. Samstag ist Sabbat, alle richten sich danach, und alles wird heruntergefahren. Auf dem Flughafen ist nix los, plötzlich ist der Verkehr erträglich, da drüben im Café ist die Espresso-Maschine außer Dienst. Und im Ritz-Carlton bleibt einer von sechs Liften automatisch in jedem Stockwerk stehen.

Das Leben? Der Besucher von Tel Aviv (450.000 Einwohner) staunt, wie schnell die lediglich oberflächliche Betrachtung sämtliche klischeehaften Vorahnungen über den Haufen schmeißt. Liberal, aufgeschlossen, widersprüchlich, zwischen Herzlichkeit und undurchdringlichem Stolz bewegen sich die persönlichen Begegnungen. Die Welt trifft sich in einer Metropole, die Israels Realität verzerrt, die zur Nummer 10 der teuersten Städte dieser Erde geworden ist. Der vor fünf Jahren aus der Ukraine ausgewanderte jüdische Taxilenker lässt dennoch seiner an Empörung grenzenden Verwunderung freien Lauf, weil nichts weitergeht und sein Gast nicht zumindest Russisch spricht.

An der Hotelbar erzählt der global tätige und völlig besoffene New Yorker Heiratsvermittler, er werde es in Israel doch noch schaffen, eine erst 20-jährige Balletttänzerin an den Mann zu bringen. Tel Aviv ist wie überall, vernetzt im digitalen Jetzt, dem E-Roller-Wahnsinn verfallen, auffallend rege beim Verzehr von Burger, Humus und Falafel. Und abseits der nervösen Zuckungen auf verstopften Straßen, versandet – nur von einer Palmenallee getrennt – die Hektik in mediterraner Entspanntheit.

Zum Hauch einer Idee verkommt, dass dieses Land sich im Zentrum eines jahrzehntelangen, wohl immer aktuellen Konflikts befinden könnte. Dabei liegt er so nah, nur 50 Kilometer sind es bis zum Gazastreifen, der Grenze zur Wirklichkeit. Erst in der Vorwoche versuchte die Hamas, Tel Aviv mit zwei Raketen zu beschießen, reflexartig reagierte Israels Luftwaffe. Im Land tobt der medial ausgeschlachtete Kampf vor den Wahlen am 9. April. Einfallsreich schmutzig, zu komplex, um all das als Fremder zu verstehen.

Wie weit lassen Sie sich beeinflussen von der Politik in Israel?

Sie interessiert mich, aber die Situation ist auch für mich schwer zu durchschauen. Also maße ich mir kein Urteil über die Politik an. Und ja, man ist schon verleitet, zu denken, ein Raketenangriff auf Tel Aviv – und ähnliche Situationen habe ich hier schon zum dritten Mal erlebt – passt einfach nicht zu diesem wunderschönen Land.

Kehren wir nach Österreich zurück. 18 Jahre haben Sie für den Fußballbund gearbeitet, zuletzt als Sportdirektor. Die Trennung war nicht unbedingt einvernehmlich. Ein Abschied im Groll?

Natürlich war die Art und Weise der Trennung etwas dilettantisch, ein Schmerz, den ich verarbeiten musste. Gekündigt zu werden, ist eben schmerzlich. Mich nach 18 Jahren vom ÖFB zu einem Hearing zu bitten, so zu tun, als kenne man mich und meine Ideen nicht, tut weh. Ein Groll? Nein, der ist in mir nicht gereift. Denn ich weiß auch, dass ich dem ÖFB sehr viel zu verdanken habe. Die Arbeit hat mich weitergebracht und mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Eine Lebenserfahrung.

Wäre ein Erfolg heute gegen Österreich nicht doch ein Grund, wenigstens Genugtuung zu verspüren?

Nein. Schließlich kommen da auch Spieler, die ich richtig ins Herz geschlossen habe. Der Gruppenfavorit bleibt Österreich, noch vor den Polen. Wir hingegen müssen danach trachten, vor Slowenien und Moldawien zu sein – und versuchen, die Favoriten zu ärgern.

Wie kommen Sie mit den oft sehr strikten israelischen Medien zurecht? Ich versuche zwar, mir die wichtigsten hebräischen Wörter einzuprägen und auch immer dazuzulernen, aber was so alles geschrieben wird, verstehe ich meist nicht. Und das ist manchmal auch gar nicht so schlecht.