Euro-Fighter: Ronald Gercaliu spielte 14-mal für die österreichische Nationalmannschaft und war auch beim EM-Turnier 2008 am Ball.

© DIENER / Georg Diener

Ronald Gercaliu

Gercaliu: "Für viele war ich nur der Albaner"

Der ehemalige Teamspieler über sein Leben in Tirana, seine abenteuerliche Karriere und seinen Ruf.

von Christoph Geiler

11/27/2015, 09:29 AM

Wer sich mit Ronald Gercaliu trifft, der sollte sich viel Zeit nehmen. Denn der gebürtige Albaner hat viel zu erzählen. "Ich könnte ein dickes Buch schreiben", sagt der 29-Jährige, der in seiner turbulenten Karriere einiges mitgemacht hat: Vom Jungstar und EM-Teilnehmer bis hin zum verschmähten Verteidiger, der sich mit Jobs in Polen oder Rumänien über Wasser halten musste.

Jetzt ist Ronald Gercaliu in seine Heimat Albanien zurückgekehrt, wo er für KF Tirana spielt. Der KURIER traf den 29-Jährigen in Innsbruck, wo seine Frau und seine beiden Söhne wohnen. "Mein Problem war immer, dass ich viel zu direkt war", erzählt Gercaliu, der sich auch im Interview kein Blatt vor den Mund nimmt.

Ronald Gercaliu über ...

... das Abenteuer Albanien:
"Es ist schon schräg: Ich bin dort geboren und falle unters Ausländerkontingent. Aber ich bin ja auch schon mit zwölf nach Österreich gekommen und habe diesem Land viel zu verdanken. Hier bin ich zum Fußballer ausgebildet worden, und ich bin froh, hier leben zu dürfen. Man sieht ja was momentan auf der Welt los ist. Ich wollte einmal in meiner Karriere in Albanien spielen. Jetzt wohne ich die nächsten beiden Jahre bei meinen Eltern in Tirana und ziehe das durch."

... die Erfolge der österreichischen Nationalmannschaft:
"Es ist super und einfach nur unglaublich, dass wir uns sportlich für die EM qualifiziert haben. Natürlich tut’s auch ein bisschen weh, weil man will ja auch dabei sein. Da spielen noch viele, die in meinem Alter sind. Aber ich bin auch ehrlich: Meine Zeit ist zwar noch nicht ganz vorbei, aber ich war nach meiner Knieverletzung und den 14 Monaten Pause nie mehr so spritzig und dynamisch wie vorher. Und ich sehe auch, dass junge Spieler nachkommen.

... seinen schlechten Ruf:
"Ich war immer einer, der sehr direkt war, ich sag’ es jedem ins Gesicht. Das kommt nicht gut an. Als Junger habe ich da Fehler gemacht, daher hat es auch geheißen, ich sei ein schwieriger Typ. Aber inzwischen kommuniziere ich anders und bin diplomatischer. Man hat mir auch nachgesagt, dass ich geldgierig sei oder in Salzburg ein größeres Auto verlangt habe. Da sind wirklich viele Geschichten erzählt worden. Man hat mich spüren lassen, dass ich aus Albanien komme. Für viele war ich einfach nur der Albaner, als Österreicher hätte ich es im Team sicher einfacher gehabt. Dabei hab’ ich immer die Hymne mitgesungen. Mag ja sein, dass die Albaner nicht den besten Ruf haben, aber solche gibt’s in Österreich bestimmt auch. "

... seine Auslandsstationen:
"In Ingolstadt habe ich nie eine Chance bekommen. Da war ich auch verletzt. Die haben geglaubt, ich hätte sie reingelegt und schon verletzt den Vertrag unterschrieben. Deshalb habe ich dort 14 Monate lang kein Geld gekriegt. Dann war ich in Lodz: Sportlich war die polnische Liga toll, aber der Verein war ein Wahnsinn. Schimmlige Kabinen und sechs Monate kein Geld. In Rumänien bei Cluj haben wir auch streiten müssen, in Tirana ist’s mit der Pünktlichkeit der Zahlungen auch nicht so. Ich würde jedem österreichischen Profi, der jammert, einmal raten, dass er so was erlebt. Die Spieler in der Bundesliga müssen sich alle zehn Finger abschlecken, dass sie hier spielen dürfen. Die sollen dankbar sein und nicht maulen."

... das liebe Geld:
"Ich bin keiner, der nur aufs Geld schaut. Ich rechne immer, was ein normaler Arbeiter verdient. Und seien wir ehrlich: Da geht’s uns als Fußballer doch gut. Im Grunde muss man vielleicht vier Stunden am Tag trainieren. Was sollen da andere sagen, die für deutlich weniger Geld 12 Stunden arbeiten? Jeder muss froh sein, wenn er Fußballprofi sein kann."

... seine Karriere:
"Natürlich hätte ich mehr erreichen können. Andererseits bin ich froh, dass ich so viel erleben hab’ dürfen. Ich sage sogar: Es war wichtig, auch die negativen Sachen mitzumachen. Das hat mich definitiv weiter gebracht, und da sieht man auch, wer wirklich zu einem steht. Der Andi Ivanschitz ist zum Beispiel einer meiner besten Fußballfreunde."

... sein ramponiertes Auge.
"Ein Gegenspieler ist in mich reingerutscht, und ich hab’ meine Zähne nicht mehr gespürt. Trotzdem hab’ ich weitergespielt. Aber nach einer halben Stunde war das Auge so geschwollen, dass ich drei Bälle gesehen habe. Ich bin heute fast ein bisschen stolz, dass ich den Ball immer getroffen habe. Einen Vorteil hatte die Augenverletzung. So hatte ich endlich wieder Zeit mit meiner Familie."

Der Wandervogel

Der Mensch

Ronald Gercaliu (12. Feber 1986 in Tirana) kam mit zwölf Jahren nach Österreich. Seine Frau Julia und seine beiden Kinder leben in Innsbruck, seine Eltern in Tirana.

Der Fußballer

Der Stern des Außenverteidigers ging 2004 bei Sturm auf, es folgten Engagements bei Salzburg, Austria und Wr.Neustadt. Seit dem Jahr 2010 stand Gercaliu bei Ingolstadt, LKS Lodz, Erzgebirge Aue, Universitatea Cluj und Altach unter Vertrag. Seit Sommer spielt er für KF Tirana. Gercaliu wurde 2009 Meister mit Salzburg und spielte 14 Mal für Österreich.

Wir würden hier gerne ein Login zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Liebe Community,

Mit unserer neuen Kommentarfunktion können Sie jetzt an jeder Stelle im Artikel direkt posten. Klicken Sie dazu einfach auf das Sprechblasen-Symbol rechts unten auf Ihrem Screen. Oder klicken Sie hier, um die Kommentar-Sektion zu öffnen.

Gercaliu: "Für viele war ich nur der Albaner" | kurier.atMotor.atKurier.atKurier.atFreizeit.atFilm.atImmmopartnersuchepartnersucheSpieleCreated by Icons Producer from the Noun Project profilkat