So schauten der Ball und die französischen Dressen vor 90 Jahren aus

© EPA/RAUL MARTINEZ

Sport Fußball
08/03/2020

Die erste Fußball-WM: 1.600 Revolver an den Stadiontoren

Vor 90 Jahren wurde in Uruguay die kuriose erste Weltmeisterschaft ausgetragen. Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte

von Günther Pavlovics

Vor 90 Jahren fand das erste Finale einer Fußball-Weltmeisterschaft statt. Am 30. Juli 1930 empfing Veranstalter Uruguay im Estadio Centenario Argentinien. Den Erzrivalen.

Schiedsrichter war der Belgier John „Jean“ Langenus. Der befürchtete, dass es heiß hergehen würde auf den Rängen, weshalb er strenge Waffenkontrollen verlangte. Fast 70.000 Zuschauer kamen an diesem Mittwoch um 14.15 Uhr ins Stadion. Immerhin 1.600 Revolver wurden an den Toren eingesammelt. Dennoch lag im nicht weit vom Stadion entfernten Hafen auch ein Boot bereit, um den Schiedsrichter wenn nötig in Sicherheit zu bringen.

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Das Stadion Centenario in Montevideo

13 Nationalmannschaften haben an der ersten WM teilgenommen. Die Qualifikationsanforderung war die rechtzeitige Anreise. Nur vier europäische Länder nahmen die Strapazen einer zweiwöchigen Atlantiküberquerung auf sich. Auf dem Schiff wurde zum Gaudium der anderen Passagiere an Deck trainiert. Das jugoslawische Team fuhr drei Tage lang mit dem Zug nach Marseille und trat von dort die zweiwöchige Atlantiküberquerung auf der SS Florida an. Übertrieben haben sie es aber offenbar nicht mit dem Training, Jugoslawiens Tormann Milovan Jakšic nahm während der Atlantik-Überquerung 16 Kilogramm zu. Die Jugoslawen reisten ohne Trainer an, weil sie sich keinen leisten konnten.

Trainer unbedeutend

Trainer waren damals nicht so wichtig. Den Kader der rumänischen Nationalmannschaft nominierte der König höchstpersönlich. Die Rumänen reisten gemeinsam mit den Spielern von Frankreich und Belgien auf dem Linienschiff Conte Verde an, später stiegen auch noch die Brasilianer zu.

Das Schiff legte am 5. Juli in Montevideo an. „Als das Schiff am Kai festlag, empfing uns eine vieltausendköpfige Menschenmenge, deren herzliches Willkommen nur übertroffen wurde von der Geschäftigkeit der Fotografen, die uns noch an Bord überfielen und in allen möglichen Posen verewigten“, schrieb John Langenus, der nicht als Schiedsrichter, sondern auch als Korrespondent für das deutsche Fachblatt kicker tätig war.

Die Europäer froren. Sie waren im Sommer abgereist und im Winter auf der Südhalbkugel angekommen. Schneegestöber und Minusgrade überraschten auch die Einheimischen. Das schlechte Wetter hatte die Arbeiten am neuen Estadio Centenario verzögert. Erst fünf Tage nach den ersten Spielen zogen alle Mannschaften feierlich ins Centenario ein. Das erste Spiel in der Geschichte der Fußball-WM wurde am 13. Juli 1930 um 15 Uhr im Estadio Pocitos in Montevideo vor nur 4.000 Zuschauern angepfiffen. Frankreich schlug Mexiko 4:1. Nach 14 Minuten erzielte Lucien Laurent das erste WM-Tor. „Wir freuten uns natürlich alle, aber keiner hatte realisiert, dass ich Geschichte geschrieben hatte“, sagte Laurent, der 2005 im Alter von 97 Jahren gestorben ist.

Frankreich war auch am ersten WM-Skandal der Geschichte beteiligt. Im Stadion Parque Central verfolgten mehr als 23.000 Zuschauer das Spiel gegen Argentinien. Luis Monti hatte die Südamerikaner in der 81. Minute in Führung gebracht. Der brasilianische Schiedsrichter Rego pfiff drei Minuten später die Partie ab, als ein Franzose alleine aufs Tor lief – sechs Minuten zu früh.

Hilfe für Uruguay

Gastgeber Uruguay schlug Peru 1:0 und Rumänien 4:0. Im Semifinale folgte ein fulminanter 6:1-Erfolg gegen Jugoslawien – allerdings mit ebenfalls nicht gerade regelkonformer Schützenhilfe: Pelegrino Anselmo soll das Zuspiel eines uruguayischen Polizisten, der sich hinter der Spielfeldbegrenzung befand, zur 2:1-Führung verwertet haben.

Im Finale führten die Argentinier zur Halbzeit mit 2:1. Dann wendete sich das Glück allerdings – auch, weil die Argentinier in deutlicher Unterzahl spielten. „Wir waren bereits nur noch zu zehnt, und dann fielen noch zwei meiner Mitspieler mit Verletzungen aus. Auswechslungen gab es damals noch nicht, und zu acht waren wir chancenlos“, erzählte der Argentinier Francisco Varallo kurz vor seinem Tod 2010 in einem Interview.

Den Treffer zum 4:2-Endstand in der 89. Minute erzielte schließlich Héctor Castro, der gegen Peru das einzige Tor des Spiels erzielt hatte. Für den damals 25-Jährigen war es auch ein ganz persönlicher Triumph: 13 Jahre zuvor hatte der gelernte Zimmermann bei einem Unfall mit einer elektrischen Säge die rechte Hand verloren.

Trotz des schwierigen Starts war die erste Fußball-Weltmeisterschaft der Auftakt zu einer Erfolgsgeschichte. Am Ende blieben sogar noch 55.000 Pesos übrig. Vier Jahre später in Italien nahmen 16 Teams an der zweiten WM teil, 32 hatten sich der Qualifikation gestellt. Argentinien, Brasilien und die USA traten diesmal zur Reise über den Atlantik an. Und Österreich scheiterte im Semifinale am späteren Weltmeister Italien.

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