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Sport Fußball
05/29/2019

Das unwürdige Europa-League-Endspiel von Baku

Der Boykott des Armeniers Henrich Mchitarjan überschattet das Finale zwischen Arsenal und Chelsea

von Christoph Geiler

Es könnte ein so schönes Finale der UEFA Europa League sein: Auf der einen Seite Arsenal London, ein hochdekorierter und prominent besetzter Traditionsverein, der seit jeher zum Besten gehört, was das Mutterland des Fußballs zu bieten hat.

Auf der anderen Seite der Stadtrivale FC Chelsea, die Spielwiese des russischen Multimilliardärs Roman Abramowitsch, der einzige Klub, dem es in den letzten zehn Jahren gelungen ist, die Champions League (2012) und die Europa League (2013) zu gewinnen.

Arsenal gegen Chelsea – das würde auch ein würdiges Champions-League-Endspiel abgeben.

Doch in den Tagen vor dem Europa-League-Finale an diesem Mittwoch in Baku rückte der Fußball zusehends ins Abseits. Und es stellt sich mehr und mehr die Frage: Was hat sich die UEFA bloß dabei gedacht, das Finale nach Baku zu vergeben, in die Hauptstadt Aserbaidschans?

Schlechte Stimmung

Es wird heute Abend eine seltsame Stimmung herrschen im neu errichteten Nationalstadion. Da der Flughafen in Baku am Tag lediglich 15.000 Passagiere abfertigen kann, werden die ansonsten so reisefreudigen englischen Anhänger in der Arena in der Minderheit sein. Nur jeweils ein Zehntel der knapp 70.000 Tickets ging an die Finalteilnehmer Chelsea und Arsenal.

Das ist aber nicht der Grund, weshalb Bernd Leno von einem „Skandal“ spricht. Auf die lautstarke Unterstützung der Fans hätte der Arsenal-Torhüter möglicherweise noch verzichten können, aber dass ein Mitspieler nicht beim Finale dabei sein kann, sorgt nicht nur bei ihm für Entsetzen.

Henrich Mchitarjan boykottierte die Reise nach Baku. Der Spielmacher von Arsenal kommt aus Armenien, einem Land, das wegen des Konfliktes um Bergkarabach keine diplomatischen Beziehungen zu Aserbaidschan pflegt. Mchitarjan hatte für die Reise nach Baku große Sicherheitsbedenken und entschied sich daher, das wichtigste Spiel seiner Karriere sausen zu lassen. „Das ist ein Spiel, das man als Spieler nicht oft erlebt. Deshalb tut es sehr weh, dass ich nicht dabei sein kann“, erklärte der armenische Fußballstar.

Laute Kritik

Seine Teamkollegen können diesen Entschluss nachvollziehen und sparen nicht mit Kritik an der Auswahl des Finalortes. „Wenn die Voraussetzungen nicht gegeben sind und ein Spieler aus politischen Gründen nicht antreten kann, dann ist das nicht richtig“, meinte Bernd Leno im Kicker. Auch der Finalgegner bedauert das Fehlen von Mchitarjan. „Ich hätte ihn gern auf dem Platz gesehen, aber in so einer Situation ist es die Entscheidung eines Mannes, nicht eines Spielers. Das kann man nur respektieren“, meinte Chelsea-Trainer Maurizio Sarri.

Ihren ursprünglich angedachten Plan, das Aufwärmprogramm vor dem Spiel in Mchitarjan-Trikots zu bestreiten, haben die Arsenal-Spieler wieder fallen lassen müssen. Die mächtige UEFA untersagte dem Verein diese Aktion.

Ohnehin kann UEFA-Präsident Aleksander Ceferin die Aufregung nicht nachvollziehen. „Aserbaidschan hat uns die Sicherheit aller Beteiligten garantiert. Letztendlich hat der Spieler entschieden, nicht mitzureisen. Wenn sich der Fußball von solchen Spannungen aufhalten lässt, können wir künftig gar nichts mehr organisieren“, meinte der Slowene gegenüber dem Spiegel.

Krösus Real

Chelsea vs. Arsenal ist nur die prominente Ouvertüre für das Champions League-Endspiel am Samstag in Madrid, in dem sich Tottenham und Liverpool gegenüberstehen. Sportlich sind die Klubs aus der Premier League die Nummer eins, wirtschaftlich gibt hingegen Real Madrid den Ton an: Laut einer aktuellen Analyse von KPMG besitzen die Königlichen von allen Vereinen den höchsten Unternehmenswert. In Zahlen: 3,22 Milliarden Euro.