Wolfgang Winheim

© Stephan Boroviczeny

Sport Fußball
06/30/2012

Brave böse Buben

Die fairste EM wird von Skandalboys geprägt, während zahme Deutsche verspottet werden.

von Wolfgang Winheim

Auch wenn Mario Balotelli heute noch so drauf losballert – sechs Tore werden ihm nicht gelingen. Der Torrekord von Michel Platini , der 1984 neun Mal traf und den als UEFA-Präsidenten jetzt höflich geschätzte 30 Kilo vom einstigen Kampfgewicht trennen, bleibt unerreicht. Darüber hinaus wird sich Platini über einen anderen Rekord freuen, sofern Italiener und Spanier sich heute ähnlich zahm benehmen wie bei ihrem Gruppenspiel.

Noch nie verlief eine EM so fair. Bei jeder österreichischen Ligapartie wird mehr gestritten, bei jedem Dorfkick mehr geholzt.

Nur eine Rote Karte in 30 Spielen, nur zwei Mal Gelb-Rot. Ist die im Widerspruch zum Ruf etlicher Skandalboys stehende Bilanz darauf zurückzuführen, dass:

a) die Topstars mehr Respekt voreinander haben?

b) die Schiedsrichter mehr Autorität ausstrahlen?

c) die Spieler wissen, dass eine Rekordzahl an Kameras jede kleine Sünde entlarvt?

d) die bösen Buben gar nicht so böse sind wie oft dargestellt?

Manche Storys lesen sich dermaßen grotesk, dass sie selbst Spaniern spanisch vorkommen. Antonio Cassano aber musste vor acht Monaten tatsächlich am Herzen operiert werden.

Auch eine schrullige Aussage von ihm ist verbürgt, machte sie Cassano doch vor zig Mikrofonen anlässlich der Präsentation seiner Biografie: "Ich bin wohl der einzige Italiener, der mehr Bücher herausgegeben als gelesen hat." Dieser Cassano ist unberechenbar wie Angriffspartner Balotelli und dem Finalgegner besonders bekannt. Cassano soll nicht zuletzt  deshalb von Real aussortiert worden sein, weil sich kaum wer in Madrid und Umgebung seiner Ehe sicher sein konnte, sofern der Italiener nicht gerade auf dem Trainingsplatz stand. Aber das ist auch wieder so eine Geschichte aus dem medialen Haifischbecken.

Madrid, Mailand, München, Barcelona, Lissabon, London. Das sind diese Fußball-Zentren, in denen die Jagd nach der täglichen Exklusivmeldung besonders gnadenlos ist. Wie sagte doch Andreas Herzog so oft? "Der erfolgreichste Fußball wird dort gespielt, wo am meisten kritisiert wird."

In Österreich wird vergleichsweise nur am meisten gelästert. Über die Deutschen vor allem. Also sei hier – und das nicht nur aus Höflichkeit gegenüber den 147.000 in Österreich lebenden Deutschen – festgestellt:

Jeder Auftritt von Joachim Löw s Spielern, auch wenn sie jetzt von der Bild-Zeitung pauschal Memmen genannt werden, garantierte Erlebniswert. Jedes deutsche Spiel (nur vier Gelbe Karten in 450 Minuten) verlief korrekt.

Die Deutschen haben sich außerhalb Deutschlands mit der Semifinal-Niederlage beliebter gemacht als mit so manchem Sieg. Eine Steigerung ihrer Sympathiewerte ist hierzulande nur noch am 11. September möglich, wenn sie auch ihr übernächstes Bewerbsspiel (WM-Quali für 2014) verlieren. Es findet in Wien statt.

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