Austria-Stürmer Johannes Eggestein: "Ich bin mehr als nur der Fußballer"
Die Austria ist ausgezeichnet ins Frühjahr gestartet mit Siegen über Salzburg und Rapid. Maßgeblichen Anteil daran hatte Stürmer Johannes Eggestein, der immer besser in Form kommt und auch in der Kabine ein wichtiger Faktor ist.
Der Psychologiestudent hat einiges zu sagen.
KURIER: Wie fühlt sich die Phase an, in der sich die Austria aktuell befindet?
Johannes Eggestein: Gut, wir haben uns deutlich stabilisiert in den Leistungen, die Vorbereitung hat da sehr gut getan. Ich profitiere davon, wenn Abläufe innerhalb der Mannschaft stimmen.
Welche Abläufe sind das?
Es sind verschiedene Dinge. Auf der einen Seite die Defensivarbeit, weshalb es die Gegner schwer haben. Und im Aufbauspiel haben wir Abläufe und Laufwege einstudiert, wo für jeden Spieler noch klarer ist, was von ihm in der jeweiligen Position gefordert wird.
Wo auf dem Platz fühlen Sie sich am Wohlsten?
Allgemein bin ich ein flexibler Spieler, der sich nicht auf eine Position festlegen will. Mein Spiel besteht daraus, das ganze Spiel zu verstehen, zu antizipieren, Räume zu sehen. Ich komme gerne aus der Etappe, die Zwischenräume liegen mir ganz gut. Wichtig ist zu wissen, wie der Mitspieler agiert. Da sind die Abstimmungen besser geworden.
Wie fit fühlen Sie sich?
Ich fühle mich schon sehr gut, Fitness kommt auch mit dem Spielrhythmus. Ich hatte eine volle Vorbereitung, das spielt auch eine Rolle.
Wie haben Sie das Derby gegen Rapid wahrgenommen?
Ich kenne Derbys aus Deutschland zwischen Bremen und Hamburg, oder St. Pauli gegen HSV, das hat schon eine große Rivalität innerhalb der Stadt. In Wien ist es zudem spannend, weil es sich um zwei Vereine handelt, die ebenbürtig sind, auch von der Vergangenheit her. Daher ist es um ein Stück spannender. Als Spieler muss man sich dennoch auf die Leistung fokussieren.
Wie gelingt das?
Man darf sich im Vorfeld schon damit beschäftigen, aber in der Woche vor dem Spiel sollte man die Dinge fallen lassen. Ich lese grundsätzlich relativ wenig Sport, weil es keine große Relevanz für mich und meine persönliche Leistung hat.
Was lesen Sie sonst? Psychologisches für Ihr Studium?
Da lese ich sicher das eine oder andere Mal ein Buch. Ansonsten lese ich gerne Gesellschaftsromane, grundsätzlich beschäftige ich mich gerne mit relevanten gesellschaftlichen Themen, auch Politik. Man muss sich bilden und eine Meinung bilden, um mitreden zu können.
Welchen Autor lesen Sie besonders gerne?
Benedict Wells mag ich sehr, seine Romane schätze ich und habe fast alle gelesen. Ich habe den Fußball, das Studium, dann freut man sich am Abend ein Buch zu lesen, das vielleicht nicht zu intensiv ist.
Kriminalromane wären auch eine Option.
Das habe ich schon gehört, aber ich bin da noch nicht hineingekippt.
Wie viel können Sie von Ihrem Psychologiestudium in der Kabine einbringen?
Ich bin noch kein Psychologe, nur in der Ausbildung. Es geht nicht so sehr darum Inhalte zu vermitteln, sondern wie jemand einem zuhört. Das nehme ich aus dem Studium mit. Ich versuche jungen Spielern Erfahrung und Aufmerksamkeit zu geben.
Sind Sie ein Beobachter mit einem Sensorium für Gruppendynamik?
Ich glaube, wenn man allgemein hinschaut, dann kann man auch viel beobachten. Es geht um das Bewusstsein dafür, das kann ich einer Mannschaft geben. Ich sehe das Team als Ganzes, nehme Dynamiken wahr und kann sie adressieren bei den Spielern und beim Trainerteam. Ich bin keiner, der laut ist, ich sage Dinge in Ruhe.
Sie haben in Hamburg gelebt, jetzt sind Sie in Wien daheim. Was ist für Sie Wien?
Die zwei Städte kann man vergleichen von der Größe her, vielleicht nicht von den Menschen. Was Wien ausmacht ist der Charme, den man gar nicht richtig greifen kann. Ich bin gerne an Sommer- oder Herbstabenden durch die Stadt gegangen. Wenn dann die Sonne untergeht, sich der Himmel verfärbt, und dann ist da die schöne Architektur – dabei entsteht ein einzigartiger Flair. Dinge, die selbst gemacht sind, Kaffeehäuser, kleine Läden, das wirkt auf mich noch sehr nah bei den Menschen.
Hamburg oder Wien – welche Stadt ist windiger?
Ja, Wien ist auch windig. In Hamburg ist es aber noch mehr, kombiniert mit Stürmen und Regen.
Passt Wien zu Ihnen?
Ja, das denke ich schon. Von Beginn an habe ich mich hier wohl gefühlt, das hatte ich nicht überall, das ist auch nicht selbstverständlich. Daher kann ich mir vorstellen, unabhängig vom Fußball, Lebenszeit in Wien zu verbringen.
Wie funktioniert der Doppelpass zwischen Fußball und Studium?
Es ist schon ein Spagat, es sind ja zwei unterschiedliche Welten. Viele Inhalte in der Psychologie sind allgegenwärtig. Der Mensch ist ja Psychologie, daher findet man Teile auch im Fußball. Als ich in Hamburg zur Uni ging, da war ich schon in einer eigenen Bubble. Das zu vereinbaren war schon eine Herausforderung.
In der österreichischen Politik würde man sagen: Das Beste aus zwei Welten.
Richtig. Für einen Sportler ist es wichtig, den Fokus auf dem Sport zu behalten. Das ist mein Beruf und meine Leidenschaft. Das Studium soll mich begleiten und erfüllen, soll mir intellektuell einen Inhalt geben. Der Sport steht aber jetzt an erster Stelle.
Ist Ihnen der Fußball für Ihre Persönlichkeit zu wenig?
Ja. Das ist der Fall. Als ich junger Profi war, hat mich der Fußball komplett ausgefüllt, ich war erschöpft. Da wäre ein Studium nebenbei schwer gewesen. Mit der Zeit verändert sich das, es bleibt auch mehr reale Zeit übrig. Ich wollte nicht immer nur für mich allein ein Buch lesen, sondern etwas in einem Kontext lernen mit einer Prüfungssituation, um zu sehen, wie gut ich das verstanden habe. Ich kann das ab einem gewissen Zeitpunkt jedem empfehlen, nebenbei etwas zu machen. Man ist nicht sein Leben lang ein Sportler.
Was sagen Sie als angehender Psychologe zu den Vorkommnissen im Austria-Umfeld?
Ich kann das weder als Fußballer noch als Psychologe beantworten, weil ich zu diesen Themen und Konflikten keine Informationen habe. Ich bekomme über die Medien manches mit, das ist aber eine dargestellte Sichtweise. Ich bin ehrlich – das Thema ist für mich und meine Leistung nicht relevant.
Was wünschen Sie sich für die restliche Saison?
Dass wir an diesen Leistungen anknüpfen. Resultate sind dabei nicht der alleinige Faktor, sondern die Entwicklung und die Energie, die wir Woche für Woche auf den Platz bringen. Darum geht es, das ist der Schlüssel für die nächsten Spiele. Ich persönlich fühle mich besser, kann in den Leistungen konstanter werden, meinen Teil zum Ganzen beitragen.
Sie sind 27. Haben Sie einen Karriereplan? Wollen Sie noch etwas Neues sehen oder können Sie sich vorstellen länger bei der Austria zu bleiben?
Die Frage ist sehr komplex. Meine bisherige Karriere war nicht eine stetige Entwicklung nach oben. Mal ging es aufwärts, dann wieder runter, auch mit meiner persönlichen Entwicklung. Und man hat ja nicht immer alles in der Hand. Ich versuche den Fokus auf mir und meiner persönlichen Entwicklung zu haben, was das Menschliche und das Sportliche angeht. Mit Austria international zu spielen, kann spannend sein. Ins nicht-deutschsprachige Ausland zu gehen, hätte auch einen Reiz. Wichtig ist mit dem Leben zu gehen. Ich sehe meine Karriere auch als Abenteuer.
Wenn ich Ihnen sage, dass Sie ein atypischer Fußballer sind...
Das habe ich schon öfter gehört.
Macht Sie das stolz?
Nein, es ist eher ein Gefühl, dass der Weg der richtige ist, eine Bestätigung. Mir war immer wichtig, mich nicht nur über den Fußball zu definieren und über den Fußball definiert zu werden. Ich bin gerne der Fußballer, aber ich bin viel mehr als das. Da unterschätzt man die heutigen Spieler, die beschäftigen sich mit viel mehr. Ich möchte jungen Spielern da ein Vorbild sein und ihnen zeigen, dass es mehr gibt als nur den Fußball.
Wie beobachten Sie die Welt und die Gesellschaften?
Welch große Frage. Mir fällt es schwer eine Pauschalaussage zu tätigen, dafür ist die Welt viel zu komplex. Der Mensch hat so viel Fortschritt gemacht, umgekehrt passiert heute politisch vieles, was ich nicht gut finde. Das macht etwas mit einer Gesellschaft und mit den Menschen. Ich habe schon die Vorstellung einer Gesellschaft, die füreinander da ist, zuhört und einander sieht. Ich nehme aktuell leider viele Dynamiken wahr, wo das Gegenteil der Falls ist. Das bereitet mir Bauchschmerzen.
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