Shampoo, Marko Arnautovic! Danke für 18 Jahre, die nie langweilig waren
Marko Arnautovic
Der Kopf gesenkt, der Blick ins Mobiltelefon, kein Wort zu den wartenden Journalisten, die sich über einen Spruch gefreut hätten. So stapfte Marko Arnautovic am Donnerstag in den Katakomben des SoFi-Stadiums in Los Angeles von der Kabine Richtung Mannschaftsbus.
Sichtlich gefasst von dem Moment, der sich Abschied nennt. „Ich bin traurig, weil ich meine zweite Familie nicht mehr auf dem Platz sehen werde“, hatte er wenige Minuten zuvor noch in ein TV-Mikrofon gesagt. 137 Länderspiele, 49 Tore. Drei Europameisterschaften, eine Weltmeisterschaft und Schluss.
Marko Arnautovic und das österreichische Nationalteam. Was zunächst beileibe nicht wie Liebe auf den ersten Blick aussah, wurde am Ende dann doch noch zu einem großen Schauspiel in mehreren Akten und allen Genres. Oft eine Komödie, manchmal ein Thriller, hin und wieder Tragödie, meistens Action, aber stets eine Seifenoper.
Am Anfang wollte ihn keiner. Zumindest nicht so, wie er war. Der Bursche, der als Jungprofi überall Schlagzeilen machte, nur nicht auf dem Fußballplatz, der einem Polizisten erzählte, er könne sein Leben kaufen. Man hat über ihn geschimpft und man hat ihn lange Zeit nie ganz ernst genommen – der Frechdachs mit dem goldenen rechten Fuß, der seine eigene Karriere zunächst öfter sabotierte als jeder Gegenspieler.
Der schleichende Wandel
Und dann, irgendwann, ohne dass sich der genaue Tag festmachen ließe, war er nicht mehr der Rotzbub aus Floridsdorf. Der Wandel kam nicht mit einem Paukenschlag, sondern über Jahre, schleichend, über Stationen wie Stoke City, wo er zum ersten Mal regelmäßig lieferte, ohne dass eine Skandalzeile die Leistung überdeckte. Über die Geburt seiner ersten Tochter Emilia, die er selbst als Zäsur beschreibt. Sein Vater habe ihm immer gepredigt, zehnmal nachzudenken und einmal zu reden, erzählte Arnautovic vor Kurzem, er habe leider lange das Gegenteil gemacht. Altersweisheit, plötzlich.
Warum nur hast du nicht auf deinen Vater gehört, ist man ganz kurz verleitet, zu denken. Blödsinn. Es wäre uns vieles entgangen, was Spaß gemacht hat. Auch hätten wir nie erfahren, dass ein Fußballspiel „acht- oder neunstellig“ hätte ausgehen können. Nie würden wir heute zu unseren Freunden „Shampoo“ sagen, wenn ihnen gerade etwas gelungen ist.
Entertainer und Führungsspieler
Irgendwann wurde aus dem Entertainer auch noch ein Führungsspieler. „Seit ich Fußball schau’, ist der Marko einfach ein Vorbild für mich“, sagte der um zehn Jahre jüngere Christoph Baumgartner erst vor wenigen Monaten. Skandale gibt es heute keine mehr. Wenn man so will, ist alles, was zuletzt davon übrig geblieben ist, ein kurzer Wutausbruch gegenüber den Spielern von Algerien, weil sie es trotz eines scheinbaren Nichtangriffspaktes gewagt hatten, doch noch ein Tor zu schießen.
Über seine wilden Jahre sprach Arnautovic zuletzt selbst gelassen, fast amüsiert. Früher war das noch anders, als er versuchte, sich zu rechtfertigen: „Es wird halt oft genug eine Ameise aus seinem Elefanten gemacht bei mir“, sagte er, hatte damit sicher Unrecht, aber zumindest die Lacher auf seiner Seite.
Daran änderte sich bis zum Schluss nichts. Eine Pressekonferenz mit Marko Arnautovic? Das war wie das Disneyland unter den Medienterminen.
Das Nationalteam verliert seinen Rekordspieler und -torschützen. Österreichs Fußball seinen vielleicht größten Charismatiker. Einen, der es über fast zwei Jahrzehnte geschafft hat, uns nie kalt zu lassen. Von seinem ersten Länderspiel im Herbst 2008 auf den Färöer Inseln bis zu seinem letzten im kostspieligsten Stadion der Welt in Los Angeles. Zwei Bühnen, die von ihrer Dimension kaum weiter auseinanderliegen könnten. So wie der freche Bursche aus Floridsdorf und der Rekordmann von heute.
Danke, Marko. Für 18 Jahre, in denen es nie langweilig war.
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