Schwer geschlagen: Rapid nach dem 2:7 gegen Salzburg

© DIENER / Eva Manhart

Analyse
06/26/2020

Absturzgefahr: Rapid muss Platz drei und die Millionen retten

Rapid bewegt sich diese Saison auf einem schmalen Grat. Nach dem 2:7 gegen Salzburg und vor dem Schlüsselspiel in Graz wird das deutlich.

von Alexander Huber

Zoran Barisic hatte den richtigen Riecher. „Mir geht die Entwicklung zu schnell“, sagte der Rapid-Sportdirektor nach dem 1:0 in Hartberg. Auch wenn keine Zuschauer in die Stadien dürfen, spürte der 50-Jährige, dass die Hütteldorfer Hochschaubahn der Emotionen gefährlich Schwung aufgenommen hatte.

Nach dem vierten Sieg en suite verwies Barisic im KURIER auf den Faktor Glück bei den Erfolgen gegen LASK und WAC, die Verletzungsmisere und die vielen Talente, die nicht konstant an ihre Leistungsgrenzen gehen könnten. Er appellierte an die Fans: „Lasst die Erwartungshaltung nicht zu schnell wachsen!“

Nur eine Woche später haben die Rapidler den Scherm auf. Auf den schwarzen Sonntag mit dem 0:1 gegen Hartberg folgte mit dem 2:7 gegen meisterliche Salzburger eine Niederlage von historischem Ausmaß. Und Barisic hatte Recht behalten.

Mehr Punkte als Salzburg

Nach dem direkten Vergleich mit den Bullen und dem Verlust des zweiten Platzes klingt es unglaublich: Rapid war bis zum 2:7 das erfolgreichste Team des Fußball-Jahres. Erst durch das Heimdebakel ist Rapid in der Jahrestabelle 2020 mit 20 Punkten hinter Salzburg (21) und den LASK (22) zurückgefallen. Der Ansatz von Trainer Didi Kühbauer wirkt so gesehen realistischer, als er direkt nach dem 2:7 geklungen hat: „So eine Partie hat jede Mannschaft irgendwann einmal. Wir werden in einer bis dahin sehr guten Saison deswegen sicher nicht alles infrage stellen.“

Zwischen Glück und Pech

In der zweiten Saisonhälfte hat Rapid (28 Zähler aus 15 Spielen) weiterhin mehr gepunktet als Salzburg (27). Alles nur Glück? Keineswegs.

Allerdings sollte das 2:7 auch nicht als Pech oder Unfall verbucht werden.

Rapid bewegt sich die ganze Saison auf einem schmalen Grat. Wenn das 1:0 gelingt, Taxi Fountas spielt und die für den Kühbauer-Stil nötige körperliche Frische vorhanden ist, sind die Wiener nur schwer zu schlagen.

Fehlt einer dieser Faktoren, wird es heikel. Dominiert werden die Gegner nicht. Die Kombination aus der Verletztenliste, der zu forschen Rotation und den Verschleißerscheinungen hat auch noch die Defensivstärke zerstört. Gegen Salzburg wurde offensichtlich, warum Goalie Knoflach drei Jahre lang nur die Nr. 2 hinter dem weiter angeschlagenen Strebinger war.

Warum Red Bull in Sachen Fitness und Tempo weiterhin in einer anderen Liga spielt. Aber warum passieren plötzlich vier Gegentore aus Eckbällen? Das darf auch gegen einen brillanten Schützen wie Szoboszlai nicht passieren.

  • Rekordniederlage

In der Bundesliga verlor Rapid nie höher als beim 2:7. In der Nationalliga gab es 1969 ein 0:6 gegen die Austria.

2:10 gegen die Vienna war die höchste Niederlage der Vereinsgeschichte, gefolgt vom 1:7 gegen den FAC – beides  im Kriegsjahr 1943. Das schlimmste Cup-K.-o. war ein 0:8 gegen  Admira 1934.

  • Europacup-Pleiten

Die höchste Abfuhr war das 0:6 in Valencia (2016), gefolgt vom 2:7 gegen  Milan 1956.

Schlüsselspiel in Graz

„Wir müssen das 2:7 schleunigst aus den Köpfen bekommen, auch wenn’s schwerfällt“, fordert Kapitän Schwab. Bereits am Sonntag in Graz wird sich zeigen, ob noch der späte Absturz droht. Ab sofort geht es nur noch darum, den dritten Platz ins Ziel zu retten.

Die Wiener verlieren in der Corona-Krise Woche für Woche mehr Einnahmen als alle anderen Vereine. Mit der Regierungsankündigung, ab 1. September 10.000 Zuschauer ins Stadion zu lassen, können nicht einmal alle zahlenden Abonnenten eingelassen werden. Deswegen sind die mit dem Einzug in die Europa League verbundenen Millionen besonders wichtig.

Doch die vier Punkte Vorsprung auf den WAC scheinen bloß komfortabel. In der letzten Runde geht’s nach Wolfsberg. Ob die Rapidler bereit wären für ein Millionenspiel?