Sport | Fußball-WM
13.07.2018

Kroatischer Sportsoziologe: „Wir können mehr als Bengalen werfen“

Sein und Schein. Warum Kroatien mehr ist als Modric und Randale auf der Ottakringer Straße.

Der Zagreber Sportsoziologe Ben Perasovic erläutert im Gespräch mit dem KURIER, warum Kroatien nach der WM zur Normalität zurückkehren muss. „Und das wird nicht so euphorisch werden.“

KURIER: Mit welchen Emotionen haben Sie die bisherigen Spiele der Kroaten verfolgt?

Ben Perasovic: Mit Freude und Ambivalenz. Als Staatsbürger sage ich: Die Korruption in unserem Fußball-System ist unerträglich. Aber der Fan in mir jubelt: Modric und Co. spielen ein verdammt leidenschaftliches Turnier.

Kann man vor dem Finale am Sonntag in Kroatien dem Fußball großräumig ausweichen?

Es gibt auch bei uns Menschen, die sich nicht für Fußball interessieren. Doch für sie ist es hart. Unsere Zeitungen berichten auf den ersten Seiten nur über Fußball. Politik kommt erst weit hinten. Und unsere Politiker sind froh, dass man ihnen derzeit keine lästigen Fragen stellt.

Etwa zur „Agrokor“-Finanzkrise: Einige Ihrer Landsleute können nicht sicher sein, ob sie im Herbst noch einen Job haben. Ist das derzeit ausgeblendet?

Die Euphorie wird nicht ewig anhalten. Nach dem Sommer werden wir wieder über die realen Probleme dieses Landes reden müssen.

Was war wichtiger für das Image von Kroatien: der Beitritt zur EU vor fünf Jahren oder der Siegeszug der Fußballer?

Eindeutig der Fußball vor dem Millionen-Fernsehpublikum. In diesen Tagen nehmen Menschen auf der ganzen Welt unser kleines Land wahr. Und es wir mehr Leute geben, die uns jetzt zumindest einmal googeln können.

In Österreich sprach man viel über Fanausschreitungen auf der Ottakringer Straße.

Das verwundert mich. Viele Österreicher machen bei uns Urlaub, und ich gehe davon aus, dass die wissen, dass wir Kroaten mehr können als Bengalen werfen und nationalistische Parolen rufen. Zagreb ist heute eine europäische Metropole. Und weder die Distanz noch die Mentalität zu einer Stadt wie Graz ist riesengroß. In Wahrheit leben wir doch schon längst in einer riesigen Shopping Mall. Und wenn wir über Nationalstolz reden: Ein belgischer Kollege hat sich gewundert, dass auf den Straßen seines Landes viel mehr Fahnen hängen als bei uns.

Warum bringt Kroatien so viele Weltklasse-Fußballer hervor?

Es gibt dafür mehrere Erklärungen. Talent ist nur eine, die Fluchtbiografien einiger Spieler eine andere. Wichtig ist auch, dass unsere Sportvereine wenig Geld haben, der Leistungsgedanke aber überall groß geschrieben wird. Und es gibt diesen Trotz: Wir sind arm, aber wir zeigen es den anderen.

Die besten Spieler des Landes im Ausland, die nationale Liga dümpelt dahin: Warum ist das Interesse am Fußball dennoch größer als etwa in Österreich?

Wir müssen hier unterscheiden: Im Moment sind in erster Linie jene zu sehen, die die Erfolge unseres Nationalteams konsumieren, die Flaneure der Globalisierung, die oft nicht einmal wissen, was ein Abseits ist. Und die nicht nur bei uns auf den Plan treten. Doch es gibt in Kroatien auch eine zweite Gruppe, der ich mich zurechne: die Gruppe der Fans, die sich Sorgen um die Qualität und Ehrlichkeit der kroatischen Liga machen. Das sind nicht so viele.

Präsidentin Kolinda Grabar Kitarovic: eine aus Ihrer Gruppe oder eine Trittbrettfahrerin?

Wohl eine Mischung aus beiden. Überall in Europa setzt die Politik derzeit auf die populistische Karte, so ist der Zeitgeist. Andererseits habe ich überhaupt kein Problem damit, wenn sie vor Trump und Co. tänzelt. Auch nicht, das sie halbnackte junge Männer herzt. Das hat sogar seinen Charme. Verwerflich ist viel mehr, dass sie mit verurteilten Männern wie Zdravko Mamic (gilt als der Zagreber „Fußball-Pate“, wurde inzwischen zu 6,5 Jahren verurteilt, befindet sich aber in Bosnien auf freiem Fuß) Geburtstag feierte.

Apropos Mamic: Wird Luka Modric nach der WM wegen seiner Falschaussage wie ein normaler Staatsbürger von den Gerichten behandelt werden?

Er ist ein Held in Kroatien und wird einer bleiben. Doch es wird die Zeit kommen, da werden mehr Leute zwischen seinen Leistungen auf dem Rasen und seinem ungeheuerlichen „Ich kann mich nicht erinnern“ differenzieren.