Sport
13.07.2018

Kroaten in Österreich: Leben mit zwei Identitäten

In Österreich leben, aber für Kroatien anfeuern? Kein Widerspruch, sondern gelebter Alltag einer Gesellschaft mit zwei Identitäten.

Wir-Gefühl, Zuversicht, Stolz – Schlagwörter, die oft in Gesprächen mit in Österreich lebenden Kroaten fallen, aber nur schwer zu erklären sind. Doch manchmal, da werden sie auch sichtbar. Etwa, wenn Großereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaft einige hundert Kroaten auf heimische Straßen strömen lässt. 1,6 Millionen Zuschauer haben den Finaleinzug der Mannschaft rund um Zlatko Dalić vor den TV-Geräten mitverfolgt. Insgesamt leben 91.788 Kroaten in Österreich. Sehr viele haben mitgefiebert und ausgelassen gefeiert.

Herkunft

Viele der Familien sind im Zuge der Gastarbeiterwelle Anfang der 1960er-Jahre oder der Flüchtlingswelle in den 1990er-Jahren gekommen und geblieben. Mit im Gepäck, die Identität ihrer Heimat, die sie an die zweite und dritte Generation weitergeben. Warum Stolz und die viel zitierte nationale Bindung so stark ausgeprägt sind, wird oft hinterfragt, beantworten lässt sich das jedoch nicht so leicht.

Abraham Miškić ist in Wien geboren und hier aufgewachsen. Seine Eltern stammen aus Rijeka. „Die Herkunft meiner Eltern ist mir genauso wichtig, wie die Tatsache, dass ich mich auch als Österreicher sehe. Wir sind österreichische Kroaten. Es geht nicht so sehr darum zu ergründen, weshalb wir so empfinden. Beim Fußball geht es nicht um die Frage, ob wir integriert sind oder nicht. Es geht um Leidenschaft und den sportlichen Erfolg.“

 

Rückendeckung Sport

Der starke Zusammenhalt formt sich natürlich auch bei diversen Aufenthalten in Kroatien, wenn Familie und Freunde besucht werden. Ungeschminkte Einblicke in den kroatischen Alltag sorgen für Hautnah-Erlebnisse. Man ist mitinvolviert, obwohl der Lebensmittelpunkt in Österreich liegt. „Die Komponente Sport ist, trotz diverser Wett- und Transferskandale, in einem Land mit nur vier Millionen Einwohnern, zeitweise die einzige positive Rückendeckung. Der sportliche Erfolg, der eine ganze Nation stärkt und die Menschen für eine Zeit aus der wirtschaftlichen Schockstarre holt“, erklärt Elizabeta Winklbauer, ihre Eltern sind Kroaten aus Bosnien. Vor mehr als zehn Jahren hat sie einen Österreicher geheiratet, die Pflege beider Kulturen sind dem Ehepaar gleichermaßen wichtig: „Dass unsere Töchter zweisprachig aufwachsen, ist selbstverständlich. Warum der Stolz bei uns stärker verankert ist? Die Antwort findet man bei unseren Eltern. Sie alle haben ihre Heimat aus einer Not heraus verlassen. Für sie ein schmerzhafter Prozess, aber auch einziger Ausweg. Mit dem Herzen immer in der Heimat zu sein, wohlwissend, dass die vernünftigere Wahl, vor allem der Kinder zuliebe, das Ausland ist. Es war eine Art der Aufopferung, vielleicht liegt darin auch der Grund verborgen, warum wir unsere Wurzeln so schätzen.“

Krawalle wie beim WM-Spiel Russland-Kroatien auf der Wiener Ottakringer Straße werden von der Mehrheit, der kroatischen Community nicht gutgeheißen. Anto Sluganović, Gründer der Plattform kroativ hat für nationalistische Provokationen kein Verständnis: „Derartige Negativschlagzeilen entsprechen nicht dem Echtbild der kroatischen Gesellschaft. Wir sind Europäer mit kroatischen Wurzeln. Nationalismus in jeglicher Form hat keinen Platz.“