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Der bekannteste Österreicher
05/21/2019

Lauda über Berühmtheit: "Muss mich manchmal schon verstecken"

Laut einer Umfrage war Niki Lauda das bekannteste Gesicht Österreichs. 2017 sprach er mit dem KURIER über seine Popularität.

von Philipp Albrechtsberger

Das Scheinwerferlicht ist direkt auf das Gesicht von Niki Lauda gerichtet. Für das italienische Fernsehteam ist das Interview im Fahrerlager von Barcelona etwas Besonderes. Nahezu alle Fragen drehen sich um seinen Unfall 1976 auf dem Nürburgring. Danach gibt es ein Gruppenfoto. Es ist eher persönliches Erinnerungsstück als journalistische Notwendigkeit.

Laut einer Umfrage ist er Österreichs bekanntester Prominenter, neun von zehn Landsleuten erkennen sein Gesicht.

KURIER: Herr Lauda, was bedeutet Ihnen Ruhm?

Niki Lauda: Null. Wenn du am Anfang deiner Karriere drei Mal in der Zeitung stehst, freust du dich über die Anerkennung. Hält der Erfolg an, wird es mühsam. Jeder will ein Foto oder dich umarmen. Daran musst du dich erst gewöhnen und Systeme für den Umgang entwickeln.

Wie sehen Ihre aus?

Mein Grundgedanke ist: Medienpräsenz darf einem nichts wert sein. Ich kann aber nur über Spitzensport sprechen, wo der Erfolg kommt, wenn du gewinnst. Der Hype durch Medien macht Menschen euphorisch. Sobald du aber abhängig davon bist, wie Medien über dich berichten, geht’s bergab.

Wie wichtig ist Selbstreflexion?

Extrem wichtig. Ich habe mich immer gefragt: Warum bin ich in den Medien? Die einfache Antwort: Weil ich Formel-1-Fahrer bin. Künstler sind von subjektiven Meinungen abhängig, das macht’s schwieriger. Im Sport ist Erfolg leicht messbar. Aber die jungen Leute bereiten mir schon Sorgen, selbst meine eigenen Kinder.

Warum?

Diese Blase mit Facebook, Twitter, Instagram und Co. hat eine ungeheure Dominanz im Leben eingenommen. Jeder will dem anderen beweisen, ob er drei, zehn oder 300.000 Follower hat. Die Dynamik ist beängstigend. 99 Prozent des Inhalts auf Social Media sind Müll. Einige Medien haben sich daran gewöhnt und damit die fundierte Recherche ersetzt.

Wären Sie als Rennfahrer in der heutigen Zeit in den sozialen Netzen aktiv?

Bestimmt nicht. Obwohl mir jeder sagt, dass ich das machen muss. Der Berater von Rosberg, der das für Nico wirklich exzellent macht, sagt immer: "Niki, du bist wesentlich mehr wert, wenn du drei Millionen Follower hast!" Das mag jetzt naiv klingen, aber ich behaupte, dass im Sport das Resultat reicht. Wenn ich heute zu meinem Sponsor gehe und sage, ich habe so und so viele Follower, würde der antworten: "Ist uns egal." Meine Bekanntheit hat andere Gründe.

Welche denn?

Weil ich am Nürburgring verunglückt bin. Weil ich drei Mal Weltmeister wurde. Und weil ich jetzt das Mercedes-Team mitführe. Darum geht’s. Und nicht darum, dass mir Leute antworten, nachdem ich geschrieben habe, dass ich vor fünf Minuten am Klo war. Aufhalten kann ich diesen Trend aber nicht. Für meine Zwillingskinder werden soziale Medien eine wichtige Rolle spielen. Ich kann ihnen nur beibringen: Bitte twittert nicht, wenn ihr aufs Klo geht! Ich kann verstehen, dass es manchmal schwierig ist, das zu trennen. Für mich ist’s auch einfacher.

Warum?

Meine Popularität war groß genug, bevor es Social Media gab. Noch mehr brauche ich sicher nicht. Ich muss mich manchmal jetzt schon verstecken.

Ist es in der Heimat am schwierigsten?

In Wien ist es sogar einfacher. Weil ich immer in die gleichen Restaurants gehe. Da bist du irgendwann nicht mehr die Sensation. Unangenehm wird’s woanders. Ich weiß nicht, wie viele Fotos ich schon mit italienischen Kellnern machen musste. Aber ich reg’ mich nicht auf. Ich bin es den Menschen auch schuldig. Und spiele gerne mit.

Zynisch formuliert: War der Unfall 1976 positiv für Ihre Popularität?

Das ist schon sehr zynisch, weil es weder schön noch planbar war. Aber klar: Jemand, der immer entweder mit guten oder mit schlechten Nachrichten punktet, wird irgendwann langweilig. Bei mir ging es immer auf und ab: Motorsport-Karriere gegen den Willen der wohlhabenden Eltern, große Siege, auch Niederlagen. Und dann kam der Unfall. Zufällig gefilmt von einem Buben mit einer Acht-Millimeter-Kamera. Wenn es diese Bilder nicht gäbe, wäre meine Geschichte bestimmt nicht so groß. Danach hat sich plötzlich auch die Großmutter, die nichts mit der Formel 1 anfangen kann, für mich interessiert.

Konnten Sie die Dimension Ihrer Geschichte damals abschätzen?

Die Formel 1 bestand zu der Zeit aus den Helden, die gewonnen haben, und aus denjenigen, die irgendwann verunglückt sind. Ich habe erstmals beides auf einmal abgedeckt. Ich war ein Sieger und gleichzeitig tot. Und kurz darauf habe ich wieder gewonnen. Durch den Kinofilm "Rush" (2013, Anmerkung) hat alles einen neuen Schub bekommen.

Inwiefern?

Die jungen Leute, die überhaupt keine Ahnung von mir hatten, wurden plötzlich aufmerksam gemacht, was damals passiert ist. Und die Alten wussten vor dem Film nicht wirklich, wie schlecht es mir tatsächlich gegangen ist.

War es Ihnen am Anfang der Karriere wichtig, berühmt zu werden?

Überhaupt nicht. Womit wir wieder beim Anfangsthema sind. Das Simulieren einer Wichtigkeit, die gar keine ist, sehe ich als Gefahr. Der verkaufte Glamour, den plötzlich alle so wichtig nehmen, ist mir zuwider. Ich bemerke, dass sich die Grenzen verschieben, was im Leben wirklich wichtig ist.

Wären Sie heute lieber Rennfahrer als zu Ihrer aktiven Zeit?

Natürlich. Es gibt zehn Mal so viel Geld und praktisch null Risiko.

Aber dadurch vielleicht auch ein bisschen weniger Aufmerksamkeit?

Glaube ich nicht. Die ganze Welt kennt Lewis Hamilton. Wenn mir in der heutigen Zeit dasselbe zugestoßen wäre wie damals, möchte ich nicht wissen, wie bekannt ich wäre. Aber die Autos brennen eben nicht mehr so leicht (lacht).

Sie bleiben Mercedes und der Formel 1 weiterhin erhalten. Woher kommt der Antrieb?

Für mich gibt’s nichts Schlimmeres als Langeweile. Es gilt ein neues Reglement, auch abseits der Strecke ändert sich gerade viel. Ich bin am besten, wenn ich herausgefordert werde. Das Risiko, zu verlieren, ist jetzt viel größer als in den letzten Jahren. Das reizt mich.

Wie sehr durfte Ihre Familie mitreden?

Brutal gesagt, gar nicht. Es geht letztlich um mein Leben, das ich selbst zu verantworten habe. Aber meine Frau unterstützt das alles komplett, genauso, wie ich sie bei ihren Dingen unterstütze.

Öfter zu Hause zu sein war nicht verlockend?

Ich behaupte, dass ich meinen Familienaufgaben zu einhundert Prozent gerecht werde. Mein Leben und das unserer Familie ist absolut im Lot. So viel bin ich gar nicht unterwegs. Es gibt genug Familien, die es wesentlich härter haben im Leben als wir. So ehrlich muss man sein.

Drei Stunden nach diesem Interview. Niki Lauda isst in kleiner Runde zu Mittag, als eine Anekdote zum Besten gegeben wird. Vor einigen Jahren saß Lauda in Los Angeles hinter dem Steuer und soll auf der Suche nach dem richtigen Weg die gesamte Fahrbahn ausgenutzt haben. An einer Ampel kam ein US-Polizist neben Lauda zum Halten, er sah ihm ins Gesicht und schrie: "Du bist der schlechteste Fahrer, den ich je gesehen habe!" Gelächter am Tisch. "Das wünsche ich mir wirklich öfter", sagt Niki Lauda.