© APA/ERWIN SCHERIAU / ERWIN SCHERIAU

Sport | Motorsport
02/22/2019

Helmut Marko zu Laudas 70er: "Erfolg nie zu Kopf gestiegen"

Zum runden Geburtstag des National-Eiligen am 22. Februar erinnert der Rivale und Freund an die Anfänge.

Es muss bei einem Bergrennen Ende der 1960er-Jahre gewesen sein, als ich Niki das erste Mal begegnet bin. Ich bin ja sechs Jahre älter und war schon etwas länger aktiv, seit 1967 um genau zu sein. Der Niki war, was Aussehen und Gehabe betroffen hat, ein richtiges Seicherl wie man auf Österreichisch sagt. Er war schmal und blass und kam im Sakko zu den Rennen. Er hat aber alles dafür getan, um uns rasch eines Besseren zu belehren. Bald war mir klar, dass da einer ist, der weiß, was er will. 

Der Motorsport in Österreich erlebte gerade eine erste Blütezeit: Es gab zwei große Rennstrecken in Zeltweg und in Salzburg - eine gewisse Idiotie in einem kleinen Land, aber eben auch eine sehr österreichische Lösung - und es gab natürlich Jochen Rindt, der kurz darauf  mit seinem Tod 1970 eine Lücke hinterließ, die einige junge Rennfahrer ausfüllen wollten, darunter   Niki, Dieter Quester und auch ich.

Medial wurde das als Duell zwischen Quester und mir inszeniert, aber ich hab’ früh erkannt, dass sein wahrer Konkurrent um die Nachfolge der Niki werden wird.

"Niki Nazionale" - Lauda in der Formel 1:

Zur Legende wird Lauda im Jahr 1976: Als amtierender Weltmeister verunfallt er in Deutschland, kämpft um sein Leben. 42 Tage später sitzt er wieder im Cockpit.

1977 holte Lauda seinen zweiten Weltmeistertitel mit Ferrari - aber schon vorher stand der Abschied fest: 1978 wechselte Lauda nach Differenzen mit Enzo Ferrari zu Brabham.

Nach zwei Jahren Formel-1-Auszeit kehrte Lauda 1982 in die Weltmeisterschaft zurück. Zwei Jahre später, 1984, eroberte er mit McLaren seinen dritten WM-Titel. 1985 beendete er seine Karriere.

Nach dem Unfall auf dem Nürburgring wird das "rote Kapperl" zum Markenzeichen. Lauda nutzt es im Lauf der Jahre als Sponsorfläche für verschiedene Partner.

Nach einem kurzen Engagement bei Jaguar nach der Jahrtausendwende kehrt Lauda 2012 als Mercedes-F1-Vorstand in die Formel 1 zurück.

Bei den Legendenrennen auf dem Red-Bull-Ring greift Lauda noch einmal ins Steuer seiner einstigen Boliden - und tritt gegen dabei auch gegen die Rivalen von früher an.

Alter Netzwerker

Der Niki hat seinem Karriereplan alles untergeordnet.  In der Formel V ist er einmal selbst mit dem Transporter, in dem der Rennwagen verstaut war, bis nach Finnland gefahren, um zu einem Renneinsatz zu kommen. Die Arbeitseinstellung hat ihn immer ausgezeichnet, er hat  einfach immer versucht, in jedem Bereich einen Vorteil für sich zu suchen. Das Testen der Rennwagen hat er quasi erfunden, uns hat das zu der Zeit nicht wirklich interessiert. Ausgezeichnet auch sein Gespür für Leute, die ihn weiterbringen können. Heute würde man Niki als perfekten Netzwerker bezeichnen.

Rückblickend sind seine finanziellen Deals immer gut gewesen, wenngleich sie damals  hochriskant waren, weil auf Kredit finanziert. Bereits eine Formel-V-Saison kostete damals rund 70.000 Schilling.

Helmut Marko und Niki Lauda begegnen einander zu der Zeit regelmäßig auf den Rennstrecken in  Europa. Legendär ein Formel-V-Rennen im Rahmen des Großen Preises von Deutschland 1969 auf der Nordschleife des Nürburgrings. Der spätere Sieger Marko und Verfolger Lauda hetzen über den Kurs, Marko soll Lauda in den Straßengraben gedrückt haben.

Niki hat später öfter erzählt, ich sei unfair gewesen. Dabei bin ich einfach nur so lange hinter ihm hergefahren, bis er einen Fehler gemacht hat. Das Herausragende an dem Rennen war aber etwas ganz anderes: Der Drittplatzierte, der damalige Staatsmeister Peter Peter, fuhr erst über das Ziel, als wir schon auf dem Podest gestanden sind. Wir haben einfach auf dem Podium auf ihn gewartet und unsere Witze gemacht.

Schon damals war mir der Niki von allen Gegnern menschlich am nächsten. Wir waren Konkurrenten, aber die Zeit beim Mittagessen oder abends habe ich genossen.

Ausgewählte Sprüche von Niki Lauda: "Mein ganzes Leben war so etwas wie ein Spiel. Ich bin immer Risiken eingegangen, da brauche ich keine Glücksspiele." (Lauda auf die Frage, ob er gerne in Casinos geht)

 "Diese kleine Welt der Zirkusaffen", sagte Lauda einst über die Formel 1. Er selbst blieb bescheiden: "Aber ich habe immer gesagt, ein Affe kann mit den heutigen Formel-1-Autos fahren - also auch ich."

"Rennfahrer sind egoistische Schweine, die alles versuchen, um zu gewinnen", behauptete Lauda (im Bild mit Rainhard Fendrich), der seine Motivation einmal so erklärte: "Ich werde fürs Fahren und nicht fürs Parken bezahlt."  

"Ich habe es satt, blöd im Kreis herumzufahren" (So erklärte Lauda 1979 seinen Rücktritt beim GP in Kanada; im Bild mit dem jungen Gerhard Berger)

"Da habe ich mir gedacht: So nicht mit mir. Das war gut so und motivierte mich, am Leben zu bleiben." (Lauda über die Momente nach der Letzten Ölung wegen des Nürburgring-Unfalls und dem Schweigen des Priesters)

"Was ist gefährlicher? Autorennen fahren. Flugzeuge zu fliegen ist überhaupt nicht gefährlich."

"Familie bedeutet mir viel. Ich lebe mit zwei fremden Nieren. Eine bekam ich von meinem Bruder Florian, die andere spendete Birgit. Und Marlene ist immer noch eine wichtige Bezugsperson. Mit Ausnahme meines unehelichen Sohnes, mit dem ich kaum Kontakt habe, feiern wir zum Beispiel Ostern immer alle zusammen." (Lauda einst im ORF-Gespräch "Lebens-Künstler" mit dem damaligen Wiener Alt-Bürgermeister Helmut Zilk)

"Es ist nicht einfach, perfekt zu sein. Aber einer muss es ja sein", scherzte Lauda in einem Interview (im Bild mit seinen langjährigen Freunden Gerhard Berger und Bernie Ecclestone)

"Bei den heutigen Fahrergehältern würde ich als Amerikaner wahrscheinlich meine Mutter verklagen, dass sie mich zu früh geboren hat."

"Ich glaube, ich weiß im richtigen Moment das Geld auszugeben." (Lauda auf die Frage, ob er wirklich "geizig" sei)

"Ich glaube, ich war ein ziemliches Seicherl", erzählte Lauda einmal über seine Jugend.

Dass er ein wahres Stehaufmanderl ist, hat er aber schon oft bewiesen. "Ich war kurzfristig tot. Jetzt bin ich wiederauferstanden", sagte er nach seiner Lungentransplantation zum "Blick" (im Bild mit seiner Ehefrau Birgit Wetzinger)

Der Respekt beruht auf Gegenseitigkeit, wie Lauda einmal in einem Interview bestätigt: „Er hat es geschafft, als studierter Mensch unglaublich schnell Auto zu fahren. Normalerweise habe ich immer gedacht, dass die Cleveren langsam fahren und nur die Dummen schnell sind. Aber Helmut hat mich eines Besseren belehrt.“  Auch in die Formel 1 geht es im Gleichschritt. Lauda und Marko bestreiten am 15. August 1971 in Zeltweg ihren ersten Grand Prix. Für den sauschnellen Marko sollten aufgrund eines Rennunfalls 1972, bei dem er sein linkes Auge verliert, nur noch acht weitere hinzukommen, bei Lauda stehen am Ende 171 Starts und drei WM-Titel in der Statistik.

Das Beachtliche ist, dass dem Niki der Erfolg nie zu Kopf gestiegen ist. Er ist immer derselbe geblieben, das Einzige, das sich verändert hat, war sein Marktwert. Er ist mit seiner Popularität immer sehr souverän umgegangen. Bewundernswert finde ich seine Höflichkeit und Geduld, auch nach dem hundertsten Autogrammwunsch. Da spürt man eine gewisse Demut und Bescheidenheit.

Bescheiden, aber nicht geizig

Apropos Bescheidenheit: Das mit dem Geiz ist so eine Sache. Der Niki ist überhaupt nicht geizig, zwischen Geiz und Bescheidenheit ist ein gewaltiger Unterschied. Er hat nur seine Probleme mit Verschwendung – auch das eint uns. 

Wenn etwas seinen Preis hat, zahlt er den auch. Es ist noch nicht so lange her, da hat er meinen Rat wegen eines Kunstwerks von Markus Prachensky gesucht (Marko ist ausgewiesener Kunstkenner und -sammler, Anmerkung), das er für seine Frau Birgit, die eine Galerie betreibt, erwerben wollte. Er hat nur gefragt: „Ist es das wirklich wert?“

Überhaupt die Birgit, ein Glücksfall. An ihrer Seite hat er sich für mich am stärksten verändert. Seither gibt es den Familienmensch Lauda. Den kannte ich vorher nicht.

Der Mythos entsteht

Davor war wirklich alles seiner Karriere untergeordnet. Wohl am deutlichsten ist mir das nach seinem Feuerunfall 1976 auf dem Nürburgring geworden. Nachdem er aus dem Spital entlasse wurde, war ich ein paar Mal bei ihm in Salzburg zu Gast. Sein Kopf war halb offen, ein schreckliches Bild, und der Willi Dungl ist ständig in die Natur hinaus gerannt, hat Kräuter gesammelt, zu einer Paste verarbeitet und dann dem Niki auf den Kopf geschmiert. 

Es ging nie darum, ob er auf die Rennstrecke zurückkehrt, sondern nur wann. Beschleunigt wurde das sicher durch das Vorgehen vom alten Ferrari, der mit Carlos Reutemann schon einen Nachfolger präsentiert hatte. Die heroische Wiederkehr hat  seinen Mythos geprägt und seine Popularität vervielfacht. Es ist bis heute der schmerzhafteste PR-Coup, den ich  kenne.

Bis heute ist er ein Kämpfer geblieben, das zeichnet ihn auch in der jetzigen Lebensphase aus. Ich hoffe, dass er  bald auf die Rennstrecken zurückkehrt. In dem Wunsch schwingt durchaus auch  Eigeninteresse mit. Ich muss gestehen, mir gefällt die Rolle nicht, der letzte Saurier aus einer vergangenen Formel-1-Ära im Fahrerlager zu sein.

In diesem Sinne: Alles Gute und vor allem viel Gesundheit.

Anmerkung: Helmut Marko, Jahrgang  1943, begann seine Rennfahrerkarriere nach Abschluss des Jusstudiums. 1971 siegte der Grazer bei den 24 Stunden von Le Mans. Aktuell ist er Motorsportberater von Red Bull.