Sport | Formel-1
22.03.2017

Formel 1: Vier Männer, ein Ziel

Die Sportart steht vor einem Neustart, das Titelrennen ist offen. Die Favoriten im Check.

"Diese Autos trennen Männer von Buben", sagt Lewis Hamilton über die Formel-1-Modelle des Jahrgangs 2017. Die erste Wettfahrt steigt diesen Sonntag im australischen Melbourne. Die Boliden sind breiter, schneller und schwerer zu beherrschen geworden. Der Mensch muss die Maschine zähmen. Und niemand konnte das in der Vergangenheit besser als Hamilton.

Allein: Der Vorsprung seines Silberpfeils dürfte nicht mehr so groß sein wie zuletzt. Geht es nach den Experten, dürfen sich noch drei weitere Fahrer berechtigte Hoffnungen auf den WM-Titel machen: Ferrari-Star Sebastian Vettel sowie das Red-Bull-Duo Max Verstappen und Daniel Ricciardo.

Lewis Hamilton: Der Chefpilot ist wieder auf der Jagd

Dass der amtierende Weltmeister ausgestiegen ist, stört die Formel-1-Gemeinde nicht wirklich. Denn es gibt ja ihn: Lewis Hamilton.

Der 29-jährige Engländer, Weltmeister der Jahre 2008, 2014 und 2015, ist auch ohne WM-Krone der Chefpilot der Königsklasse. Seinen ehemaligen Mercedes-Kollegen Nico Rosberg hat er in die Frühpension getrieben, bereits gegen Ende des letzten Jahres galt Hamilton als der schnellste Mann der Formel 1. "Grundsätzlich ist es aufregender, der Jäger zu sein", sagt er nun.

Doch wen jagt er? Den Mythos von Vorbild Ayrton Senna? Die Bestmarken von Michael Schumacher? Einige davon kann und wird Lewis Hamilton in der neuen Saison überbieten. Bei den meisten Starts aus der ersten Reihe fehlen ihm noch elf auf den deutschen Rekordweltmeister (116). Und auch was die Anzahl an Polepositions angeht, hat er Ikone Schumacher bereits im Blick (68:61).

Zehn Jahre hat der Silberpfeil-Star bereits abgespult, und in jedem stand er zumindest einmal ganz oben auf dem Podest – eine noch nie dagewesene Bilanz in 66 Jahren Formel 1. "Von der Geschwindigkeit her kommt niemand an Hamilton heran", sagt Gerhard Berger.

Selbst in nicht überragenden Autos war Hamilton in der Vergangenheit zu Siegen fähig. Für ihn spricht zudem, dass er nach Rosbergs Rückzug vorerst das Team auf seiner Seite hat. Für seinen neuen Teamkollegen Bottas hat Vater Hamilton einen Rat: "Jeder, der es mit Lewis aufnimmt, muss seine Laufbahn gut geplant haben. Wenn du gegen ihn antrittst, kann es dich deine Karriere kosten."

Sebastian Vettel: Ein Champion "unter Beobachtung"

Sebastian Vettel schwieg. Vier Monate lang. Seit dem Saisonfinale im November hörte man nichts. Den Fokus auf das Wesentliche schärfen, könnte man das nennen – oder unangenehmen Fragen aus dem Weg gehen.

Einerlei. Über die Scuderia, den stolzesten und erfolgreichsten Rennstall, wird ohnehin genügend gesprochen, diskutiert, gelästert.

Vettel und sein Teamkollege Kimi Räikkönen ließen bei den Tests Zeiten sprechen. Bestzeiten. Auch deshalb ist Ferrari als Mitfavorit zum Saisonauftakt gereist.

Nun sind die Fahrer gefordert – allen voran Vettel. Der 29-Jährige steht vor seiner wichtigsten Saison. Sein mit 120 Millionen Euro dotierter Dreijahresvertrag läuft aus, Konzernchef Marchionne betonte, dass beide Fahrer "unter Beobachtung stehen". Vettel & Ferrari – was als feurige Liaison begann, wurde zur Zweckehe, die nur noch eines zu einen scheint: die Sehnsucht nach dem Titel.

Dass der vierfache Weltmeister noch zu den Besten gehört, zeigte er zuletzt selten. Erstmals seit 2008 schaffte er es 2016 nicht in die erste Startreihe. Doch dort gehört er hin. "Es gibt kaum einen Besseren, wenn es darum geht, ein Rennen von der Spitze zu kontrollieren", sagt sein Ex-Teamchef Christian Horner. 38 der 42 Siege gelangen ihm zwischen 2009 und 2013 im Red Bull.

Nun könnte er wieder ein passendes Gefährt für Seriensiege haben. Und dem hat er traditionell auch einen Namen gegeben: Vettel nennt den neuen Boliden "Gina". Der Deutsche gibt seinen Autos vor jeder Saison einen Spitznamen. Sein Vorjahreswagen hieß "Margherita".

Max Verstappen: Das Wunderkind definiert Grenzen

Er ist der zweitjüngste Fahrer im Starterfeld 2017 nach Williams-Debütant Lance Stroll, und dennoch ist Max Verstappen nicht mehr aus der Königsklasse wegzudenken. "Der Typ ist zwar erst 19, aber die anderen können jetzt schon etwas von ihm lernen", sagt Gerhard Berger.

Nicht nur der österreichische Ex-Pilot singt Lobeshymnen auf den Niederländer. "Max lässt uns in die Zukunft der Formel 1 schauen", sagt sein ehemaliger Ausbildner, Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost. Selbst die Gegner zollen Verstappen Respekt. "Max definiert gerade ein wenig die Grenzen neu", sagte Sebastian Vettel. Der Vierfach-Weltmeister geriet mit Verstappen 2016 mehrmals aneinander, nie steckte der Teenager zurück. Diese Härte hat ihm Vater Jos Verstappen früh eingebläut. Der Ex-Rennfahrer plante und begleitete die Karriere des Sohnes. "Alles, was mir Papa bisher geraten hat, stimmte." Der Erfolg gibt beiden recht: Von 60 Kartrennen gewann Max Verstappen 59, im 60. streikte sein Gefährt. Sein allererster Grand Prix im Boliden von Red Bull Racing endete mit einem Triumph. Das war im Mai 2016, Wochen vor seiner Führerscheinprüfung.

Ob er bereit sei für den Weltmeistertitel, wurde Max Verstappen zuletzt gefragt. "Ich war vom ersten Rennen an bereit", antwortete er.

Daniel Ricciardo: Der weltbeste Rennfahrer greift an

Weder Weltmeister Rosberg noch Alpha-Tier Hamilton schafften es bei der Wahl zum weltbesten Rennfahrer aller Motorsportkategorien der britischen Fachzeitschrift Autosport auf Platz eins. Auch nicht die Rallye-Stars Ogier oder Loeb. Gewählt von der namhaften Fachjury wurde Ende 2016 Daniel Ricciardo.

Und das nicht ohne Grund: Der australische Red-Bull-Pilot hat die beste Saison seiner Karriere hinter sich. Als einziger Pilot sah der 27-Jährige in allen 21 Grands Prix die Zielflagge, nur einmal kam der WM-Dritte als Elfter nicht in die Punkteränge. "Er ist einer der besten Fahrer, gegen die ich je gefahren bin", lobt Hamilton.

Ricciardo ist kein auserkorenes Wunderkind wie Vettel oder Verstappen, doch beide hielt er bei Red Bull gekonnt auf Distanz. Seit 2011 hat der vierfache Rennsieger kontinuierlich beschleunigt, von Nachzügler HRT über die Red-Bull-Fahrschule Toro Rosso. "Ich bin mit jedem Jahr erwachsener geworden", sagt er heute. Auf der Strecke vereint Ricciardo Kompromisslosigkeit mit strategischer Fahrweise.

Zum Problem könnte für Red Bull ein teaminternes Duell um die WM mit Verstappen werden. "Wir sind noch nicht wie Lewis und Nico", beruhigt Daniel Ricciardo, "aber ich hoffe, dass wir einmal in diese Position kommen."