Sport | Bundesliga
16.03.2017

Vienna: Der Titel winkt, der Abstieg droht

Die Vienna könnte sich den Meistertitel in der Regionalliga holen - und dennoch absteigen.

Tradition schießt doch noch Tore: 5:0 gewann die Vienna nach Bekanntwerden der Insolvenz mit nur zehn Mann das Auswärtsspiel gegen einen Titelfavoriten. 5:0 endete auch das zweite Frühjahrsspiel.

Machen Viennas Fußballer, die seit vier Monaten auf ausständige Gehälter warten, so weiter, dann werden sie Meister. Und dann werden sie – sofern nicht irgendwo 700.000 Euro aufzutreiben sind – trotzdem absteigen.

Echte Liebe kennt keine Liga

Diese Groteske wäre typisch für die Schieflage im österreichischen Fußball, weil gar nicht einzigartig. Im Jahr 2002 war Wacker Innsbruck, nachdem die Tiroler unter dem heutigen deutschen Weltmeister-Teamchef Joachim Löw den Titel erobert hatten, wegen finanzieller Ungereimtheiten von der obersten Bundesliga in die Regionalliga zwangsversetzt worden. In die dritte Leistungsstufe, in der sich die Vienna aktuell befindet und schon glücklich wäre, könnte sie dort verbleiben.

„Echte Liebe kennt keine Liga“, heißt es auf einer Tafel hinter dem Tor auf der Hohen Warte. Dort jubelten am Freitagabend 820 Besucher, die sich bei nasskaltem Wetter unter der Tribünendach versammelten, zunächst dem Spielervater und neuen Manager Gerhard Krisch zu. Als der via Mikrofon in der Halbzeitpause (0:0) verkündete, dass der Vertrag mit Care Energy gelöst werden konnte. Tatsächlich eine Erfolgsmeldung, hätte der Kontrakt doch die Vienna bis 2025 dazu verpflichtet, 70 Prozent aller Sponsorengelder an den Energieanbieter zu überwiesen.

Nach Wiederanpfiff der Ostliga-Partie demonstrierten die Spieler um Kapitän Markus Katzer, dass sie, obwohl „Zwangsamateure“, das tägliche Training entgegen aller Vermutungen nach wie vor ernst nehmen. Andernfalls hätten sie Gegner Parndorf (der selbst zurück in die zweite Bundesliga will) nicht dermaßen an die Wand spielen können.

100 Gläubiger

Am 26. März wird Katzer (der wie Viennas Tormanntrainer Jürgen Macho dem EM-Kader 2008 angehörte) in einem Wohltätigkeitsmatch auf seinen Ex-Klub Rapid treffen. Am 27. März ist die erste Versammlung für knapp 100 Gläubiger (darunter 22 Profispieler) angesetzt. Eine Karte für das Rapid-Match, in dem die grün-weißen Gäste der hilfsbedürftigen Vienna zuliebe zum Nulltarif antreten, wird 18,94 Euro kosten. Ein Preis mit Symbolwert: Im August 1894 war der First Vienna Football Club gegründet worden.

Die Vienna ist Österreichs ältester Klub. Sie spielt auf einem der teuersten Grundstücke im Lande. Auf einem Riesenareal im Nobelbezirk Döbling, das für Baulöwen immer wieder Objekt der Begierde und für Sporthistoriker eine Fundgrube ist. Schon 1912 war die Vienna finanziell am Ende, worauf das komplette Inventar von den Sitzbänken angefangen bei einer Versteigerung angeboten wurde.

In der Zwischenkriegszeit galt die Hohe Warte bis zum Bau des Prater-Stadions als die größte Sportstätte des Kontinents. 1923 blieben beim Länderspiel ÖsterreichItalien einige Tausend der insgesamt 85.000 Zuschauer bei einem Erdrutsch auf der nordwestlichen Seite der Naturarena wie durch ein Wunder unverletzt.

Nach dem Krieg durften zunächst nur US-Soldaten auf dem Hauptfeld (Baseball) spielen. 1953 konnte die Vienna, nachdem ihre Funktionäre selbst unentgeltlich Hand angelegt hatten, die Hohe Warte mit einem Fassungsvermögen von 32.000 (heute sind 7200 erlaubt) wiedereröffnen. Und zwei Jahre später dank Ausnahmekönnern wie WM-Tormann Kurt Schmied, Karl Koller, Tscharry Grohs und Torjäger Hans Buzek den österreichischen Meistertitel feiern.

Nicht nur Transfers als Zündstoff

1973 wurde vor dem Tribünenneubau beim Abriss des alten Kabinentraktes eine intakte Fliegerbombe entdeckt. Unzählige Stars und Nachwuchsspieler (darunter der Schreiber dieser Zeilen) hatten sich jahrelang in der Baracke nichtsahnend über dem Kriegsgerät umgezogen.

Zündstoff sportlicher Art war in Döbling auch dann noch garantiert, als die Vienna nur noch Mittelständler war. So wechselte Hans Krankl vom FC Barcelona (aus heutiger Sicht undenkbar) zur Vienna. So ließ sich Argentiniens WM-Schützenkönig Mario Kempes zu einem längeren Gastspiel in Döbling überreden. So machten Peter Stöger, Peter Artner, Andreas Heraf und Andreas Herzog bei der Vienna Zwischenstation.

Der heutige Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer indes durfte, obwohl als pfeilschnelles Offensivtalent von Rapid gekommen, nur die Ersatzbank drücken. Trotz der seinerzeitigen Enttäuschung aber wäre dem Juristen nichts lieber, als könnte er die Vienna (und auch den Wiener Sportklub) in absehbarer Zeit zumindest in der zweiten Bundesliga begrüßen. Die Hoffnung lebt, dass die Tiefstrahler von Viennas Flutlichtanlage nicht endgültig erlöschen. Die ist übrigens auch die älteste in Österreich.