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Sport
06/17/2019

BSO-Chef Hundstorfer: "Der Sport ist wie eine heiße Kartoffel"

Rudolf Hundstorfer, der höchste Sport-Funktionär, über die Politik, das Stadion und Kinder-Bewegung.

von Alexander Strecha

Nachdem sich der Sportminister ins Abseits gestellt hatte, der Sport ohnehin kein allzu beliebtes Betätigungs feld der Politik ist, nimmt Rudolf Hundstorfer (Anm.: Hundstorfer verstarb am 20. August nach einem Herzinfarkt) – als Präsident der Bundes-Sportorganisation (BSO) der höchste Sport-Funktionär des Landes – zu verschiedenen Themen Stellung.

Welche Auswirkungen haben die politischen Umwälzungen für den Sport?

Rudolf Hundstorfer: Ad hoc spürt man noch nichts. Die Frage ist doch, wie weit die Expertenregierung einen Gestaltungsspielraum besitzt. Die Bundes-Sport GmbH läuft jedenfalls. Offen sind unsere Wünsche bezüglich des Steuerrechts, oder der zweckgebundenen Glücksspielabgabe.

Welche Punkte sind für die BSO besonders wichtig?

Wir werden wieder einen Forderungskatalog an die wahlkämpfenden Parteien stellen. Im Sport gibt es Punkte, wo gesellschaftspolitisch Einigkeit herrscht. Bei der Kinderbewegung oder Infrastruktur wird keine Partei grundsätzlich Nein sagen.

Viele haben nichts gegen Sport, aber wenige tun was dafür.

Das hängt auch mit der Verfassungslage zusammen. Ohne Länder und Gemeinden funktioniert keine Infrastruktur. Der Bund braucht deren Commitment.

Aktuell ist wieder das Thema Nationalstadion. Ihr Ansprechpartner hat sich zuletzt filmreif verabschiedet. Was tut sich nun?

Das Thema bleibt am Tisch. Ich rede da von einer Multifunktional-Arena, in der auch Fußball gespielt wird. Man wird der Bevölkerung nicht klarmachen können, dass wir ein Stadion für sechs Länderspiele im Jahr brauchen.

Ist der Wiener Prater dafür der ideale Standort?

Aufgrund der Infrastruktur ja. Man braucht eine öffentliche Anbindung. Ich kenne die Überlegungen, ein Stadion in Niederösterreich oder im Burgenland zu bauen. Ich glaube, wir brauchen ein sehr tragfähiges öffentliches Verkehrsmittel, sonst macht das keinen Sinn.

Ist dafür in der Öffentlichkeit ausreichend Bewusstsein vorhanden?

Ich glaube, die Masse sieht das nicht so.

Ist das plötzliche Abhandenkommen des Sportministers negativ für den Sport?

Wir waren ja nicht in einer Schockstarre, weil das tägliche Leben weiter läuft. Ein paar Projekte sind vielleicht liegen geblieben. Seit vielen Jahren wird der Sport wie eine heiße Kartoffel von einem Ministerium zu anderen gereicht.

Rudolf Hundstorfer

Warum ist das so?

Weil die Kompetenzsituation verwirrend ist, der Sport reicht eben in viele Bereiche des Lebens und der Politik hinein wie Infrastruktur, Gesundheit, Soziales. Der Sport ist eine komplexe Materie. Du bekommst als Bund keinen Fußballplatz ohne die zuständige Gemeinde. Der komplette Nachwuchsbereich ist ja regionalisiert.

Untergräbt das nicht den Stellenwert des Sports?

Leider schon. Bei der Landesverteidigung haben wir uns ganz gut aufgehoben gefühlt, die Kombination mit dem Bundesheer hat uns gut gefallen. Weil viele Sportler abgesichert sind in Sportarten, wo du nicht viel Geld verdienen kannst. Unter BM Doskozil wurden die für den Sport so wichtigen Heeressportplätze auf rund 300 aufgestockt, doch BM Kunasek hat Teile davon wieder gestrichen. Das ist ein schwerer Schlag für den Sport, denn ohne einen Heeressportplatz ist es für die meisten Spitzensportler in Österreich nicht möglich ihrem Sport nachzugehen. Deshalb setzen wir uns für die Rücknahme dieser Reduktion ein.

Ein weiteres überaus wichtiges Thema – die Kinder bewegen sich zu wenig.

Und daher wird es weiter ein massives Thema bleiben, auch wenn sich schon einiges gebessert hat. Fakt ist, dass Bewegung der Kinder ohne Elternhaus nicht möglich ist. Die Schule kann ihren Teil beitragen, aber wir können sie nicht überfordern. Die Eltern müssen mitspielen.

Wie wollen Sie Eltern motivieren und überzeugen?

Reden, reden, reden, Angebote machen. Wenn Eltern grundsätzlich bereit sind, können wir sie auch erreichen, weil wir viele Angebote haben. Im ländlichen Bereich ist es auch leichter, zu den Eltern vorzudringen.

Ist die tägliche Turnstunde flächendeckend realisierbar?

Das wird Jahre dauern. Die Vision darf man nicht aufgeben. Einiges läuft sehr gut, doch in Teilbereichen fehlt die Infrastruktur. Wir lassen nicht locker und appellieren an die im Parlament vertretenen Parteien, alles zu unternehmen, um die tägliche Bewegungs- und Sporteinheit so schnell wie möglich flächendeckend umzusetzen. Es geht um die Gesundheit unserer Kinder.

Ein BSO-Anliegen sind die Sportwetten, wo man mehr lukrieren will.

Die Republik nimmt derzeit 30 Millionen aus diesem Bereich ein, und die gehen ins allgemeine Budget. Und wir wollen davon einen Teil mit Zweckwidmung. Wir sind nicht mit konkreten Summen in die Verhandlungen gegangen. Jede Million mehr ist ein Gewinn.

Rudolf Hundstorfer

Fühlt sich der Sport beim Vergleich mit der Kultur zu Recht benachteiligt?

Wenn es um die steuerliche Absetzbarkeit von Spenden geht, dann ja. Kultur bekommt viel Geld, der Sport müsste in Summe mehr als bisher erhalten. Für mich hinkt der Vergleich aber ein wenig. Es handelt sich um unterschiedliche Bereiche.

Ist Österreich mehr Kultur- als Sportnation?

Gefühlt ja, aber es betreiben mehr Menschen Sport.

Skandinavien war bezüglich Einstellung zum Sport immer Vorbild...

Dort ist die Einbeziehung der Jugend in sportliche Aktivitäten selbstverständlich, daher bleibt der Zugang nachhaltig. Man kann das nicht kopieren, sondern die Leute nur animieren. In Österreich haben die Vereine im Westen mehr Mitglieder als im Osten in Relation zur Bevölkerungszahl. In Wien gibt es viele Läufer und Radfahrer, die bei keinem Verein sind, sich aber trotzdem bewegen.