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Interview
04/09/2019

Nicholas Ofczarek: "Ich gehe lieber zum Fußballmatch"

Der Schauspieler und ROMY-Nominee Nicholas Ofczarek geht lieber ins Fußballstadion als zu einem Society-Event oder ins Theater, wie er im KURIER-Interview sagt.

von Marco Weise

Nicholas Ofczarek genießt den Ruf des Berserkers, der auf der Bühne oder vor der Kamera immer alles reinwirft: Körper, Geist und Seele. So auch in der erfolgreichen Sky-Serie „Der Pass“, in der der Wiener als ziemlich kaputter Kommissar Gedeon Winter im Schmuddel-Look durch das österreichisch-bayrische Grenzland. Dafür wurde er auch für eine ROMY nominiert. Aktuell ist Nicholas Ofczarek in vier völlig unterschiedlichen Rollen und Theaterstücken zu sehen. Der Burgtheater-Schauspieler agiert in „Mephisto“, „Schöne Bescherungen“, „Diese Geschichte von Ihnen“ und in „Die Ratten“. Der Privatmensch Ofczarek geht lieber ins Fußballstadion als ins Theater, wie er im KURIER-Interview sagt.

Der ROMY-nominierte Schauspieler im Interview über Rapid Wien, Routine, Martin Kušej, die Fortsetzung der Sky-Serie "Der Pass", die Seitenblicke-Gesellschaft und über die Jugend von heute.

KURIER: Wie sieht es nach 25 Jahren am Burgtheater mit Lampenfieber aus?
Nicholas Ofczarek:
Vor 20 Jahren war ich zwei, drei Stunden vor einer Vorstellung im Theater, habe Übungen gemacht, mich akribisch vorbereitet. Je näher die Vorstellung kam, desto größer wurden die Angstzustände. Davon habe ich mich aber gelöst. Ein jahrelanger Lernprozess, der ganz schön viel Kraft gekostet hat. Klar, es kribbelt zwar immer noch vor einer Vorstellung, aber mittlerweile habe ich viel Vertrauen in mich und meine Performance auf der Bühne. Man lernt mit der Zeit in diesem Beruf, mit seinen Ängsten umzugehen, mit seiner Energie hauszuhalten.

Gibt es Dinge, die man unter tags, vor einer Aufführung nicht machen sollte?
Man sollte sich nicht betrinken, muss aufs Essen aufpassen, aber sonst kann man eigentlich machen, was man möchte. Beim Essen geht es dann weniger um die Darmflora, sondern mehr ums Zwerchfell. Wenn der Darm zu sehr gefüllt ist, wird das Zwerchfell starr. Was man hingegen auf jeden Fall machen sollte: Zur Aufführung den Tag, das Leben mitnehmen.

Wie viel Routine spielt schon mit?
Keine! Routine ist nämlich der Tod eines Schauspielers. Wenn etwas zur Routine wird, leben wir es nicht mehr. Was ich aber brauche, sind gute Voraussetzungen, ein gewisses Umfeld, in dem ich mich wohlfühle, in dem alle in einer gewissen Freiheit arbeiten können. Mir ist es wichtig, dass sich die Menschen auf Augenhöhe begegnen, respektvoll miteinander umgehen. Damit sind aber alle Mitarbeiter des Hauses gemeint: Regisseure, Schauspieler, Maskenbildner, Techniker, Garderobiere. Unsere Aufgabe ist es: Gelebte Lebendigkeit und – im besten Fall – Dinge im Moment entstehen zu lassen. Das ist der Unterschied zum Musical. Dort wird eher das Erprobte, das Erarbeitete auf höchstem Niveau präsentiert.

Und der Unterschied zum Film?
Wenn man einen Film dreht, fokussiert man sich als Schauspieler nur auf die nächste Einstellung. Der Film ist eine Projektion des Jetzt. Es geht dabei weniger ums Senden, was am Theater hingegen wesentlich ist. Dort muss man von der ersten bis zur letzten Reihe alle erreichen, kann nicht auf die Stopptaste drücken, nicht vor- oder zurückspulen. Theater lebt von der Unmittelbarkeit, einer gewissen Spontanität und Fehlern.

Überraschen Sie mit ihrer Spontanität oftmals Kollegen?
Ich hoffe! Ich lasse mich auch selber gerne überraschen. Das macht es ja aus. Dadurch wird das Theater auch erst lebendig. Man verändert dann natürlich nur Kleinigkeiten. Nichts am Text, sondern am energetischen Level, reagiere anders, stehe woanders. Das Leben hält ja auch täglich Überraschungen parat, auf die wir dann reagieren müssen.

Gibt es Rituale, die Ihnen vor einer Vorstellung wichtig sind?
Wenn ich in die Maske gehe, werde ich langsam ruhig. Das ist ein Ritual, das mir wichtig ist. Das fokussiert mich, holt mich aus der Welt, dem Alltag raus. Für „Mephisto“ brauche ich ungefähr eine Stunde in der Maske. Danach habe ich noch zirka eine halbe Stunde bis zur Aufführung, in der ich mich aufwärme und ablenke. Man darf sich bei großen Partien auf keinen Fall vergegenwärtigen, dass man gleich drei Stunden auf der Bühne steht, weil da würde einen die Panik überkommen, man das Haus verlassen.

Ist das schon einmal vorgekommen?
Nein, abgehauen bin ich noch nie. Aber ich bin einmal gar nicht aufgetaucht (lacht).

Sie sind aktuell in vier Stücken zu sehen, ständig mit Proben beschäftigt. Wie viel Zeit bleibt da eigentlich für den Film?
Ich habe bislang neben dem Theater ein bis zwei Filme gedreht. Den Output werde ich aber etwas erhöhen. Dafür werde ich die Anzahl der Theater-Vorstellungen reduzieren. Ich höre nicht auf, aber sehe es als kleine Pause. Nach 25 Jahren am Burgtheater brauch ich ein bisschen Frischluft.  Ich werde mich ein bisschen mehr aufs Drehen, aufs Leben und auf mich konzentrieren. Ich werde vielleicht etwas schreiben. Keine Angst, es wird kein Roman, sondern ein Drehbuch.

Das ist auch bereits mit dem neuen Intendanten Martin Kušej abgesprochen?
Ja, es gab schon ein Gespräch. Solche Vieraugen-Gespräche sind mir auch enorm wichtig. Denn in allen Bereichen des Lebens scheitert es ja immer an der mangelnden Kommunikation. Ich suche dann auch stets aktiv das Gespräch, wenn ich ein Problem mit jemanden oder etwas habe.

Was macht so ein Intendantenwechsel mit Ihnen?
Es ist immer spannend, aber auch schmerzhaft und irritierend. Es dauert einige Zeit, sich neu einzuleben. So ein Wechsel macht ein ganzes Haus immer etwas unrund, was ja auch nachvollziehbar ist. Denn mit einigen, die das Haus nun verlassen, ist man ja befreundet. Man kennt sich und hat jahrelang zusammengespielt. Bei manchen ist es für mich auch nicht erklärlich, nachvollziehbar, warum deren Vertrag nicht verlängert wurde. Aber ich kann es nicht ändern.

Gibt es Solidarität unter Schauspielern?
Grundsätzlich ist man als Schauspieler ein Einzelkämpfer. Aber man ist dabei auch immer nur Teil eines Ensembles. Ich setzte mich gerne für Kollegen ein, wenn es notwendig ist.

Was erwarten Sie sich von Martin Kušej?
Ich kenne den Martin Kušej, habe mit ihm bereits im Münchner Residenztheater und bei den Salzburger Festspielen zusammengearbeitet. Er ist ein hervorragender Theatermann. Er wird in der ersten Phase neue Regisseure vorstellen und einiges verändern. Ich hoffe, dass dadurch wieder mehr junge Leute ins Burgtheater gehen. Ich erwarte mir ein lebendiges Theater, in dem extrem professional gearbeitet und höflich miteinander umgegangen wird.

Haben Sie jemals über einen Theaterwechsel nachgedacht?
Klar gab es in der Vergangenheit immer wieder Phasen, in denen ich über einen Wechsel nach Berlin oder Hamburg nachgedacht habe. Aber am Ende wurde mir klar, dass ich nicht weggehen möchte. Erstens habe im Burgtheater alles, was man sich als Schauspieler wünscht. Es ist ein renommiertes Haus, in dem man die besten Voraussetzungen für erstklassiges Theater findet. Zweitens haben mich familiäre Gründe abgehalten: Ich bin ein Kind von Opernsängern und musste dauernd umziehen. Dieses Gefühl, immer wieder aus der vertrauten Umgebung herausgerissen zu werden, wollte ich meiner Tochter ersparen.

Sie Sind ja für Ihre Rolle in „Der Pass“ für eine ROMY nominiert. Die Sky-Serie wird fortgesetzt. Sind Sie wieder dabei?
Ja, ich bin dabei. Aber in welcher Form und wie lange, weiß ich noch nicht. Das Drehbuch wird ja gerade erst geschrieben. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Was ich aber sagen kann ist, dass ich kürzlich für und mit Moritz Bleibtreu vor der Kamera gestanden bin. Er dreht gerade seinen ersten eigenen Kinofilm mit dem Titel „Cortex“. Moritz hat für den Thriller das Drehbuch geschrieben, fungiert als Regisseur, Produzent und spielt selber mit. Ich habe eine kleine Rolle, die wirklich gut ist. Es hat große Freude gemacht.

Welche Rolle übernehmen Sie?
Ich spiele einen Oneironauten.

Was ist das?
Das habe ich mich am Anfang auch gefragt (lacht). Man kann dazu auch Klarträumer sagen. Das sind Menschen, die Träume steuern können.

Können Sie das?
Hin und wieder schaffe ich es, aber nur kurz und wache auf. Aber es gibt da Seminare, die man besuchen kann. Man kann das lernen.

Welches Zeugnis stellen Sie als Vater einer 20-jährigen Tochter der Jugend von heute aus?
Die heutigen Jugendlichen sind weiter, als ich es jemals war. Ich stelle – zumindest im Umfeld meiner Tochter – fest, dass die jungen Leute sozialer werden. Es wird anders diskutiert, anders miteinander umgegangen. Die jungen Leute wissen es zu schätzen, dass sie in friedlichen Zeiten aufwachsen. Wir haben zwar vieles an die Wand gekarrt, haben Ihnen jahrelang den Turbokapitalismus vorgelebt, aber sie machen hoffentlich nicht dieselben Fehler wie wir. Meine Tochter hat ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein, ist extrem selbständig und hat ein ausgeprägtes autonomes Denken. Ich merke auch eine gewisse Tendenz zu einer Smartphone-Verweigerungshaltung.

Hängen Sie vielleicht sogar schon mehr am Smartphone als ihre Tochter?
Möglicherweise (grinst). Aber ich weigere mich, auf Twitter, Instagram und Facebook zu sein. Ich habe dazu überhaupt keinen Bezug. Es interessiert mich nicht, ich möchte privat sein. Ich lese, surfe und kommuniziere. Mehr nicht.

Sie meiden die Seitenblicke-Gesellschaft. Keine Lust darauf?
Es gibt mir nichts. Es gibt Menschen, denen das Kraft gibt und Spaß macht. Mir persönlich gibt das nichts. Daher halte mich von solchen Veranstaltungen prinzipiell fern. Ich gehe lieber zum Fußballmatch ins Stadion, mit meiner Frau ins Kino oder etwas Essen. Ich brauche nicht die private Öffentlichkeit.

Sie sind bekennender Rapid-Fan, wie sehr schmerzt die aktuelle Situation in der Abstiegsgruppe?
Man ist fassungslos und wütend. Ich habe leider auch keine Erklärung dafür, woran es liegt oder gelegen ist.

Wie oft sind Sie im Stadion?
Ich schaue mir nicht jedes Heimspiel im Stadion an, aber ich bin so oft es geht, dort, weil es mir sehr viel gibt. Ich werde dann wieder zum 17-Jährigen, der lautstark mitsingt, voller Begeisterung dabei und bei Niederlagen natürlich am Boden zerstört ist.

Stehen Sie da im Block West?
Nicht mehr. Als Jugendlicher bin sozusagen auf der alten Westtribüne aufgewachsen. Jetzt stehe ich woanders und schaue mit voller Begeisterung auf die aktuelle Westtribüne. Das hat etwas, eine enorme Kraft, ist durchchoreografiert, wie eine Theater-Inszenierung.

Können Sie Fans verstehen, die bei schlechten sportlichen Leistungen auszucken?
Es gibt Menschen, die leben Rapid und investieren sehr viel dafür. Und wenn man dann von der Mannschaft stets mit schlechten Leistungen und Niederlagen „belohnt“ wird, kann ich den Frust schon verstehen.

Im Gegensatz zu anderen Künstlern sind Sie zurückhaltend, was politische Äußerungen betrifft.
Ich schaue mir alles lieber aus der Distanz an. Man muss und kann auch nicht zu allem eine Meinung haben. Aber was mir auffällt ist: Die Welt ist in eine Schieflage geraten. Extreme Ideologien sind am Vormarsch.

Sehen Sie hierzulande Versäumnisse?
Dass es in einem Land wie Österreich über eine Million armutsgefährdete Menschen gibt, kann ja wohl nicht wahr sein. Dann sind wir anscheinend gegen jede Bildungsreform immun und betreiben stattdessen noch immer das preußische System des Unterrichtens. Damit wird dann auch eine gewisse gesellschaftliche Ordnung erhalten.

Und im Bereich der Kultur?
Ich habe die Befürchtung, dass sich die aktuellen Politiker nicht bewusst sind, welchen Stellenwert Kunst und Kultur für eine Gesellschaft, für einen Staat haben. Das kann man gar nicht in Worte fassen, wie wichtig das ist. Wir kommen auf die Welt und fangen an zu spielen, zeichnen, modellieren, singen und musizieren. Kunst und Kultur sind kein in Geld messbarer Wert. Das sollte man als Politiker wissen, wenn man ein Kulturbudget beschließt, Subventionen vergibt.

Wären Sie ein guter Politiker?
Ich könnte das nicht. Das ist ein schwerer Beruf. Bis man einmal so weit ist, gestalten zu können, muss man über viele Leichen gehen und immer der von oben vorgegebenen Parteilinie folgen. Das ist doch der totale Schwachsinn. Warum sollte ich als Politiker nicht auch Vorschläge von anderen Parteien gut finden dürfen? Nein, man muss sofort dagegen sein, immer Kompromisse eingehen, sich selbst verdrehen.

Politiker erhalten im Gegenzug viel Macht und Schmerzensgeld.
Macht? In Österreich? Das ich nicht lache. Welche Macht hat man schon als österreichischer Politiker? Es geht doch bloß um Aufmerksamkeit.