„Mein Gesicht und mein Körper sind eine Erzählung, die schonungslos Auskunft gibt über 68 Jahre.“ - André Heller erhält die Platin-ROMY

© Büro Andre Heller/Jeanne Szilit

André Heller im Interview
04/19/2015

"Ich erschaffe mich jeden Tag neu"

André Heller bekommt die Platin-ROMY für sein bisheriges Lebenswerk.

von Guido Tartarotti

André Heller kam am 22. März 1947 als Sohn eines jüdischen Süßwarenfabrikanten zur Welt. Unbefriedigt von dem, was diese Welt für ihn vorgesehen hatte, machte Heller mit Ausdauer, Zähigkeit und Wagemut aus sich selbst das vielleicht spektakulärste Gesamtkunstwerk Österreichs.

Heller war und ist: Entertainer, Radiomoderator, Schriftsteller, Schauspieler, Filmemacher, Regisseur, Komponist, Sänger, Gartenkünstler, Aktionskünstler, Zirkusdirektor, Feuerwerker, In-die-Luft-Jager, Ent- und Begeisterer. In seinem Pass stand "Poet", er handelt mit einer Ware, an der in Österreich oft Mangel herrscht – der Fantasie. Und er ist, wie er selbst einmal sagte, der beste André-Heller-Darsteller der Welt.

Bei der KURIER-ROMY-Gala am 25. April (21.10 Uhr live in ORF 2) wird sein übervolles, bei Weitem noch nicht abgeschlossenes Lebenswerk mit einer Platin-ROMY ausgezeichnet.

KURIER: Sie werden mit der Platin-ROMY ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen dieser Preis, was bedeuten Ihnen Auszeichnungen im Allgemeinen?

André Heller: Auszeichnungen des Staates wie Orden, Ehrenzeichen oder Titel nehme ich nie an. Ich finde, der Staat und sein Personal haben uns nicht zu loben, sondern uns effizient zu dienen. Kommen Auszeichnungen allerdings von privaten Institutionen oder dem Publikum, haben sie mitunter einen höheren Wert. Ich empfinde diese Platin-ROMY als schöne Freundlichkeit, die mir einige liebevolle Menschen erweisen. In einer Welt, die auf immer mehr Gebieten einem unsäglichen Hang zur Grobheit frönt, ist dies durchaus ein Grund, sich zu freuen und dankbar zu sein.

Blicken Sie manchmal auf Ihre Arbeiten zurück – oder interessiert Sie nur der Blick nach vorne?

Ich blicke immer auf meine Arbeit zurück, wenn ich mich im Spiegel betrachte. Mein Gesicht und mein Körper sind eine Erzählung, die schonungslos Auskunft gibt über die 68 Jahre, den oft brachialen Nervenverschleiß, die Selbstzumutungen, die gelegentliche Hybris, die Verstörungen, aber auch die Zuwendung, das viele Hilfreiche und Freundschaften, nicht zu vergessen die Tage des Lachens, der Geborgenheit und des psychischen Aderlasses, den das heilsame Weinen bietet. Ich erschaffe mich ja jeden Tag neu, und das jeweils kostbarste Arbeitsinstrument ist das Jetzt und der mahnende Hinweis des Todes, dass wir mit unserer Zeit sorgfältig umgehen müssen, weil sie endlich ist.

Der Preis wird für das Lebenswerk vergeben, das ja noch keineswegs abgeschlossen ist. Wie schätzen Sie dieses Lebenswerk ein?

Sie kennen mich gut genug, um zu wissen, dass ich die vielfältigen, sogenannten künstlerischen Ergebnisse nur für eine Art von funkelnden Hobelspänen beim Erarbeiten meiner Hauptaufgabe halte. Dieses Vorzugsprojekt ist, aus mir einen einigermaßen gelungenen Menschen mit einem Bewusstsein zu entwickeln, das verhindert, dass man seine Lernprozesse fahrlässig schwänzt und nicht die volle Verantwortung für seinen Leib sowie die Gedanken und Taten übernimmt.

Wie weit sind Sie in dieser Entwicklung?

Bedeutend weiter als vor 50 und auch als vor fünf Jahren, alles andere wäre ja eine Katastrophe. Aber die Platin-ROMY würde ich mir dafür mit Sicherheit noch nicht geben. Höchstens eine kleine silberne, für meine Beharrlichkeit.

Geballtes Lebenswerk: Die ROMY-Platin-Preisträger

Romy 1993

Romy 1995

Archivbild 1994 Erscheinungsdatum: 15.05.1997 …

Platin-Romy für das Lebenswerk an Mario Adorf. Ju…

Platinromy für das Lebenswerk, O.W.Fischer küsst L…

30 Jahre "Wetten, dass..?"

Romy

Kopie von …

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Romy Gala 2012 - Die Verleihung

Romy 2011

Hans und Lotte Hass mit ihrer Tocher Meta im Inter…

Romy 2013 - Verleihung

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich finde schon seit Langem Garten- und Landschaftsprojekte das Lehrreichste und auch das Beglückendste. Schönheit, fantasievollster Formenreichtum, Sinnlichkeit, Geborgenheit, Duft- und Farbräusche, Kühle, Heilung und Inspiration zeichnet die Macht der Gärten aus, und ihr Älterwerden vermehrt immer ihre Anmut, Qualität und Aura. Aus diesem und tausend anderen Gründen sind sie als Energiegebilde den allermeisten Menschen imponierend überlegen.

Gibt es konkrete Pläne für neue Projekte?

Ich bin immer mit vielem gleichzeitig beschäftigt. Der neue Roman ist beendet. Ich habe nach 30 Jahren Pause 14 späte Lieder geerntet. Eine Garteninsel in der Lagune von Sharjah in den Emiraten wird wohl im Herbst eröffnet werden, und mein großes Park- und Wunderkammernprojekt in Marrakesch, wo ich mittlerweile auch die meiste Zeit verbringe, erlebe ich als Glückslotterie, in der ich jeden Tag mit einem Haupttreffer belohnt werde. Wenn man mit der Natur achtungsvoll umgeht, ist sie der denkbar beste und großzügigste Verbündete. Aber man darf sich nicht auf ihre Kosten wichtigmachen, sondern muss stets geduldig ihr Einverständnis suchen, dann entwickelt sie eine spielerische Lust, einen fortwährend mit neuen Verblüffungen herauszufordern.

Drehen Sie in Zukunft auch neue Filme?

Ich habe bei ORF III herrliche Gleichgesinnte gefunden und drehe für diesen Sender, nach bisher bereits 14 Folgen Menschenkinder, noch weitere zehn. Der Erfolg dieser bis zu 90 Minuten dauernden Monologe von Ausnahmefrauen und Männern, die darin offen ihre Wege und Irrwege, Triumphe und Nöte erzählen, halte ich für ein nobles Geschenk.

Steht in Ihrem Pass wirklich "Poet"? Stimmen Sie H.C. Artmann zu, der Poetsein als Lebenshaltung beschrieb, nicht notwendiger Weise als Tätigkeit?

Es gibt ja schon Jahrzehnte im Pass keine Berufsbezeichnung mehr. Als stürmischer Jugendlicher ließ ich mir dieses oft missverstandene Wort tatsächlich eintragen, weil es mein innigster Wunsch war, im Sinne H.C. Artmanns, aber auch von Meistern des Absurden und des Traums wie Raymond Roussel, eine poetische Existenz zu führen. Das, lieber Tartarotti, ist nichts Harmloses, das mit Poesiealbum zu tun hat, sondern durchaus auch ein Flanieren in Brennnesselwäldern und das bittere Absolvieren von Expeditionen zu den Angstgöttern.

Ein Wort, das oft mit Ihnen assoziiert wird, ist: Fantasie. Denken Sie, Österreich ist heute "fantastischer" als vor 40, 50 Jahren? Und wenn ja: Haben Sie dazu beigetragen?

Fantasie ist auch so ein missbrauchtes Wort, das für jede Unsinnsmode einer amüsier- und ablenkungssüchtigen, zittrigen und häufig vor Luxusnöten schlotternden, westlichen, kapitalistischen Gesellschaft herhalten muss. Ich nütze Fantasie als einen der Zöpfe, mit denen man sich selbst aus den Sümpfen und Fallen unserer polaren Welt herausziehen kann. Sie beflügelt das wichtige Vorausdenken und kreative, querdenkerische Lösungen zentraler Probleme. Sie ist der kostbarste Rohstoff in uns, der absolut nichts kostet, außer Hingabe und Konzentration. Sie gibt den Zuneigungen den Glanz und selbst, man lese Jean Genet, der Grausamkeit und den bizarren Schrecken ein Diadem. Man muss sich allerdings davor hüten, die Fantasie zu lange auf der dunklen Seite zu verankern, sie kann einen durchaus virtuos vernichten und um den Verstand bringen.

INFO: ORF2 zeigt die ROMY Gala am Samstag live ab 21.10. Die Höhepunkte der Akademiepreis-Verleihung bringt ORF III am Freitag um 22.45.