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Polen
12/20/2015

Warschau: melancholisch - und trotzdem schön

Wer diese Stadt erkunden möchte, muss sich auf ihre tiefgründige Geschichte einlassen.

von Michael Hufnagl

Ich mag Städte und rede gerne über meine Lieblingsdestinationen: Barcelona, Amsterdam und Hamburg. Sydney, Istanbul und Stockholm. New York, Siena und Prag. Umso größer war die Irritation der Freunde, als ich die nächste Destination verriet: Warschau. Eine Stadt, die auf der Attraktivitätsskala für Kurzurlauber irgendwo zwischen Tirana und Bukarest angesiedelt scheint. Warschau für einen Businesstrip? Ja, klar. Warschau für einen Familienausflug? Danke, nein. Warum doch? Ganz einfach: um Geschichte zu tanken.

Ein Ort der Narben

Möglicherweise war ich emotional noch nie so von einer Stadt eingenommen. Warschau ist wie eine Frau, deren Schönheit man oft erahnen, aber kaum je wirklich sehen kann. Weil ihr Gesicht so voller Wunden und ihre Seele so voller Narben ist, dass es schwer fällt, ihr Lächeln zu entdecken und ihre Kraft zu bewundern.

Die Stadt – sie hat heute 1,7 Millionen Einwohner – wurde einst innerhalb weniger Jahre insgesamt vier Mal zerstört. Am Ende, im Jahr 1944, war sie von der deutschen Wehrmacht beinahe dem Erdboden gleichgemacht worden. 83 Prozent des gesamten Stadtgebiets lagen in Schutt und Asche, ein beispielloser Völkermord vor den Augen der Alliierten sollte den Schwermut vieler Generationen zur Folge haben. Diese Verletzung, dieser Schmerz, dieser hoffnungslose Kampf gegen sowjetische und deutsche Barbaren ist hier permanent spürbar. Obwohl die Stimmen der Jungen, die düstere Vergangenheit endlich ruhen zu lassen, laut sind, kann der Mantel der Erinnerung nicht ganz abgelegt werden. Die omnipräsente Dokumentation des unerbittlichen Widerstands gegen den Regimeterror, die dramatische Offenbarung des jüdischen Leids und der bedingungslose Wille zur transparenten Innenschau sind in Warschau ein Reisebegleiter, der wenig Raum lässt für Leichtigkeit – für das große Hallo.

Natürlich gab es bedeutende polnische Persönlichkeiten wie Nikolaus Kopernikus, Frédéric Chopin, Papst Johannes Paul II . oder Marie Curie, die einem hier als Universität, Museum, Plakat, Straßenname oder Denkmal begegnen.

Natürlich hat auch Warschau eine Vielzahl an Orten, die von Charme geprägt sind. Entlang der Weichsel ist viel Platz dafür. Im hochmodernen Wolkenkratzerviertel offenbart sich Warschau als Stadt schriller Widersprüche – angesiedelt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Oder in den Straßen und Gassen südlich des mächtigen 231 Meter hohen Kultur- und Wissenschaftspalastes (Pałac Kultury i Nauki), zu dessen Bedeutung als sozialistisch-klassizistische Sehenswürdigkeit die Warschauer ein sehr ambivalentes Verhältnis haben. Die Bummelmeile Ulica Nowy Świat mit den adretten Seitengassen und Lokalen hin zur Altstadt Stare Miasto und zur Neustadt Nowe Miasto ist zum Wohlfühlen.
Nichts erinnert an die sozialistischen Betonburgen, wie sie jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs typisch sind. Hier offenbart sich jener Teil der Stadt, der nach dem Zweiten Weltkrieg detailgetreu so erschaffen wurde, wie er davor ausgesehen hat. Ein beinahe putziges Ebenbild der Vorkriegszeit, als hätte es Hitlers Vernichtungsfeldzug nie gegeben. So einzigartig wie bedrückend, weil die Gewissheit, dass auch hier alles bis zum letzten Ziegelstein weggebombt wurde, als fast malerisches Zeugnis Warschauer Melancholie sichtbar wird.

Ort der Mahnmale

Und so sehr die vielen Parks, Kirchen und Restaurants dem Städtetouristen als sehenswerte Begegnungszone erscheinen mögen, so wenig ist ein Spaziergang möglich, ohne daran erinnert zu werden, dass zum einen im Warschauer Aufstand (Powstanie Warszawskie) das polnische Volk so lange Widerstand leistete, bis es zum historischen Gemetzel kam. Und dass zum anderen der Rassenwahn im NS-Reich nirgendwo so grauenhaft in die Tat umgesetzt wurde wie bei der nahezu vollständigen Auslöschung der Warschauer Juden.

Die Stadt ist voller Mahnmale. An jeder Ecke, jeder Hausmauer, jeder Gedenkstätte sticht das P mit dem Anker ins Auge – als Symbol für das Selbstverständnis der Gegenwehr unter unmenschlichen Bedingungen. Ebenso wie die erhaltenen Teile jener Ziegelmauern, die einst das Warschauer Getto begrenzten. Jenes Stadtteils, der für den Irrsinn der Endlösung in der Judenfrage steht wie kein anderer in Europa. Und in dem in der Ulica Próżna noch eines der heruntergekommenen Getto-Häuser mit mystischem Hinterhof zu besichtigen ist.

So groß wie der neunte Wiener Bezirk war das Getto. Rund 45.000 Menschen leben heute in Wien Alsergrund. Bis zu 450.000 Menschen mussten damals auf dem selben Wohnraum vegetieren. Von den sechs Millionen getöteten Juden waren drei Millionen Polen. Das alles und viel mehr zur Geschichte einer Stadt und eines Landes ist in zwei grandiosen Museen zu sehen. Orte der Dokumentation, der interaktiven Begegnung mit Totalitarismus und Tötungswahn. Das jüdische Museum (Muzeum Historii Żydów Polskich POLIN), 2014 fertiggestellt, ist das größte seiner Art in Europa. Das Museum des Widerstands (Muzeum Powstania Warszawskiego) möglicherweise das spektakulärste. Nicht nur wegen der Exponate, Bilder und Dokumente, sondern auch wegen der präzisen Aufarbeitung der Geschichte und des völligen Verzichts auf Zorn und Gehässigkeit. Keine Spekulationen. Nur Fakten. Wer den Willen hat, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen, sich von Filmen, Fotos und Literatur auf dem steinigen Weg der Vergangenheitsbewältigung begleiten zu lassen, muss die Reise in die polnische Hauptstadt beinahe als Pflicht sehen.

Dieser Text ist die Kurzversion einer Reportage, erschienen beim journalistischen Projekt www.michael-hufnagl.com

Info

AnreiseMit dem Flugzeug: Ab Wien täglich mehrere Direktflüge zum Flughafen Warschau Chopin, Flugzeit: ca. 1,20 h. Tagesaktuelle Preise aufwww.austrian.com
– Mit dem Zug: Ohne Umsteigen ab Wien Hbf zum Gdynia Glowna Bahnhof in Warschau mit EC oder Railjet, Fahrzeit: ca. 10 h.www.oebb.at

Währung Obwohl Polen EU-Mitglied ist, zahlt man mit dem Polnischen Zloty . 1 € = 4,2673 PLN (Stand 15.12.)

Hotels Bristol, ein opulentes und sehr traditionsreiches Luxushotel beim Palast des Präsidenten. www.hotelbristolwarsaw.pl
– Le Regina, edle Unterkunft in Nowe Miasto – nicht allzu groß, aber mit schönem Design. www.mamaison.com/warsaw-leregina-hotel.html
–H15 Boutique-Hotel: Das etwas „andere“ Hotel in toller Lage, mit besonders schönen Zimmern. www.h15boutiqueapartments.com

Highlights Ein Bummel durch die Altstadt Stare Miasto zur Neustadt Nowe Miasto, Park Saski, Palast der Kultur im Centrum, Śródmieście Północne – auf den Spuren des Warschauer Gettos.

Auskunft www.polen.travel

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