Waldbaden, wie hier etwa in Bad Hofgastein, soll Menschen wieder stärker mit den Wäldern und ihren natürlichen Prozessen in Verbindung bringen

© Manuel Marktl

Reise
06/24/2019

Die neue Sehnsucht nach dem Wald

Die Welt ist dieser Tage unüberschaubar. Der Wald ist das Gegenmodell zum lauten Konsumgeschrei da draußen. Wald tut gut.

von Barbara Mader

Nennen Sie es, wie Sie wollen. Sagen Sie, Sie wollen „zurück zur Natur“. Ihr inneres Kind wieder entdecken. Zu sich finden. Bäume umarmen.

Sie können auch einfach sagen: Ich will in den Wald. Ich habe Sehnsucht danach. Wonach genau? Nach dem frischen Geruch von feucht-kühler Erde. Nach Stille und nach Vogelgezwitscher. Dem Duft von frisch geschnittenem Holz. Dem Gefühl, mit nackten Füßen über weiches Moos zu laufen (nichts ist so weich wie ein moosiger Waldboden). Ich habe Sehnsucht danach, in einen Waldbach zu hüpfen. Ich will winzige Heidelbeeren essen. Den Kopf nach hinten beugen und zwischen Blättern den Himmel suchen. Durch die Sonnenstrahlen zwischen den Zweigen blinzeln. Hinter bemoosten Felsen Zwerge suchen. Mich erschrecken, wenn Tiere durchs Unterholz rascheln. Einen Feuersalamander bestaunen. Schweigen. Leise vor mich hinsummen. Mich nur auf den Weg konzentrieren. Kindern, denen fad ist, von meiner Kindheit erzählen. Mich erinnern, wie es war, als ich meine Mutter bat: Mama, erzähl’ mir, wie du ein Kind warst. Ich will mich auf den Boden werfen und den zart-betörenden Duft von Zyklamen inhalieren. Vom Weg abweichen und auf von geheimen Waldwesen angelegten Pfaden gehen. Kniehohe Farne über meine Beine streifen spüren. Mich über die kribbelnde Aufregung angesichts der potenziellen Gefährlichkeit eines Fliegenpilzes freuen. Tannenzapfen in den Rucksack stecken. An meinen harzigen Fingern riechen. Einen Ameisenhaufen anstarren. Auf einem Baumstamm sitzen und nichts tun als seine Rinde streicheln. Die Luft anhalten, damit kein Hauch den Falter, der sich auf meinem Knie niedergelassen hat, stört. Aus der Ferne das Rauschen des Wasserfalls hören. Mich im Anblick der feinen Struktur von Flechtenmoos verlieren. Von Weitem eine Lichtung durch das Dickicht blitzen sehen und mich auf das freuen, was danach kommt.

Der Wald ist niemandem egal. Manchen ist er Zuhause. Der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau schrieb 1854 mit seinem Buch „Walden“ über sein Leben in einer Blockhütte in den Wäldern von Massachusetts den Klassiker der literarischen Waldsehnsucht. Vor ihm schwärmten Dichter von Goethe bis Stifter vom grünen Dickicht.

Manche fürchten sich vor ihm. Ein dichter Nadelwald kann sehr unwirtlich wirken, und die Angst vor Wölfen und Bären ist uns, so unberechtigt sie auch sein mag, seit Märchentagen vertraut.

Die meisten kommen in ihm zur Ruhe. Hier ist es so, wie Reinhard Mey vor 45 Jahren über das Fliegen behauptete: Hier muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Denn der Wald scheint unerschütterlich gegen die Zivilisationskrankheit Stress. Und er ist ein Ort des Widerstandes. Er erzählt von Räuberbräuten und von Robin Hood, von der Rettung des Auwaldes und dem Kampf gegen das Waldsterben. Außerdem ist er eine Parallelwelt: Hier, im kühlen Schatten, ist alles anders als drüben in den heißen, schmutzigen Straßenschluchten.

Wälder sind Quelle der Inspiration und Orte, an denen wir uns selbst und unsere Natur neu entdecken. Sie sind Ort der Verwandlung.

Der Wald macht demütig. Selbst, wem Religion und alles, was dazugehört, egal ist, der kann sich dem Zauber des Waldes nur schwer entziehen. Irgendetwas Höheres muss es geben – das weiß jeder, der schon einmal am frühen Morgen allein in der Stille hinauf zu den Wipfeln geblickt hat. Für viele ist der Wald Hoffnung und Zuversicht. In eine Waldkapelle haben schon viele ihre Wünsche, Ängste und Gebete getragen. Oder aus Dankbarkeit überhaupt eine neue Kapelle oder ein neues Marterl am Wegrand errichtet. Der Bregenzerwald etwa, einer der schönsten, weil artenreichsten Wälder Österreichs, ist voll von diesen kleinen Häusern der Hoffnung und der Dankbarkeit.

Die Faszination Wald hat in den vergangenen Jahren enorm zugenommen: Literatur zur Baumbestimmung boomt – das Sachbuch „Das geheime Leben der Bäume“ des Försters Peter Wohlleben beherrschte 2015 die Bestsellerlisten. Berufe wie Wanderführer, Waldpädagoge oder Nationalpark-Ranger liegen im Trend. Statt auf ein Feierabend-Bier geht man zum After-Work-Orchideensuchen oder Fledermäuse beobachten. Mittzwanziger melden sich für Kräuterwanderungen an und jeder Naturpark, der auf sich hält, hat neben Tier- und Pflanzenbeobachtung auch Wald- und Wiesen-Abenteuer samt Lagerfeuerromantik im Angebot. Wo früher Kräutersammeln und Schwammerlsuche höchstens Oma und Opa interessierten und die Kinder beim Wort „Ausflug“ das große Gähnen überkam, sieht man heute immer mehr junge Menschen in der Natur. Und zwar nicht nur bei Instagram-tauglichen Bergtouren, sondern auch auf ganz schlichten Waldspaziergängen.

Woher kommt die neue Sehnsucht nach dem Wald? Vielleicht hat sie mit dem Zustand unserer Welt zu tun. Und einer Rückbesinnung auf das, was zählt. In den späten 1970er-Jahren war die Angst vor dem sauren Regen und seinen Konsequenzen für die Wälder groß. Heute demonstrieren weltweit Schüler für Klimaschutz. Natürlich prägt die Sorge um die natürlichen Ressourcen auch unser Freizeitverhalten. Eine intakte Landschaft wird zusehends zum Reisemotiv. Die Auszeit vom Alltag soll einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck haben.

Die Welt wirkt dieser Tage unüberschaubar. Schwierige politische Verhältnisse und Digitalisierung überfordern uns – wir sind reif für den Rückzug. Wollen zurück zu den Wurzeln. Perfekt dafür ist der Wald. Und dann ist da das neue Heimatgefühl. Für die meisten Österreicher ist Wald ein Stück Zuhause. Fernab der Konsumwelt entwirft er ein Gegenmodell. Der Wald ist Beständigkeit und Kindheitserinnerung. Den Baum, unter dem wir heute sitzen, kannten vielleicht schon unsere Großeltern.