Zwischen Reisfeldern, über Gebirgsketten quer durchs vietnamesische Hinterland cruisen

© /Karl Kaltenreiner

Südostasien
01/27/2017

Auf zwei Rädern durch Vietnam

Landschaft, Leute und Kulinarik lernt man bei einer Motorradtour im vietnamesischen Hinterland von Da Lat nach Nha Trang kennen. Von lustigen Begegnungen mit Mensch und Tier im Schneckentempo.

von Caroline Kaltenreiner

"Das ist kein Rennen, hier geht’s ums Sightseeing", mahnt Bin den Studenten, noch bevor der Trip überhaupt losgeht. Dieser ist es gewohnt, sich zu Hause in Oberösterreich auf Rennmaschinen in die Kurven zu legen. Schnell würde hier sowieso nicht gehen: Die Geschwindigkeitsbegrenzungen in Ortschaften liegen bei 40 km/h, auf dem Highway bei 60 km/h. Bin ist ein Anbieter von Motorradtouren, die von Da Lat – dem Lieblingsferienort der Vietnamesen – starten. Hier ist die Hochburg der "Easy Rider". Touren werden an jeder Straßenecke angeboten, die qualitativen Unterschiede sind groß. Wer zu den "echten Easy Ridern" gehört, ist nicht immer ersichtlich. Für Bin hat sich der Student aufgrund positiver Bewertungen im Internet entschieden.

Zwei Tage sind sie nun unterwegs und erkunden das Hinterland, bevor es zurück an die Küste in den Ort Nha Trang – den Lieblingsbadeort der Russen in Vietnam – geht. Alles, was sie dazwischen sehen, ist vor allem eins: sehr authentisch.

Mit zig Gummiseilen wird der in Plastikfolie verpackte Rucksack am Gepäckträger einer alten 125er Honda festgezurrt, für den Hintermann eine bequeme Rückenlehne. Dann geht es gemütlich los. Sehr gemütlich. Schneckentempo.

Wenig Kilometer und viele größere Stopps rund um Da Lat stehen an diesem Tag an, auch dazwischen bleibt Bin immer wieder stehen, um die Aussicht zu genießen, Pflanzen zu zeigen oder an Blumen zu schnuppern. Dem Studenten war schon zuvor aufgefallen, dass Vietnamesen eine Vorliebe für Blumen haben.

Sie kehren in einfachen Lokalen am Straßenrand ein, genießen Speisen, die phänomenal gut schmecken, und vietnamesischen Kaffee mit zuckersüßer Kondensmilch. Nur Einheimische. Lachend fährt Bin an den Touristen-Buden vorbei und deutet dem Studenten, hier würden nur Russen essen.
Am Thác-Voi-Wasserfall beobachtet der Oberösterreicher amüsiert, wie Vietnamesinnen anfangs mit Stöckelschuhen auf rutschigen Felsen zu den Fällen runterklettern, danach barfuß mit den Schuhen in der Hand wieder heraufkommen.
In einer Seidenfabrik lernt er den Kreislauf von der Raupe bis zum Seidenfaden kennen. Er beobachtet die Arbeiterinnen, wie sie die Kokons verarbeiten und aus den Fäden Stoffe weben.

Während eines Halts bei einem Kaffeebauern entdeckt der 26-Jährige ein verstörtes Tier in einem engen Käfig. "Wieselkaffee" erklärt ihm Bin, und er weiß, dass er diese "Delikatesse" (die Tiere werden mit Kaffeekirschen gefüttert, die unverdauten, ausgeschiedenen Kaffeebohnen gewaschen und geröstet) aus Mitleid zum Tier niemals probieren wird.

Reisschnaps und Judasohren

Zum Highlight wird ein Stopp bei einem Bauern, der in Gewächshäusern Judasohr-Pilze züchtet. Aus Säcken, die mit Sägespänen gefüllt sind, sprießen die schwarzen Schwammerln, die man auch bei uns aus der asiatischen Küche kennt. Da gerade Feiertage sind und der Bauer in Festlaune ist, bittet er seine Gäste, zu bleiben und es sich auf dem Boden bei seiner Familie bequem zu machen. Nur die 87-jährige Oma sitzt auf einem Sessel und beobachtet die Lage mit einem zufriedenem Lächeln. Schnell wird mit selbstgebranntem Reisschnaps angestoßen und Tee ausgeschenkt, kommuniziert wird mit Händen und Füßen. Es ist nicht nur dem jungen Österreicher eine Ehre, eingeladen zu sein, auch der Bauer strahlt ob des exotischen Besuchs übers ganze Gesicht. "Langnasen" sieht man im Hinterland nicht so oft. Das gemeinsame Foto, das weiß der Student sofort, gehört zu den wertvollsten seiner Reise.
Beim Pongour-Wasserfall sind es wieder die Vietnamesen, die ihn begeistern. Wie kleine Kinder stellen sie sich unter die Fälle, genehmigen sich eine Dusche, kreischen und kichern. Herrlich.

Als die Biker abends das Hotel erreichen, ist der Student erleichtert. Obwohl er das abwechslungsreiche Programm, die Landschaft und die Leute genießt, ist er froh, endlich vom Motorrad abzusteigen. Die Federung der alten Chopper ist furchtbar und er müde.

Beim Abendessen bestellt Bin die Gerichte der Speisekarte rauf und runter, alles wird verkostet, vor allem das lokale Bier. Die Preise sind eine Freude für jeden Europäer. Leidenschaftlich spricht er über Motorräder, die er besitzt und zeigt Bilder von Maschinen, die er gerne fahren würde.

Abwechslungsreiche Route

Der nächste Tag gestaltet sich anders. Heute müssen sie 180 Kilometer nach Nha Trang zurücklegen. Die Strecke ist wunderschön und abwechslungsreich, führt über den Khanh Vinh Pass auf 1800 Meter, durch den Bidoup Nationalpark bis runter zur Küste. Lange gerade Landstraßen, anspruchsvolle Serpentinen, Gebirgsstraßen und die hektische Stadt. Durch das langsame Tempo bleibt genug Zeit, die Landschaft zu bewundern. Steile Klippen, Plantagen, flache und steile Reisfelder und Pagoden.
Eine Einkehr in einem Café verschafft dem Biker sein lustigstes Erinnerungsfoto: Mitten im Lokal spaziert ein Hängebauchschwein zwischen den Tischen herum. Verzückt darf er die Sau mit Bananen füttern und folgt ihr ums Hauseck, wo sie sich in den Schatten legt und den Ferkeln die Zitze gibt.
Als sie das Dorf der K’ho, eine indigene Minderheit, erreichen, sehen sie einfache strohgedeckte Pfahlbauten und Kinder, die im Fluss spielen und winken. Sie bleiben stehen und es dauert nicht lange, bis die Kinder angelaufen kommen. Sie kennen Bin schon. Er macht seine hintere Satteltasche auf und holt Geschenke und Süßigkeiten heraus. Genauso schnell, wie sie gekommen sind, sind sie wieder weg.

In Nha Trang angelangt, ist der Student dankbar für dieses einzigartige Erlebnis. Andere Touristen hat er die ganze Reise kaum gesehen. An das Schneckentempo hat er sich schnell gewöhnt und gelernt, die Langsamkeit zu schätzen, sie sogar zu genießen.

Anreise Von Wien z. B. mit Austrian und Vietnam Airlines mit einem Zwischenstopp nach Ho-Chi-Minh-Stadt oder Hanoi. Günstige Inlandsflüge nach Da Lat mit Vietnam Airlines.austrian.com,vietnamairlines.com

Visum Vorab bei der Vietnamesischen Botschaft in Wien, ☎ 01/ 368 07 55-10, beantragen, vietnamembassy.at/de Finger weg von diversen Visa-Onlinediensten!

Beste Reisezeit Vietnam kann das ganze Jahr über bereist werden, Die beste Reisezeit ist von den geplanten Zielen abhängig. In Da Lat herrscht von April bis Oktober Regenzeit, von November bis März ist es kühl und trocken.

Währung/Preisniveau 1 € = 23,48 VND (Vietnamesische Dong), Traditionelle Pho-Suppe ab 1,50 € am Straßenrand, im Restaurant zahlt man ca. 3 €, Hauptspeisen ca. 2 €, lokale Biere ca. 50 Cent.

Motorradtour Viele Anbieter, z. B bei Bin vietnameasyridertours.com

Schlafen Da Lat: Dreams Hotel. Sehr einfache, saubere, günstige und familiär geführte Unterkunft. Gute Lage mit vielfältigem Frühstück.
Nha Trang: The Summer Hotel. Mittelklasse Hotel mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis, Bar und Pool am Dach. Gute Lage.

Essen Wer sich nicht davor scheut, an Straßenständen zu essen, sollte dies auch unbedingt machen. Wo viele Einheimische essen, kann man das bedenkenlos. Große regionale Unterschiede in der Küche. Unbedingt probieren: Die traditionelle Pho-Suppe, die würzige Bun Bo Hue, Bun Cha, Hot Pot, Salat aus grüner Papaya und die köstlich gefüllten französischen Baguettes Banh Mi.

Trinken Vietnamesischer Kaffee wird heiß oder geeist getrunken, traditionell mit Kondensmilch. Oft gibt es Arabica- und Robusta-Bohnen zur Wahl
– Jasmin Tee wird in Lokalen oft heiß oder geeist gratis gereicht
– Das lokale Bier ist gut und günstig. Besonderheit ist bia hoi: frisch gebrautes Bier, das max. 24 Stunden haltbar ist. Oft sehr günstig (30 Cent), wird an der Straßenecke ausgeschenkt, bis das Fass leer ist.

Buchtipp Vietnam. A. & M. Markand (Stefan Loose Travel Handbücher) 5. Auflage (09/16), 728 S., 111 Karten u. Pläne, 26,99 €.

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