Kajaken in der Ventana Bay: Durch das kristallklare Wasser hat Regula Heeb gute Sicht auf die Unterwasserwelt.

© Christian Heeb, Heebphoto.com

Reise
11/02/2019

Bei Walhaien und Seelöwen: Das mexikanische Galapagos

Der Golf von Kalifornien ist das biologisch reichhaltigste Gewässer der Welt. Rund um die Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Baja California Sur tummeln sich Walhaie, Seelöwen und Delphine. Zeit, sie aus der Nähe zu betrachten.

Auch Reise-Nomaden müssen manchmal zur Ruhe kommen. Nachdem der Schweizer Fotograf Christian Heeb ab Ende der 1980er mehrere Jahre lang die USA bereist hatte, ließ er sich im Bundesstaat Oregon nieder. Im Städtchen Bend baute sich der gelernte Architekt gemeinsam mit seiner Frau Regula ein Haus, weit entfernt von anderen Menschen. „Wir bevorzugen das Leben in der Einsamkeit,“ beschreibt er seine Einstellung.

Doch um die Jahrtausendwende begann es wieder zu kribbeln: Eine neue Wahlheimat für die Wintermonate musste her. Die Heebs fuhren die Westküste entlang, bis sie in La Ventana, einem Fischerdorf auf der mexikanischen Halbinsel Niederkalifornien hängen blieben. Das Kite-Surfer-Paradies liegt am Golf von Kalifornien, dem 160.000 km² großen Nebenmeer des Pazifik, das die UNESCO im Jahr 2005 zum Weltkulturerbe erklärte. Die Heebs fanden ihr fast menschenleeres Paradies: hunderte Kilometer Traumstrände, kristallklares, warmes Wasser, eine karge Wüstenlandschaft, die beim geringsten Niederschlag wie wild zu blühen beginnt und jede Menge Tiere. 891 Fischarten leben in dem Gewässer. Kleine rotbauchige Finken, zappelige Kolibris, gelbschnabelige Schopfkarakaras, Blaufußtölpel und schwerflügelige Pelikane schwingen sich durch die Lüfte.

Hier bauten sich die Heebs ein aus mehreren Casitas bestehendes Anwesen, mit kuppelförmigen Dächern und Aussichtsplattform, von der sie den Sonnenaufgang über der unbewohnten Isla Cerralvo genießen können.

National Geographic reihte La Ventana 2018 unter die dreizehn besten Kitesurfing-Destinationen der Welt. Viele Wellenreiter verbringen den Winter hier am Campingplatz. Von November bis April segeln sie mit ihren Drachen mit Spitzengeschwindigkeit von dreißig Knoten über das aufgepeitschte Wasser. Christian Heeb gehört nicht zu ihnen. Er unternimmt lieber lange Strandspaziergänge, paddelt mit seinem Kajak im Meer oder fährt mit dem Mountainbike in die Berge. Obwohl La Ventana sich bis jetzt seinen rustikalen Charme erhalten hat, gibt es erste Anzeichen, dass sein Ruf als Reiseziel auch Besucher anzieht, die höhere Ansprüche stellen. „Casa Tara“ mit dem fast reinweißen Ambiente eröffnete kürzlich seine Pforten und bietet Yogakurse unter dem Palapa-Strohdach oder am Strand an.

Verschlafene Hauptstadt

Nach La Paz, die gemütliche Hauptstadt von Baja California Sur, gelangt man auf einer gut gepflasterten Straße durch die karge Berglandschaft. Der Fotograf fährt die Strecke normalerweise nur untertags, denn in der Baja haben Kühe und Ziegen freien Auslauf. Für Autofahrer heißt es aufpassen.

La Paz wirkt trotz seiner 250.000 Einwohner noch verschlafen. Die meisten Häuser sind nicht höher als zwei Stockwerke, haben Balkone oder nette Hinterhöfe. Die fünf Kilometer lange Strandpromenade wurde 2011 renoviert, mit Skulpturen bestückt und durch einen Radweg erweitert. Heeb schlendert auf der Suche nach einem Motiv vorbei an den Strandcafés bis hin zur Nuestra-Señora-de-la-Paz-Kirche und dem Hauptplatz Zócalo. Mit seiner Kamera fängt er Wandmalereien ein, die von Fauna und Flora der Halbinsel inspiriert sind.

An die Strandpromenade zurückgekehrt, trifft er Benjamin Duarte. Der Guide kennt sich genau aus, ist er doch schon seit mehr als zwanzig Jahren in La Paz ansässig. Zuvor arbeitet er auf der anderen Seite der Grenze, doch erkannte er bald, dass die Schufterei in der Fabrik nicht sein Lebensziel sein konnte. Nachdem er nach Baja California Sur zurückkehrte, machte er sich mit anderen Bewohnern für den Umweltschutz stark und bewahrte die südlich gelegenen Traumstrände Pichilingue, Balandra und El Tecolote vor einer Erschließung durch die Hotelindustrie.

Von Pichilingue geht es mit dem Boot zur unbewohnten Isla Espíritu Santo – seit 1995 ein UNESCO-Biosphärenreservat, um das harmonische Miteinander von Mensch und Natur zu fördern. Bei einer Betrachtung der in allen Rot- und Brauntönen schattierten Berge der Insel wird klar, dass die Landschaft genauso zur Sonora-Wüste gehört wie Teile von Arizona und des Bundesstaates Kalifornien. In den Bergen finden sich immer wieder interessante Gesteinsformationen: eine Maske, ein Orang-Utan, der Umriss der in Wirklichkeit 1.200 Kilometer langen und 160 Meter breiten Halbinsel Baja California.

Die Ausflügler, die mit Benjamin Duarte die Insel erkunden, freuen sich besonders auf die rund 400 Tiere umfassende Seelöwenkolonie. Schnell die Taucherbrille auf und den Schnorchel in den Mund und los geht es in das Reservat. „Die Tiere bitte nicht berühren!“ Leichter gesagt als getan, denn innerhalb von Sekunden schwirren die Seelöwen um die Besucher herum, nibbeln an ihren Flossen, wollen spielen. Unter Wasser sind die Seelöwen und Robben noch besser zu bewundern. Sie recken ihren Kopf in alle Richtungen, so als ob ihnen ein doppeltes Gelenk gegeben wurde. Wasserblasen steigen aus ihren Nasenlöchern und schon machen sie eine 180-Grad-Wendung und flitzen woanders hin.

Um das Gleichgewicht in diesen Naturreservaten nicht zu stören, müssen sich Veranstalter an genaue Vorgaben halten, wie lange sie mit ihren Booten in der Nähe der Tiere bleiben. Etwas weiter von der Küste entfernt begegnen Reisende dem größten, nicht zur Gruppe der Säuger gehörenden Wirbeltier. Walhaie leben schon seit sechzig Millionen Jahren in milden und tropischen Gewässern und erreichen eine durchschnittliche Länge von zwölf Metern. Die sanften Riesen verfolgen einen geradlinigen Kurs und so lässt es sich neben ihnen herschnorcheln. Das Wort „Hai“ mag in der Zoologie wenig bewanderten Menschen Angst einjagen, doch diese Gattung ernährt sich vegetarisch. Wenn er besonders hungrig ist, erhebt der Walhai seinen Kopf bis zur Hälfte über die Wasseroberfläche und lässt die größtmögliche Menge an Plankton in sich fließen. Obwohl er ruhig vor sich hin schwimmt, nimmt er die Gegenwart von Mitschwimmern über seine elektromagnetisch geladene Körperoberfläche wahr.

Benjamin Duarte folgt einem acht Meter langen Walhai mit seiner Gruppe ungefähr drei Minuten lang und lässt ihn wieder in Ruhe. Etwas verärgert klettert er ins Boot zurück. „Habt ihr den blauen Fleck am Rücken des Tieres gesehen?“ fragt er die Gruppe. „Da hat ein Bootfahrer unverantwortlich gehandelt und ist zu nah an den Walhai herangekommen. Der Kiel des Boots hat auf ihn abgefärbt.“ Christian Heeb hat alles mit seiner Kamera mitverfolgt und gute Fotos geschossen, die garantieren, dass seine Workshops ausgebucht sein werden. Mit seiner selbst gewählten Einsamkeit wird es dann wohl eher doch nichts.

Anreise
Lufthansa fliegt über Frankfurt und Mexico City nach San José del Cabo. Mit dem Mietauto geht es über den Highway 1 innerhalb von zwei Stunden nach La Paz und dann auf der 286-Landstraße nach La Ventana. Wer den CO2-Ausstoß kompensieren will (z B. climateaustria.at), zahlt ab/bis Wien 55,74 €

Sicherheit
 Entgegen aller Meldungen über Mexiko ist Baja California Sur eine sehr sichere Gegend

Beste Reisezeit
Anfang November bis Ende März, wenn verschiedene Walarten, Delphine und Seelöwen im Golf von Kalifornien und an der Pazifikküste überwintern

Unterkunft
– In San José del Cabo: Casa Natalia (casanatalia.com). Boutiquehotel mit Swimming- pool im historischen Zentrum von San José del Cabo.
– In La Ventana: Ventana Bay Hotel (ventanabay.com). Kitesurfer, Mountainbiker und Sportfischer fühlen sich wohl.
– Casa Tara:   Luxuriöseres Yogahotel mit Spa und Swimmingpool. Bioküche im „La Moringa“-Restaurant. (casatararesort.com)
– In La Paz: Hotel Catedral (hotelcatedral.mx). Boutiquehotel im Stadtzentrum mit Swimmingpool am Dach

Natur-Exkursionen
Benjamin Duarte (englisch): facebook.com/ benjamin.duarte.583,
Tel. +52 1(612) 13 9 02 02, bikingexplorers@yahoo.com

Fotoreisen und Workshops mit Christian Heeb
heebphoto.com

Weitere Highlights
Touristisch erschlossener Südzipfel Los Cabos, Künstlerstädtchen Todos Santos an der Pazifikküste; aufgelassenes Bergbaudorf El Triunfo

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.