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Politik
06/26/2012

Urteil: "Beschneidung ist Körperverletzung"

Ein deutscher Richter sieht in Beschneidungen aus religiösen Gründen ein Strafdelikt. Einige jüdische Organisationen sind empört.

von Walter Friedl

Das Urteil des Kölner Landgerichts mit weit reichenden Folgen für Juden und Muslime wird noch für heftige Debatten sorgen – nicht nur in Deutschland. In dem Richterspruch wird die Beschneidung von Buben, wenn sie nicht medizinisch indiziert ist, sondern aus religiösen Gründen erfolgt, als "rechtswidrige Körperverletzung" bezeichnet und somit als strafbar. Das Selbstbestimmungsrecht des Kindes wiege schwerer als die Religionsfreiheit.

Anlassfall: Ein Arzt hatte den vier Jahre alten Sohn einer muslimischen Familie auf deren Wunsch fachgerecht beschnitten. Dennoch kam es zu Nachblutungen. Die Kölner Staatsanwaltschaft, die davon erfahren hatte, erhob Anklage. Zwar wurde der Mediziner auch in zweiter Instanz freigesprochen, weil er im Glauben war, rechtmäßig gehandelt zu haben. Doch der Akt sei illegitim. "Das Urteil ist für andere Gerichte nicht bindend", so der Strafrechtler Holm Putzke von der Universität Passau, "aber es wird Signalwirkung haben."

"Fundament" in Frage gestellt

Während von muslimischer Seite zunächst keine Stellungnahme vorlag, sprach der Zentralrat der Juden in Deutschland von einem "beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften". Ähnlich äußerte sich der aktuelle Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Oskar Deutsch, auf KURIER-Anfrage: "Fast seit der Erschaffung der Erde werden Buben acht Tage nach der Geburt beschnitten – als Zeichen des Bundes mit Gott. Das ist eines unserer wichtigsten Gebote und wird überall auf der Welt praktiziert." Werde dieses "Fundament" in Frage gestellt, "wird es für Juden schwer, in solchen Ländern zu leben".

Weniger dramatisch sieht das die Vize-Präsidentin der liberalen jüdischen Gemeinde in Wien, Giuliana Schnitzler, eine Urenkelin von Arthur Schnitzler: "In den USA gibt es schon länger eine Bewegung unter jüdischen Familien gegen die Beschneidung. Sie argumentieren, dass der Eingriff negative Auswirkungen auf die Buben habe – physisch wie psychisch."

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