Interview mit "Wutoma" Frieda Nagl

© /juerg christandl

Interview
10/05/2014

Wut-Oma: "Ich will die Politiker am Krawattl nehmen"

Frieda Nagl (75) wurde durch ihren Auftritt beim ORF-Sommergespräch zum Kult. Drei Wochen später präsentiert sie schon ihr erstes Buch.

von Ida Metzger

Herr Vizekanzler, welch eine Freude", ruft die Wut-Oma alias Frieda Nagl Reinhold Mitterlehner zu, als der ÖVP-Chef als Überraschungsgast bei ihrer Buchpräsentation erscheint. Nur drei Wochen nach ihrem polternden Auftritt beim ORF-Sommergespräch ist auch schon das erste Buch der rüstigen Rauriserin auf dem Markt. Wut-Oma. Mein Leben. Meine Welt. Meine Ziele, heißt es schlicht.

Aber eine Frage steht bei Nagl (75) unwillkürlich im Raum: Ist die wortgewaltige Salzburgerin wirklich nur zufällig beim ORF-Sommergespräch als Wutbürgerin entdeckt worden? Oder steckte hinter ihrem Auftritt nicht schon damals eine Marketingstrategie?

Sie selbst will davon nichts wissen. "Ich habe einen Anruf bekommen vom Verlag. Es war immer schon ein Traum von mir, ein Buch zu schreiben." In nur zwei Wochen war es fertig. Auf 110 Seiten fordert sie in Stammtisch-Rhetorik von den Politikern: "Kümmerts euch wieder um die Menschen" oder "Dients nicht den Banken".

KURIER: Frau Nagl, Sie sind wütend, weil Sie im Gasthaus ihrer Tochter bei einer Razzia der Finanzpolizei als Schwarzarbeiterin aufgeschrieben wurden. Es gibt das Gerücht, dass diese Razzia nie stattgefunden hat?

Frieda Nagl: So ein Blödsinn. Es war schon das dritte Mal, dass die Finanzpolizei zu uns ins Haus kam, um die Ausländergesetze zu kontrollieren. Ich hab da nichts dagegen, aber die Finanzpolizei kontrolliert nur die kleinen und nicht die großen Betriebe. Drei Finanzpolizisten kamen ins Gasthaus, meine Enkelin hatte Angst, dass ihre Mama verhaftet wird. Dann haben’s mich als Schwarzarbeiterin aufgeschrieben ohne mit mir zu reden, nur weil ich meiner Tochter ausgeholfen habe – das hat mich wütend gemacht. Das ist die größte Frechheit. Im Rauriser Tal muss rund 80 Prozent der älteren Generation den Jungen helfen, sonst können die Betriebe nicht überleben. Deswegen bin ich nach Wien gefahren und dachte mir: Auch wenn ich eine Schwarze bin, der Mitterlehner kommt mir gerade recht. Im Nachhinein hat es mir ein wenig leidgetan, weil der Vizekanzler nach der Sendung mit mir noch ein Bier getrunken hat, wir uns geduzt haben und er mir eine Stunde zugehört hat.

Sie haben noch nie im Betrieb irgendetwas schwarz verrechnet? Das war doch früher so Usus.

Da hat man keine Chance. Schwarzarbeiter gab es bei mir nie. Im Gegenteil, durch meine Sturheit habe ich es bewirkt, dass wir 100 Arbeitsgenehmigungen für den Pinzgau bekommen. Damals habe ich Hunderte Briefe und Blumen bekommen als Dankeschön. Mit den Blumen hätte man meine Leich ausrichten können. Und wenn ich jemanden vielleicht einmal ein Vierterl einschenke und es nicht gleich registriere. Das kann passieren – aber da werde ich nicht einmal Rot.

Wie schreibt man ein Buch in zwei Wochen. War es schon fertig, bevor Sie zu den Sommergesprächen gefahren sind?

Das ist auch für mich ein Wunder. Drei Tage nach den Sommergesprächen rief der Verlag an. Dann kam ein Team mit einem Aufnahmegerät. Insgesamt haben wir vier Tage lange je vier Stunden meine Gedanken aufgenommen.

Ihre Bezeichnung als Wut-Oma gefällt Ihnen?

Ja, denn ich wollte die Politiker schon immer einmal am Krawattl nehmen. Das ist mir gelungen. Denn wenn die so weitermachen, wird Österreich an die Wand gefahren. Ich habe Angst, dass Österreich zu Griechenland wird. Vor 30 Jahren war ich noch gern Unternehmerin, aber heute verstehe ich es, wenn meine Tochter den Betrieb schließen will. Ich frage mich nur, wie will der Staat Steuern einnehmen, wenn am Land alle Betriebe sterben und die Jungen in die Stadt abwandern. In Rauriser Tal würden wir so gerne den ehemaligen Goldstollen eröffnen. Das wäre wichtig für den Sommertourismus, aber wir bekommen kein Geld dafür. Deswegen bin i so bös. In die Stadt wird viel Geld gepumpt, aber das Land bekommt nur Bröserln.

Sie fordern in Ihrem Buch die Politiker auf, nicht den Banken zu dienen, und kümmerts euch wieder um die Menschen. Klingt das nicht schwer nach Stammtisch-Rhetorik?

Wissen Sie, natürlich wird am Stammtisch so geredet. Früher hat man am Stammtisch gelacht, aber heute wird nur gschimpft. Die Leut’ sind Unzufrieden, weil die Steuern ständig erhöht werden und den Banken das Geld nachgeschmissen wird.

An der EU lassen Sie sicherlich auch keine gutes Haar.

An der EU kann ich viel kritisieren. Ich hab die EU gewählt, weil ich immer gedacht habe, dass wir sie brauchen. Aber bei der letzten EU-Wahl hab‘ ich mich wirklich überwinden müssen, wählen zugehen. Österreich hat der EU einen Haufen Geld in den Rachen geschmissen, dann kommens daher und verbieten, dass wir den Namen Marmelade oder Burenwurst verwenden.

Was haben Sie bei der EU-Wahl gewählt?

Sebastian Kurz habe ich gewählt.

Der Außenminister stand gar nicht zur Wahl ...

Die ÖVP habe ich gewählt, aber nur wegen des Sebastian Kurz. Denn die Außenminister haben in Brüssel doch etwas mitzureden.

Haben Sie immer ÖVP gewählt?

Ich war immer eine ÖVPlerin, aber keine fanatische. Wenn mir ein ÖVPler nicht gepasst hat, habe ich ihn auf dem Wahlzettel durchgestrichen und ungültig gewählt.

Was halten Sie von Faymann?

Den würde ich mir auch gern einmal kaufen. Mit ihm bin ich wirklich unzufrieden.

Was wäre Ihre Botschaft an den Bundeskanzler?

Faymann soll endlich mit Mitterlehner, Schelling und Kurz anpacken. Diesem Quartett würde ich es zutrauen, dass sie etwas für Österreich schaffen. Aber leider fällt Faymann immer wieder um, deswegen habe ich ein ungutes Gefühl bei ihm.

Faymann möchte die Reichensteuer. Das wäre doch in ihrem Sinne ...

Ich finde die Österreicher sollten es wie die Griechen halten. Wer ein Sparbuch mit über 100.000 Euro hat, soll kontrolliert werden. Da sollen die Finanzfahnder einmal ansetzen. Aber davor habens Angst, denn dann kommen gleich die Drohungen, dass die Betriebe mit 300 Arbeitsplätzen gestrichen werden. Wenn wir Kleinen ein paar Netsch nicht aufschreiben, das zählt ja gar nicht. Bei den Reichen wird viel mehr getrickst. Früher haben die Männer am Stammtisch erzählt, wie gut sie dank der Überstunden verdienen. Was ist heute? Da werden die Überstunden so besteuert, dass nichts mehr übrig bleibt und die Männer lieber pfuschen gehen. Da dürfen sich die Politiker nicht wundern.

Was hoffen Sie zu bewirken, außer Ihr Konto mit dem Buch aufzubessern?

Wenn ich bewirke, dass die Lohnsteuer runtergeht und den Jungen wieder mehr Geld in der Tasche bleibt, und wieder mehr investieren können, wäre ich schon zufrieden. In den Tourismus in den Seitentälern muss mehr investiert werden. Landeshauptmann Katschthaler hat früher immer den sanften Tourismus propagiert. Wirst sehen Frieda ihr werdet die Gewinner sein. Worauf ich ihm antwortete: Herr Landeshauptmann, ich habe keinen sanften Staat, keine sanfte Sozialversicherung und keine sanfte Banken erlebt. Und auch die Touristen wollen nichts Sanftes, die wollen etwas erleben.

Buchtipp: „Wut -Oma. Mein Leben. Meine Welt. Meine Ziele“ , edition a, 14,90 Euro

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.