Politik | Inland
30.01.2015

WU-Rektorin: "Fachwissen kann nicht schaden"

Die neue WU-Rektorin Hanappi-Egger meint, die Politik bräuchte mehr ökonomische Expertise.

In der 117-jährigen Geschichte der Wirtschaftsuniversität wurde Edeltraud Hanappi-Egger zur ersten weiblichen Rektorin gewählt. Dem KURIER gab die Informatikerin ihr erstes Interview als designierte WU-Chefin.

KURIER: Die Regierung hat das Wissenschaftsressort als eigenes Ministerium abgeschafft. Das wurde als Symbol gewertet, dass Wissenschaft nicht genügend Stellenwert genieße. Ist das so?

Edeltraud Hanappi-Egger: Persönlich habe ich es auch schade gefunden, dass das eigenständige Ministerium abgeschafft wurde. So etwas ist immer ein Signal, aber es scheint jetzt dort, wo es ist, ganz gut aufgehoben zu sein. Generell glaube ich, dass Wissenschaft und Forschung mehr gesellschaftliche Akzeptanz haben könnten. In der Öffentlichkeit wird der Bereich oft auf die Kostenfrage reduziert, es wird kaum der Nutzen von Universitäten für die Wohlfahrtssteigerung, für den Fortschritt und die gesellschaftliche Entwicklung dargestellt.

Sie haben einen siebzehnjährigen Sohn. Was ist Ihre Erfahrung – wird in Kindergärten und Schulen die Neugier und die Neigung zur Wissenschaft genügend angeregt?

Neugier erhalten, Lust machen auf Nachdenken, auf Fragenstellen und Lösungen suchen – das ist in Österreich tatsächlich etwas unterentwickelt, um es vorsichtig zu formulieren. Mein Sohn war ein Semester in Kanada in der Schule, dort haben sie Diskutierklubs, wo man sich aneignet, wie man unterschiedliche Standpunkte argumentativ vertritt, wie man unterschiedliche Blickwinkel zulässt. So etwas müsste zum Alltagsprogramm unserer Bildungsinstitutionen gehören.

Mit Eurokrise und Globalisierung kamen Wirtschaftsthemen in die Tagespolitik, die oft schwer verständlich sind. Finden Sie, dass das ökonomische Wissen in breiten Teilen der Bevölkerung ausreicht, um für solche Debatten gerüstet zu sein?

Ich wünsche mir tatsächlich, dass in den Schulen die Bedeutung von Wirtschaftswissen gestärkt wird, und dass man die Diskursfähigkeit der Öffentlichkeit über Wirtschaftsfragen stärkt. Ich sehe es auch als Aufgabe der Universitäten, das mit öffentlichen Mitteln generierte Wissen weiterzugeben.

Ist in der Politik genug Wirtschafts-Expertise vorhanden?

Lassen Sie es mich so sagen: Fachwissen kann in bestimmten Ressorts nicht schaden. Generell halte ich Wirtschaftswissen für sehr substanziell.

Was halten Sie von Studiengebühren?

Studiengebühren an sich sind nicht geeignet, die Probleme der Universitäten zu lösen. Hinter den Studiengebühren steckt die grundsätzliche Frage: Ist die universitäre Ausbildung eine Investition in das persönliche Humankapital und daher privat zu finanzieren? Oder haben wir als Universität einen öffentlichen Bildungsauftrag?

Sind sind eher bei Zweiterem?

Ja.

Besteht freier Uni-Zugang nicht nur mehr auf dem Papier? Die Matura ist längst keine Studienberechtigung mehr, überall wird rausgeprüft.

Da werden zwei Dinge vermischt. Das eine ist die Kapazitätsfrage. Es muss politisch diskutiert werden, wie viele Studierende die Universitäten ausbilden sollen. Das andere ist die Frage des inhaltlichen Matchings. Es muss zusammengeführt werden, was die Universitäten an fachlichen Voraussetzungen von den Studierenden erwarten, und was die Studierenden von einem Studium erwarten. Ich finde die Studieneingangsphase, die zur Orientierung führt, ob man das richtige Studium gewählt hat, gut, wenn sie fair und nachvollziehbar ist. Das Problem ist, dass die Kapazitätsfrage mit der inhaltlichen Orientierungsphase so halbseiden vermischt wird. Wenn wir gute und interessierte Studierende aus Kapazitätsgründen ablehnen müssen, führt das zu Frust.

Wie passt es zusammen, dass Politiker sagen, Europa könne nur mit Wissen im globalen Wettbewerb bestehen, und gleichzeitig werden Studierwillige abgewiesen?

Das ist widersprüchlich. Das hat mit dem eingangs besprochenen mangelnden Stellenwert zu tun. Wissenschaft und Forschung brauchten Langfristigkeit, das passt mit den politischen Wahlzyklen nicht zusammen. Es bräuchte Schwerpunktsetzung und die Überzeugung, dass Investitionen in Wissenschaft und Forschung tatsächlich Investitionen in die Zukunft sind.

Können Sie sich vorstellen, zu sagen: Jeder, der studieren will, soll studieren können? Macht das volkswirtschaftlich Sinn?

Es geht einerseits schon auch darum, die Relation zwischen Studienbeginn und Studienabschluss zu verbessern. Aber ja, die neuen OECD-Zahlen zeigen, dass wir in Relation zur Anzahl der Maturant/innen eine zu geringe Akademiker/innenquote haben. Da besteht ganz klar Nachholbedarf.

Die erste WU-Rektorin

Edeltraud Hanappi-Egger Die gebürtige Burgenländerin (50) ist Professorin für „Gender & Diversity in Organizations“. Sie studierte Informatik an der TU Wien. Von 1993 bis 1996 war sie an der Akademie der Wissenschaften tätig. 1996 habilitierte sie sich in Angewandter Informatik, 2002 kam sie an die WU Wien. Fußballer-Legende Gerhard Hanappi war ihr Schwiegervater.