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Politik Inland
03/11/2019

Wirtschaftsabschwung: Warum Europa abermals das Sorgenkind ist

Alter Kontinent: Risiken wie Brexit, Trumps Handelsstreit und Chinas Schwäche belasten die EU besonders stark.

von Hermann Sileitsch-Parzer

So viel ist fix: Die besten Zeiten liegen hinter uns. Der Höhepunkt war um das Jahresende 2017 herum erreicht. Seither geht das Wachstum praktisch weltweit zurück.

An sich ist das keine Überraschung: Im Auf und Ab der Wirtschaft sind Schwächephasen normal. Der Aufschwung nach 2009 dauerte zudem ungewöhnlich lange. Und er war künstlich am Leben erhalten worden – durch die Nullzinsen und Geldspritzen der Notenbanken.

Die zentrale Frage lautet: Wie tief geht es noch runter? Bleibt es beim Abschwung oder droht gar eine Rezession?

So weit hergeholt wäre das nicht. Österreichs wichtigster Handelspartner Deutschland entkam Ende 2018 haarscharf einer Mini-Rezession, das „Wachstum“ war im Schlussquartal gleich null. Der drittwichtigste Handelspartner steckt mittendrin: Italiens Wirtschaft schrumpft.

USA weniger belastet

Wieder einmal ist Europa das Sorgenkind. „Der Ausblick sieht nicht gut aus“, zeigte sich Laurence Boone, Chefökonomin der Industriestaaten-Organisation OECD in Paris, vor wenigen Tagen besorgt.

Im November hatte sie für Deutschland 2019 noch ein BIP-Wachstum von 1,6 Prozent erwartet. Jetzt rechnet Boone nur noch mit 0,7 Prozent Plus. Noch dramatischer ist Italien: Dort drehte die Prognose von +0,9 Prozent auf –0,2 Prozent (Österreichs Zahlen aktualisiert die OECD nur einmal im Jahr).

Einige Gründe für die Verunsicherung liegen auf der Hand, etwa der Daueraufreger Brexit. Überraschender ist, dass die von den USA angezettelten Handelsquerelen Europa weit mehr belasten.

Laut OECD stagnierten in der Eurozone zuletzt die Exporte – die sonst wichtig für das Wachstum sind – innerhalb der Währungsunion ebenso wie mit Partnern außerhalb. Neue Exportaufträge gehen sogar zurück. Und die Stimmung ist bei den Unternehmen wie Verbrauchern im Keller (siehe Grafiken).

Rückgang in China

Chinas dramatisches Schwächeln wird in den USA eher mit Häme, in Europa indes mit echter Sorge gesehen: Die Exporte aus dem Reich der Mitte sind im Februar um 20,7 Prozent weggebrochen. Nicht nur das: Die Chinesen konsumierten auch weniger, somit sanken die Importe ebenfalls (um 5,2 Prozent).

Den Amerikanern ist das eher egal: Sie haben weniger Exporte und sind unabhängiger davon, was im Rest der Welt geschieht. Obendrein hat Trump die eigene Wirtschaft mit hohen Staatsausgaben und einer Steuerreform angeheizt. Was zwar das Budgetdefizit aus dem Ruder laufen ließ, dafür aber den Konsum der Bürger stützte. Und der macht rund drei Viertel der US-Wirtschaft aus.

Nicht alle Experten stimmen in den Chor der Unkenrufer ein. Abschwächung ja, aber: „Wir erwarten 2019 für keine große Volkswirtschaft eine Rezession“, sagt Markus Müller, Stratege der Deutsche Bank Wealth Management.