Nur 34 Prozent von 607 befragten Betrieben wollen Lehrlinge aufnehmen

© APA - Austria Presse Agentur

Faktencheck
05/17/2021

Wie sich der Lehrlingsbonus auf den Lehrstellenmarkt ausgewirkt hat

Bis zu 3.000 Euro bekamen Betrieben in Aussicht gestellt, um den Lehrstellen-Mangel in Lockdown-Zeiten zu bekämpfen. Für wen hat sich der Bonus gelohnt?

von Elisabeth Hofer, Johanna Hager

Karriere mit Lehre? In Zeiten von Pandemie und Lockdowns für viele Jugendliche im Frühjahr 2020 ein Ding der Unmöglichkeit, zumal viele Betriebe geschlossen waren. Eine Studie im Auftrag der Initiative zukunft.lehre.österreich. (z.l.ö) hatte damals coronabedingt den Wegfall von 10.000 Lehrstellen prognostiziert.

Um dieses Szenario zu verhindern, führte die türkis-grüne Regierung im Juli 2020 den Lehrlingsbonus ein: Unternehmen erhielten für neu aufgenommene Lehranfänger einmalig bis zu 3.000 Euro.

Wie prekär war die Ausgangslage Sommer 2020?

Im Sommer vergangenen Jahres sorgte die steigende Jugendarbeitslosigkeit für Besorgnis. Ende Juli verzeichnete das Arbeitsmarktservice (AMS) in diesem Bereich ein Plus von 52,4 Prozent. Es fehlten 5.483 Lehrstellen – auf 6.130 verfügbare Lehrstellen kamen 11.613 Lehrstellensuchende. Die Arbeiterkammer, die anders rechnet, sprach gar von mehr als 19.000 Lehrstellensuchenden. Im April 2020 wurden um 80 Prozent weniger Lehrverhältnisse begonnen als noch im Jahr zuvor.

An wen wurde der Lehrlingsbonus ausgezahlt?

Unternehmen, die seit dem 16. März 2020 und 31. März 2021 Lehrlinge einstellten, konnten einen Bonus (2.000 Euro) beantragen, Kleinunternehmer zusätzlich bis zu 1.000 Euro. Wie die nun vorliegende Evaluierung des Wirtschaftsministeriums zeigt, wurden fast 25.000 Lehrstellen gefördert, insgesamt 49,5 Millionen ausbezahlt.

Was hat der Lehrlingsbonus bewirkt?

Betrachtet man ganz Österreich so wurde die Lehrstellenlücke beinahe geschlossen. Bei den sofort verfügbaren Lehrstellen gibt es eine kleine Lücke von 78 Lehrstellen, rechnet man „nicht sofort verfügbare“ Lehrstellen – also jene, die zu einem späteren Zeitpunkt angetreten werden – mit, zeigt sich sogar ein Lehrstellenüberhang. Statt des befürchteten Rückgangs der Lehrverhältnisse um bis zu 30 Prozent gingen diese von Juni bis September 2020 um nur zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück (betrieblich und überbetrieblich zusammengerechnet). Zum Vergleich: Nach der Wirtschaftskrise 2008 ging das Lehrstellenangebot um 20 Prozent zurück. Österreich steht damit besser da als Deutschland. 2020 gab es dort einen Rückgang um 11,8 Prozent bei den betrieblichen Lehrstellen, in Österreich waren es 9,1 Prozent.

Welche Probleme am Lehrstellenmarkt bleiben nach Bonus und Pandemie?

Blickt man auf die Gesamtzahl der Lehrlinge über alle Lehrjahre hinweg, so ist die Entwicklung trotz Pandemie relativ stabil. Die Zahl der Lehranfänger, die in Unternehmen ausgebildet werden, ist indes rückläufig (– 4 Prozent). Die Zahl der Lehranfänger in der überbetrieblichen Ausbildung ist hingegen stark gestiegen.

Auch die regionalen Unterschiede konnten nicht vollständig ausgeglichen werden. Anders als in den anderen Bundesländern klafft in Wien immer noch eine Lehrstellenlücke. Auf rund 2.200 offene Lehrstellen kommen rund 4.000 Lehrstellensuchende. Gleichzeitig gingen 13 Prozent aller Förderungen im Rahmen des Lehrlingsbonus an Unternehmen in Wien. Der größte Anteil (21 Prozent) wurde in Oberösterreich ausbezahlt, der geringste im Burgenland (zwei Prozent).

Warum ist es für Wiener Betriebe schwieriger, Lehrstellen zu besetzen?

„Den Betrieben fehlen heuer die Umsteiger aus berufsbildenden Schulen. Aus dieser Gruppe kam in vergangenen Jahren fast ein Viertel aller Lehranfänger. Heuer verbleiben sie wegen der gelockerten Bestimmungen zum Aufsteigen mit Nicht genügend eher im Schulsystem, als die Option einer praktischen Berufsausbildung zu überlegen“, heißt es aus der Wiener Wirtschaftskammer. Auch Berufsorientierung in den Schulen und „Schnuppern“ in den Betrieben sei weggefallen.

Welche Sparten haben am meisten profitiert?

Fast die Hälfte (48 Prozent) der im Rahmen des Lehrlingsbonus ausbezahlten Förderungen entfallen auf den Bereich Gewerbe und Handwerk. Es folgen Handel (18 Prozent) und Industrie (15 Prozent). Der Banken- und Versicherungsbereich erhielt mit zwei Prozent der Förderungen den geringsten Anteil.

Waren in der Pandemie andere Lehren gefragt?

Nein. Unter den Burschen sind Metalltechnik, Elektrotechnik und Kraftfahrzeugtechnik weiterhin am beliebtesten. Bei den Mädchen sind es Einzelhandel- und Bürokauffrau sowie Friseurin bzw. Stylistin gefragt. Coronabedingt haben im Tourismus und der Freizeitwirtschaft deutlich weniger Lehrlinge begonnen (– 32,9 Prozent). Das führt zu einem starken Rückgang von Lehranfängern in Tourismusregionen wie Vorarlberg und Tirol.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.