© Montage,Florian Lechner,MedUniWien/Felicitas Matern

Porträt
02/28/2021

Was haben die Corona-Erklärer vor der Pandemie gemacht?

Heute kennen wir sie alle. Was sie sagen, ist richtungsweisend. Zwei zentrale Repräsentanten im Gespräch: Dorothee von Laer und Peter Klimek

von Elisabeth Hofer

Wer hätte gedacht, dass wir unfreiwillig so viel Neues lernen müssen …

Vokabeln wie 7-Tages-Inzidenz oder mRNA-Impfstoff sind ja noch harmlos. Aber mit einem Mal mussten wir auch die Grundlagen der Virusverbreitung, des exponentiellen Wachstums, der Mutationen und der Modellrechnung verstehen. Gut, dass es für all diese Gebiete Experten gibt, die immer wieder versuchen, die komplexen Zusammenhänge verständlich zu machen.

Personen, die bisher zwar fachintern einen hervorragenden Ruf genossen, in der Öffentlichkeit aber kaum bekannt waren, sind heute die gefragtesten Experten und Interviewpartner Österreichs, wenn es um das Coronavirus geht. Aber wie sind genau diese Persönlichkeiten zu den „Corona-Erklärern“ des Landes geworden? Was haben sie vor der Pandemie gemacht? Und wie hat das Virus auch ihren Arbeitsalltag verändert?

Der KURIER hat mit Virologin Dorothee von Laer und Komplexitätsforscher Peter Klimek über diese Fragen gesprochen und dabei erfahren, dass Wahlbetrug, Quantenphysik und Norddeutschland mehr mit dem Coronavirus zu tun haben, als wir bisher dachten.

"Ich habe mein Herz an die Virologie verloren"

Eigentlich hatte sich Dorothee von Laer nach 35 Jahren Beschäftigung mit Viren bereits in die Altersteilzeit zurückgezogen. Sie hatte ein Reitzentrum in Wulkaprodersdorf im nördlichen Burgenland gekauft, das virologische Institut der Universität Innsbruck, dem sie vorsteht, lief gut, sie musste nur noch beratend eingreifen.

Dann kam der März 2020 – und mit dem ruhigen Lebensabend zu Pferd war es vorerst einmal vorbei. Von Laer wurde in Innsbruck gebraucht, Monate später sollte sie sich mit ihrer Empfehlung, Tirol aufgrund der Virusmutationen vom Rest Österreichs abzuschotten, viele Feinde machen.

Dabei hatte sich die heute 62-Jährige Tirol einst als Wahlheimat ausgesucht. Die aus Hamburg stammende Wissenschafterin hatte eine Professur für angewandte Virologie und Gentherapie in Frankfurt inne, als sie 2010 der Ruf aus Innsbruck ereilte. „Ich fand Innsbruck durchaus von der Umgebung und der Universität her attraktiv, auch von Österreich war ich immer schon Fan“, erzählt sie über ihre Beweggründe für diese Entscheidung.

Und „Österreich-Fan“ ist von Laer trotz der Aufregung seit der Tirol-Causa immer noch: „Ich möchte mich auf jeden Fall einbürgern lassen, wenn die gesetzliche Frist dafür um ist“, erzählt sie. Immerhin: Der Alterssitz befindet sich im Burgenland, nicht in Tirol.

Doch zurück zum Beginn ihrer Karriere: „Ursprünglich wollte ich Psychiaterin werden“, sagt von Laer. „Ich war aber immer auch sehr interessiert an Biochemie und Molekularbiologie. Im Laufe des Studiums habe ich mich dann immer mehr mit Molekularbiologie beschäftigt und hab dann eine virologische Doktorarbeit geschrieben. Da habe ich dann mein Herz an die Virologie verloren“, erzählt sie.

Erfolgreicher Verkauf

Das verlorene Herz zog zwei Schwerpunkte nach sich: Zum einen widmet sich von Laer in ihrer Forschung der Krebstherapie. Sie entwickelte mit ihrem Team etwa onkolytische Viren, also Viren, die Krebszellen zerstören können. „Außerdem haben wir etwa einen therapeutischen Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs entwickelt“, berichtet sie.

Zum anderen widmete von Laer ihre Arbeit vor Corona auch dem Kampf gegen HIV. Schon zwischen 2000 und 2010 hatte sie mit ihrem Team eine Gentherapie gegen die HIV-Infektion entwickelt.

Doch von Laer ist nicht nur Medizinerin, sondern auch Geschäftsfrau: „Ich habe zwei Start-ups gegründet, denn wenn man etwas entwickelt hat an der Uni, was auch einen Anwendungsnutzen hat, dann reichen die finanziellen Mittel an einer Universität oft nicht aus, um es von den klinischen Studien bis zur Zulassung zu bringen“, erzählt sie.

Eines dieser Start-ups – „ViraTherapeutics“ – wurde 2018 vom Chemie-Konzern Boehringer Ingelheim übernommen, der Verkauf galt damals als Biotech-Deal des Jahres. „Dass man durch so etwas zu etwas Geld kommen und sich eine Reitanlage kaufen kann, ist ein schöner Nebeneffekt“, sagt von Laer, die in diesem Jahr allerdings erst sechsmal auf dem Pferd gesessen ist.

Bis sie sich wieder dem Reiten widmen kann, dürfte es noch etwas dauern, denn die Pandemie wird so schnell nicht vorbei sein. „Derzeit erlebe ich eine Mischung aus unglaublicher Neugierde und habe das Gefühl, alles genau verstehen zu wollen, was da passiert“, sagt sie. Gleichzeitig sei da aber die große Sorge, „dass wir durch die neuen Varianten das Ganze irgendwann nicht mehr im Griff haben. Ich kann nur hoffen, dass man im Sommer wieder durchatmen kann und dass wir im Herbst so weit sind, alle mit einem angepassten Impfstoff auffrischen zu können“, sagt sie.

Selbst an Corona zu erkranken macht ihr hingegen weniger Sorgen: „Ich bin ja Norddeutsche, ich bin immer gerne ein bisschen auf Abstand, will mich nicht überall gleich reinkuscheln, wenn es nicht sein muss und werfe mich nicht so gerne in Menschenansammlungen“, sagt sie fröhlich. „Das ist vielleicht eine gute Sicherheit gegen das Virus. Und meine Maske trage ich immer, das merke ich gar nicht mehr.“

Die heute 62-Jährige stammt aus Hamburg, wo sie Medizin studierte. 1987 promovierte sie am Institut für Biochemie. Ihre Arbeit führte von Laer von Hamburg nach Freiburg und Frankfurt und schließlich nach Innsbruck, wo sie nun die  Sektion für Virologie  leitet. Sie ist Mitglied in zahlreichen Fachgesellschaften sowie Inhaberin diverser Patentfamilien. Von Laer ist verwitwet und Mutter dreier Töchter

"Wir sind halt Datenmenschen"

Zahlen, Daten, Formeln, Tabellendokumente, die weitere Tabellen enthalten, die wiederum gefüllt sind mit Zahlen, Daten, Formeln und Tabellendokumenten, die ... Der Kreis ist endlos. Schon beim Gedanken daran beginnt bei den meisten Menschen der Kopf zu rauchen, das Gehirn sagt „Overload Error“.

Nicht so bei Peter Klimek. Wo andere längst ausgestiegen sind, ist der 38-Jährige zu Hause: in einem undurchschaubaren Gewirr riesiger Datenmengen, genannt „Big Data“.

Und weil Klimek es wie nur ganz Wenige in Österreich versteht, aus all den Daten, die uns die Corona-Krise beschert, Schlüsse zu ziehen und Prognosen zu errechnen, ist der Komplexitätsforscher in den vergangenen zwölf Monaten regelmäßig Gast in den Nachrichtensendungen des Landes geworden. Fast täglich rufen ihn Journalisten an, und Klimek versucht geduldig, hochkomplexe mathematische Zusammenhänge für Laien verständlich zu machen.

Aber wie kam es eigentlich dazu, dass der Wissenschafter heute einer der gefragtesten „Corona-Erklärer“ Österreichs ist?

„Eigentlich habe ich ja Physik studiert und meine Diplomarbeit über Quanteninformation geschrieben“, erzählt Klimek im Gespräch mit dem KURIER. „Mir war aber dann schnell klar, dass Quantenphysik ein relativ kleines Gebiet ist und ich mit einem breiteren Zugang an die Forschung herangehen wollte. Ungefähr zu der Zeit hat dann gerade Big Data in Österreich begonnen, da hat man gemerkt, es brodelt gerade etwas hoch.“

Das war Mitte der Nullerjahre. „Mir war dann lange nicht klar, ob ich überhaupt in der Forschung bleiben wollte“, sagt Klimek. Er ging nach Deutschland, wechselte in die Privatwirtschaft und nahm Risikobewertungen für größere Unternehmen vor. „Schlussendlich hat bei mir dann aber doch die Forschung gewonnen, obwohl man da weniger verdient. Aber ich wollte mich Themen widmen, die mich wirklich interessieren. Außerdem hat man in der Forschung eine bessere Work-Life-Balance“, sagt der zweifache Vater. Dann muss er lachen: Work-Life-Balance – das war vor Corona. Heute arbeitet er etwa 60 Stunden pro Woche.

Scheitern gewohnt

Die Publicity, die mit dem Coronavirus kam, hat für den Wissenschafter und sein Team am Complexity Science Hub freilich auch Vorteile. Für frühere Forschungsprojekte musste Klimek, wie die meisten Wissenschafter, oft lange um Fördergelder ansuchen. „Das ist Teil des Jobs“, erzählt er gelassen. „Die meiste Zeit verbringt man damit, Anträge zu schreiben. Und meistens scheitert man.“

Dabei ist die Bedeutung von Big Data in Österreich seit den Nullerjahren massiv gestiegen. „Am Anfang hatten wir zu zweit ein Kammerl am Institut für komplexe Wissenschaft an der MedUni. Dazu kamen eine administrative Kraft und zwei Studenten“, erzählt Klimek.

Heute hat er sein Büro am Complexity Science Hub in der Wiener Josefstadt. Der Hub ist ein gemeinnütziger Verein, der unter anderen die Medizinische Universität als Partner hat. Insgesamt arbeiten dort 50 bis 60 Mitarbeiter, nicht alle davon Vollzeit. Im Büro, das sich mehrere Wissenschafter teilen, stehen eine Menge Tafeln, auf denen in verschiedenen Farben Zahlen und Formeln gekritzelt sind, bei denen sich das Laiengehirn, wie erwähnt, schnell in den Ruhezustand verabschiedet. „Wir sind halt Datenmenschen“ sagt Klimek lachend.

Zwar waren Gesundheitsdaten schon vor der Pandemie ein wichtiger Teil seiner Arbeit, doch er und sein Team verfolgen auch ganz andere Projekte. So haben sie ein Modell entwickelt, mit dem sich anhand von Wahlergebnissen die Wahrscheinlichkeit für einen möglichen Wahlbetrug errechnen lässt. „Das Modell haben wir zum Beispiel mit Daten aus Russland gefüttert, aber auch beim türkischen Verfassungsreferendum haben wir zeigen können, dass sich das Ergebnis gedreht hätte, wenn man die Auffälligkeiten herausrechnet“, sagt Klimek. Dieses Projekt habe bisher für die meiste mediale Aufmerksamkeit gesorgt – „also, vor Corona“.

Peter Klimek ist außerordentlicher Professor  an der Medizinischen Universität Wien und Fakultätsmitglied des Complexity Science Hub Wien. 
Klimek, geboren 1982, promovierte 2010 zum Doktor der Physik und habilitierte sich 2018  in Computerwissenschaften. Er ist Autor oder Co-Autor von mehr als 60 Publikationen. Seine Schwerpunkte sind Modelle, Prognosen und komplexe Systeme

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