Politik | Inland
31.07.2018

Warum wir auf Fremde angewiesen sind

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck will Ältere und Frauen stärken, in der Praxis setzt man aber auch auf Zuwanderer.

Stolz ist man auf Arnold Schwarzenegger – ein Steirer, der in die USA ausgewandert ist, dann Filmstar und Gouverneur von Kalifornien wurde, erinnert Neos-Wirtschaftssprecher Sepp Schellhorn. „Aber umgekehrt gestehen wir Fremden nicht zu, in Österreich Karriere zu machen.“

Wer als Ausländer in Österreich arbeiten will, steht vor bürokratischen Hürden: Die Rot-Weiß-Rot-Karte bezeichnet Schellhorn, selbst Unternehmer, als „Rohrkrepierer“; und Asylwerber, die eine Lehre in einem Mangelberuf machen, würden abgeschoben.

Braucht Österreich Zuwanderer? Der Arbeitsmarkt hat sich ja erholt: Seit März 2017 sinken die Arbeitslosenzahlen kontinuierlich, die Quote lag im Juni bei 6,8 Prozent. 79.114 Stellen sind offen, alleine in der Lehre sind rund 16.000 Stellen unbesetzt. Händeringend gesucht werden Fachkräfte (siehe Grafik). Und laut Wirtschaftsbarometer ist es für 59 Prozent der Unternehmen in Österreich ein Problem, welche zu finden.

ÖVP: Zuwanderung tabu

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck will das Problem lösen, indem die Lehre modernisiert und durch Matura aufgefettet wird; zudem will man neue Zielgruppen erschließen – etwa Ältere und Frauen, erklärte sie im KURIER-Interview.

Einen anderen Ansatz klammert die ÖVP-Ministerin aus: Zuwanderung. Laut Experten braucht Österreich jährlich um die 50.000 Ausländer, um den Bedarf am Arbeitsmarkt zu decken. Auch in der Praxis – Wirtschaft, Industrie und Tourismus – ist großteils unbestritten, dass es qualifizierte Kräfte von auswärts braucht. Die Spitze der Wirtschaftskammer will sich auf KURIER-Anfrage dazu nicht äußern. Stattdessen lobt man die bekannten Vorschläge der Ministerin, verweist auf das Regierungsprogramm und auf Gespräche zum Arbeitsmarkt im Herbst.

Zuwanderung ist ein Thema, das – positiv konnotiert – nicht in die Agenda der ÖVP-FPÖ-Regierung passen dürfte. „Die Regierung weiß, dass wir einen Fachkräftemangel haben, aber aus rein populistischen Gründen setzt sie auf Abschottung statt auf Haltung,“ sagt der Oppositionelle Schellhorn.

Neos-Vize: Hürden senken

949 Asylwerber machen derzeit eine Lehre. Rund 40 Prozent müssen statistisch gesehen mit einem Negativbescheid rechnen. Wirtschaftsministerin Schramböck pocht darauf, dass eine Lehre „keine Hintertür für Asyl“ sein dürfe.

Der Neos-Vize ist jetzt in Gesprächen mit dem oö. Grünen Landesrat Rudi Anschober, der bereits eine Plattform zum Thema eingerichtet hat (ausbildung-statt-abschiebung.at). Als Vorschlag liegt das „3 plus 2“-Modell aus Deutschland am Tisch. Demnach dürfen Asylwerber die Lehre beenden und dann noch zwei Jahre in dem Beruf arbeiten, bevor im Asylverfahren entschieden wird.

Erleichtert werden solle auch der Zugang zur Rot-Weiß-Rot-Karte. Schellhorn schlägt vor, die Einkommensgrenzen bei Schlüsselarbeitskräften zu senken (bei unter 30-Jährigen 2565 € brutto/Monat; über 30-Jährigen 3078 €), dann könnten auch Lehrlinge in eine „Light-Version“ fallen. 2011 wurde die RWR-Karte eingeführt, um Fachkräfte ins Land zu holen – als Ziel setzte man 8000, aktuell sind es 2762.

Tourismus: Tourismus braucht „Kräfte von außen“

Rund 5,8 Millionen Urlauberankünfte hat Tirol im Sommer 2017 verbucht. Damit ist das Bundesland im Österreichvergleich der absolute Spitzenreiter. Und in der heurigen Saison zeichnet sich, wie bereits in den Vorjahren, erneut ein  Zuwachs ab. Woran es jedoch fehlt, sind genug Fachkräfte, die sich in Hotellerie und Gastronomie um die vielen Gäste kümmern können. „Derzeit gibt es im Tourismus 1714 offene Stellen“, sagt Tirols AMS-Chef Anton Kern.


Am größten ist der Mangel bei den Fachkräften. So suchen die Tiroler Betriebe derzeit nach 486 Köchen und 511 Kellnern. Und das mitten in der Hochsaison. Der Großteil jener, die bereits einen Job angenommen haben, kommt aus dem Ausland. Von rund 38.000 Tourismuskräften haben lediglich 17.000 einen österreichischen Pass (Stand 1. Juli). Der Rest kommt aus anderen EU-Staaten (16.000 ) – vor allem Ungarn, Deutschland und der Slowakei – sowie aus Drittstaaten (5.000).


„Der Tourismus braucht ausländische Kräfte und er zieht sie auch stark an“, sagt Kern. Sommer wie Winter sind weniger als die Hälfte der Beschäftigten Einheimische. Die sollen nun zwar in Tirol stärker angesprochen werden. Für den Herbst ist etwa eine große Imagekampagne geplant. „Aber wir brauchen auch in Zukunft Mitarbeiter von außen“, sagt Mario Gerber, Tourismussprecher der Tiroler Wirtschaftskammer.  


Den Fachkräftemangel sieht er zwar nicht als reines Tourismusproblem. Für Gerber ist es aber unverständlich, dass „man Lehrlinge abschiebt“, die für die Branche ausgebildet werden. Auch die Arbeitsmarktöffnung für Kroaten hätte er sich früher gewünscht. „Das sind gut ausgebildete und fleißige Leute.“ 

 

Pflege:  „Positive Erfahrung und Qualifizierung“

Ein Bereich, in dem ausländische Fachkräfte in Österreich eine große Rolle spielen, ist die Altenbetreuung und Pflege. Das bestätigen zwei große Anbieter im größten Bundesland – in Niederösterreich gelten rund 100.000 Personen als pflegebedürftig. In der 24-Stunden-Pflege sind fast ausschließlich ausländische Arbeitskräfte tätig. Die Volkshilfe NÖ etwa bietet dieses Service in Kooperation  mit der 24-Stunden-Personenbetreuung GmbH an, dort kommen 100 Prozent  der Betreuungskräfte aus der Slowakei. In der mobilen Pflege beschäftigt die Organisation („Service Mensch GmbH“) 1054 Personen. 133 von ihnen haben keine österreichische Staatsbürgerschaft.


Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Hilfswerk in NÖ. Von rund 3200 angestellten Mitarbeitern stammen etwa 11 Prozent aus 40 anderen Nationen wie Rumänien, Deutschland, der Slowakei, der Tschechischen Republik und Ungarn. „Gerade in den Regionen rund um die Staatsgrenze sind ausländische Bewerber gängig und beim Hilfswerk herzlich willkommen“, sagt Geschäftsführer Christoph Gleirscher. „Unsere Erfahrung mit Personal aus dem Ausland sind positiv – diese haben eine qualifizierte Ausbildung.“  Um Personal zu gewinnen und außerdem entsprechende Deutschkenntnisse bei den Bewerbern sicherzustellen, arbeitet das Hilfswerk auch mit Krankenpflegeschulen im Ausland zusammen und bietet Praktika an.


Eher weg von der Arbeitsmigration will Volkshilfe-Geschäftsführer Gregor Tomschizek, gleichzeitig Präsident der European Federation of Social Employers, deren Ziel es auch ist, die Pflegekompetenz im eigenen Land zu belassen.

 

Bau: Qualität leidet unter Fachkräftemangel

 

„In einer Hochkonjunktur herrscht immer Fachkräftemangel“, sagt Josef Muchitsch, Vorsitzender der Gewerkschaft Bau-Holz. Deshalb brauche man aber keine weiteren ausländischen Fachkräfte, erklärt der SPÖ-Sozialsprecher im Parlament.


Vielmehr sollte älteren Arbeitern noch einmal eine Chance gegeben und – vorausschauend speziell auch in Zeiten niedriger Konjunktur – in die Lehrlingsausbildung investiert  werden, so Muchitsch. Und schließlich sollte die öffentliche Hand nicht drängende Aufträge vom Sommer weg in andere Jahreszeiten verschieben, um die Branche zu entlasten.  


Die Konsequenzen des Mangels treffen laut Muchitsch sowohl Arbeiter als auch Auftraggeber, denn die Baufirmen würden auch dann keinen Auftrag ablehnen, wenn sie eigentlich keine Kapazitäten mehr frei haben. Das führe einerseits zu längeren Arbeitszeiten und Urlaubssperren, andererseits zu verzögerten und mängelbehafteten Ausführungen. Der Grund: Die Baufirmen würden „überall mit Baustellen beginnen, um die Kunden vordergründig zu befriedigen.“


Stand Juni waren in Österreich 275.327 Menschen am Bau beschäftigt, das sind um drei Prozent mehr als im Vorjahr. Mehr als 70 Prozent von ihnen, exakt 194.136, besitzen die österreichische Staatsbürgerschaft. Danach stammen die größten Kontingente aus dem EU-Ausland, genauer gesagt aus Polen, Ungarn und Rumänien, wobei selbst die Polen als größte Gruppe mit 3,7 Prozent nicht die kritische Masse ausmachen. Das größte Kontingent aus einem Nicht-EU-Land sind Bauarbeiter mit türkischer Staatsangehörigkeit; sie machen mit 6561 Menschen 2,4 Prozent der Beschäftigten aus.