Politik | Inland
09.11.2017

Warum die FPÖ jetzt ein Edelweiß trägt

Statt der immer wieder heiß diskutierten Kornblume trug die FPÖ diesmal bei der Angelobung im Parlament ein Edelweiß am Revers. Offenbar, um Provokationen zu vermeiden. Die Symbolik der Pflanze selbst ist kaum einzuordnen.

Die Parlamentsfraktionen traten heute mit verschiedenstem Schmuck die neue Legislaturperiode an. Die ÖVP trug nicht die traditionelle weiße Rose, sondern machte mit einem Button Werbung für die neue Parteifarbe Türkis und den Hashtag oevpklub. Stachelig zeigten sich die Neos nicht nur bei ihrer Ablehnung von Elisabeth Köstinger ( ÖVP) als Nationalratspräsidentin, sie stellten Kakteen mit pinker Blüte auf ihre Pulte. Während die Liste Pilz nicht nur ohne Gründer Peter Pilz, sondern auch ohne Pilzschmuck auftrat, trugen zwei Fraktionen doch einen pflanzlichen Schmuck am Revers.

Die SPÖ kehrte wieder zur roten Nelke zurück, nachdem man vor vier Jahren noch eine rote Rose angesteckt hatte. Die FPÖ-Mandatare verzichteten diesmal bei der Angelobung auf die umstrittene Kornblume, die als Zeichen illegaler Nazis in der Zwischenkriegszeit immer wieder Anlass für Kritik geboten hatte. Heute trugen die Blauen ein Edelweiß mit rot-weiß-roter Schleife. Die Alpenblume stehe für "Mut, Tapferkeit und Liebe", sagte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache am Mittwoch. Aber hat das Edelweiß auch eine politische Bedeutung?

Edelweiß "viel zu breit gestreut"

Im Gegensatz zur Kornblume, die nur eine, eindeutig punzierte Verwendung habe, sei die Verwendung des Edelweiß' "viel zu breit gestreut" und habe "keine eindeutige politische Färbung", sagt Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes gegenüber dem KURIER.

Er mutmaßt, dass die Blume von der FPÖ heute getragen werde, weil es aufgrund der laufenden Regierungsverhandlungen "politisch opportun" sei. Die blaue Kornblume wäre "zumindest heuer für die FPÖ nicht tragbar und eine Provokation gegenüber der ÖVP", sagt Peham. Es gehe dabei nur darum, dass es keine Kornblume ist. Diese werde seit den 1990er-Jahren immer wieder von den Freiheitlichen bei Angelobungen getragen, zu Zeiten der Regierungsbeteiligung unter Schwarz-Blau allerdings nicht.

Das Edelweiß im Alpenverein

Die tradionsreichste Verwendung findet das Edelweiß als Vereinsabzeichen des 1862 gegründeten Österreichischen Alpenvereins. In der Ersten Republik und zur Zeit des Nationalsozialismus geriet der bürgerlich-liberale Verein zwischenzeitlich in problematische Fahrwasser, heute betrachtet sich der 1945 wiedergegründete Verein als unpolitisch und überkonfessionell. Im Gegensatz zum bekennend sozialdemokratischen Verein der Naturfreunde wird der Alpenverein dem bürgerlichen Lager zugerechnet.

Militärische Verwendung

Wie der Flaggen- und Wappenexperte Peter Diem im Wissensportal Austria-Forum beschreibt, war das Edelweiß auch Erkennungszeichen verschiedener Truppenverbände. In der Habsburger-Monarchie etwa als Abzeichen der Tiroler Landesschützen, einer Gebirgstruppe der k. k. Landwehr. Das Edelweiß des Alpenvereins war auch das Erkennungszeichen der Angehörigen des deutschen Freikorps "Oberland", welches in der Weimarer Republik gegründet wurde. Es habe das Blumensymbol vom Deutschen Alpenkorps des Ersten Weltkrieges übernommen. Hier spricht Diem von einer gewissen Nachbarschaft zum Hakenkreuz, das vor der Machtübernahme Hitlers die Stahlhelme der Angehörigen anderer deutscher Freikorps zierte.

Wie im Buch "Blutiges Edelweiß" von Hermann Frank Meyer beschrieben wird, war das Edelweiß auch Erkennungszeichen der 1. Gebirgs-Division der Wehrmacht. Es handelt sich um eine Elitetruppe, die auch "Edelweiß-Division" und von Adolf Hitler als "seine Garde-Division" bezeichnet wurde. Sie war an Kriegsverbrechen wie dem Massaker auf der griechischen Insel Kefalonia 1943 beteiligt.

Heute wird das Edelweiß in den Jägerbrigaden des österreichischen Bundesheeres in zahlreichen Truppenkörperabzeichen geführt, ist bei Diem zu lesen.

Auch bei Antifaschisten und auf dem Schilling

Das Edelweiß war aber auch Erkennungszeichen und Organisationsblume der hauptsächlich kommunistisch geprägten "Edelweißpiraten" in Nazi-Deutschland. Diese Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime bestanden zwischen 1939 und 1945 aus Jugendlichen und Wehrmachtsdeserteuren.

Das unter Naturschutz stehende Alpen-Edelweiß (Leontopodium nivale) zierte in der Zweiten Republik als Symbol der Alpenrepublik die Ein-Schilling-Münze, auch auf der aktuellen 2-Cent-Münze ist es zu finden. In Italien ist die Pflanze das Parteizeichen der christdemokratischen Südtiroler Volkspartei (SVP).

Mythos der Alpen

Als alpenländischer Mythos ist das Edelweiß tief verankert. Bekannt ist der Brauch, dass junge, verwegene Männer die Mühe und das Risiko auf sich nehmen, in unwegsamsten Gebirgsregionen zu klettern, um ein Edelweiß für ihre Liebste zu pflücken. Von dieser - nicht zuletzt im Heimatfilm propagierten - Vorstellung von Tapferkeit und Liebe ging wohl auch die Assoziation von FPÖ-Chef Strache aus, um ein möglichst unverfängliches Symbol für die konstituierende Parlamentssitzung zu finden.

Heimatliebe gegen die Nazis

In die Popkultur ging der "Löwenfuß" neben der Pflückszene in "Sissi - die Junge Kaiserin" vor allem durch die US-Musicalverfilmung "Sound of Music" von 1965 ein. Der weltweit ungemein erfolgreiche Hollywood-Film wird hierzulande selten gezeigt. Was vielen Österreichern daher nicht bekannt sein dürfte: Der immer wieder kehrende Song "Edelweiss" bekommt in der Schlussszene eine ganz spezielle Bedeutung.

Im Salzburg von 1938 singt Kapitän von Trapp das Lied bei einem Chorwettbewerb. Einerseits, um codiert seine heimliche Heimatliebe zu Österreich zu zeigen. Andererseits, um die anwesende Nazi-Prominenz zu düpieren. Denn während die Jury anschließend die Sieger des Wettbewerbs kürt, gelingt der Familie Trapp die Flucht über die Berge.

Fünf Mandatare wählten christlichen Gelöbnis-Zusatz