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03.10.2017

So stürzte Silberstein die SPÖ ins Wahl-Desaster

Trotz Warnungen hielt Christian Kern bis zuletzt an Tal Silberstein als "Instanz" im Wahlkampf fest. Laut Silberstein war Kern nicht eingeweiht. Das Protokoll einer Talfahrt.

In der Wiener Löwelstraße begann der Montag, wie konnte es anders sein, mit einer Krisensitzung: Christoph Matznetter lud hochrangige Vertreter der Partei in die SPÖ-Zentrale, um sie auf den aktuellen Stand in der Causa Silberstein zu bringen.

Wobei: "Stand" traf die Sachlage nicht so ganz.

Denn eigentlich gab es keinen "Stand" zu referieren, Matznetter wusste noch wenig. Vielmehr referierte der seit einem Tag amtierende Bundesgeschäftsführer der SPÖ, was er in der "Causa Silberstein" zu tun gedenke.

Mit der Causa Silberstein ist die bislang schwerste Wahlkampf-Panne der SPÖ gemeint – also der Umstand, dass SPÖ-Berater Tal Silberstein untergriffige Facebook-Seiten hat betreiben lassen, von denen sich die Partei bis zuletzt mit Vehemenz distanziert hat. Die ÖVP drängte in Person ihrer Generalsekretärin Elisabeth Köstinger auf eine Entschuldigung des Kanzlers. Die gab es so nicht. Dafür hatte aber Wahlkampf-Leiter Georg Niedermühlbichler schon am Samstag gehen müssen – und das gezählte 15 Tage vor dem Wahltag.

Doch zurück zu Matznetter und seinem Referat vor den Partei-Granden.

Derzeit sieht es für Christian Kern und seine SPÖ so aus: Der auf Betreiben des Kanzlers engagierte Stratege Silberstein hat ohne Wissen der Löwelstraße eine Prätorianer-Garde engagiert, die in einem Büro in Wien-Josefstadt mit zumindest zwei, zum Teil anti-semitischen und rassistischen Facebook-Seiten (Die Wahrheit über Sebastian Kurz, Wir für Sebastian Kurz) Stimmung gegen den Spitzenkandidaten der ÖVP gemacht hat.

Laut Silberstein war Kern nicht eingeweiht

Dem nicht genug, soll das von Silberstein geführte Prätorianer-Team, in dem unter anderem der frühere ÖVP-Pressesprecher und Neos-Berater Peter Puller aktiv war, auch nach Silbersteins Kündigung durch die SPÖ am 14. August aktiv geblieben sein - und zwar ohne Wissen und Zutun der SPÖ. „Der Kanzler hatte nicht einmal das entfernteste Wissen oder die entfernteste Information darüber“, ließ Silberstein am Dienstag via News wissen.

Aber kann das tatsächlich sein?

Ist es denkbar, dass ein von der SPÖ engagierter Stratege ohne Wissen der Partei oder des Parteichefs Wahlkampf macht?

Eine Kampagne in der Kampagne

KURIER-Recherchen haben ergeben, dass zwei Dinge mittlerweile als Faktum gelten dürfen. Erstens: Silberstein hat innerhalb des SPÖ-Wahlkampfes tatsächlich einen eigenen Wahlkampf aufgezogen.

Zweitens: Bis auf einen Daten-Experten der Parteizentrale (es handelt sich um jenen Mitarbeiter, der nach einem schweren Unfall im Krankenstand ist), hatte in der SPÖ-Zentrale niemand von Relevanz Kontakt zum Team Silberstein. Abgesehen davon, dass die "Parallel-Struktur" (© Matznetter) viel über die Professionalität und Übersicht der Wahlkampf-Leitung der Roten erzählt, führte die Doppel-Gleisigkeit zu nachgerade bizarren Situationen.

"Wir haben noch im Juli Mitarbeiter in der Partei damit beauftragt herauszufinden, wer hinter den Internet-Seiten Wir für Sebastian Kurz und Die Wahrheit über Sebastian Kurz steckt", sagt ein Partei-Stratege zum KURIER.

Mit anderen Worten: Bezahlte Mitarbeiter der SPÖ haben versucht herauszufinden, was der ebenfalls von der SPÖ bezahlte Mitarbeiter Tal Silberstein so tut.

Klingt absurd? Ist es auch.

Ein handfestes Indiz dafür, dass die Doppel-Struktur tatsächlich unbeachtet von der Kampagnen-Leitung agierte, ist der Abgang von Wahlkampf-Managers Stefan Sengl im Juli.

Mehrere Zeuge bestätigen dem KURIER, dass Silberstein strategische Entscheidungen ohne Absprache mit Sengl traf und "Mitarbeiter des Wahlkampfteams gegeneinander ausspielte".

Sengls Abgang

"Die Unberechenbarkeit von Silberstein war einer der wesentlichen Gründe, warum Sengl im Juli von Bord gegangen ist", sagt ein SPÖ-Stratege. "Er wollte nicht die Verantwortung für einen Wahlkampf übernehmen, in dem er nicht weiß, was genau Herr Silberstein so treibt."

Einige Wochen später, Sengl war mittlerweile längst nicht mehr Teil der Kampagne, sollten die Skeptiker Recht bekommen: Mitte August wurde Silberstein in Tel Aviv vorübergehend verhaftet bzw. festgehalten, weil er in mehreren Ländern in verschiedene Korruptionscausen verwickelt sein soll.

Die SPÖ reagierte, indem sie per 14. August den Rahmen-Vertrag mit ihm nun einseitig kündigte.

An dieser Stelle wird die Affäre um noch eine Drehung spannender: Denn obwohl die roten Kampagnen-Führung Silberstein Mitte August den Geld-Hahn abgedreht hat, blieben die Seiten bis vergangenen Freitag, also mehr als eineinhalb Monate nach der Kündigung aktiv. Klar: Ein sofortiges Aus hätte Argwohn verursacht und einen direkten Zusammenhang zu Silberstein dokumentiert.

Aber laut SPÖ-interner Darstellung verschärfte sich ab 14. August der Ton auf den Seiten sogar noch ein wenig.

Wer hat’s bezahlt?

Matznetter und seine Task Force, die die Affäre Silberstein aufklären soll, wollen genau diese Frage beantworten: Wer bezahlte die Gage des Teams Silberstein ab 14. August? Und wie kommt es, dass Medien darüber Bescheid wussten, dass Silberstein und damit die SPÖ hinter den Seiten stehen?

Zu diesem Fragen-Komplex gibt es – noch – kein gesichertes Wissen. Auch die Chance, über Facebook zu erfahren, wer genau die Anti-Kurz-Seiten betrieben hat, ist verhältnismäßig gering.

Eine der Schlüssel-Figuren ist jedenfalls Peter Puller. Der frühere Pressesprecher von ÖVP-Ministerin Beatrix Karl hat als strategischer Berater auch für die Neos gearbeitet und war federführend im Team Silberstein.

Die Arbeitshypothese, mit der die rote Task Force derzeit arbeitet, ist folgende: Nach der überraschenden Kündigung des Silberstein-Vertrags machten sich einige seiner Söldner auf die Suche, um ihr SPÖ-Insiderwissen zu Geld zu machen.

Dem KURIER wurde in der SPÖ bestätigt, dass eine "Anna J." nach der Kündigung in der Partei durchklingen ließ, dass ihr an einem weiteren Einkommen gelegen sei – ohne Erfolg.

Der frühere ÖVP- und Neos-Mann Puller hat bereits im Juni nachweislich die Nähe seiner früheren Arbeitgeber. Ein im Dezember 2015 bekannt gemachtes Konkursverfahren gäbe ihm zudem ein Motiv, sein Wissen zu Geld zu machen. Dem widerspricht der Betroffene. Ihm aus dem Konkursverfahren ein Motiv zu machen, sei hart, so Puller zum KURIER.

Mehr will der Steirer vorerst nicht sagen. Pullers indirekter Arbeitgeber Christian Kern wurde schon im Juni von Mitarbeitern gewarnt, sich Silberstein ins Kampagnen-Team zu holen. Kerns Antwort war stets die selbe: Für ihn sei Silberstein die Instanz.