Jugend 2017: Selbstdarstellung, Abstiegsangst und die große Verunsicherung

Soziale Netzwerke sind im Alltag junger Menschen unverzichtbar © Bild: Getty Images/Geber86/iStockphoto

Interview: Jugendforscher Philipp Ikrath hält nichts davon, junge Menschen nach Generationen mit dem Namen X, Y, Z einzuteilen. Ein Gespräch darüber, wie die Jugend heute tickt.

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KURIER: Herr Ikrath, was bewegt die jungen Leute heute? Ihr wichtigster Bezugspunkt ist der eigene soziale Nahbereich: Freundeskreis, Familie und im weiteren Sinne das eigene Fortkommen. Wir sehen, dass die jungen Leute heute stärker als früher auf die Gruppe der ihresgleichen fixiert sind. Sie sind sehr stark in ihrem sozialen Milieu eingeschlossen, außerhalb gibt es wenig, das sie interessiert.

Jugendgruppen wie Punks, Raver, Alternative, Metaler oder Emos gibt es ja kaum noch. Dieses Szeneleben der 80er- und 90er-Jahre ist ziemlich vorbei. Das drückt sich stark auf einer ästhetischen Ebene aus, aber grade die oberflächlichen Unterschiede sind viel weniger stark ausgeprägt.

Worauf führen Sie zurück, dass es optisch nur noch wenig Abgrenzung bei den Jungen gibt? Das hängt damit zusammen, dass sich die Leute heute schwer tun, sich zu etwas zu bekennen. Das Bekenntnis zu einer Jugendkultur ist ja nicht nur ein Fashion-Bekenntnis, sondern bedeutet auch, sich zu einer Wertehaltung zu bekennen. Davor gibt es heute eine Scheu. Die Jugendlichen sind verängstigt und wollen eher mitschwimmen, als selbstbewusst eigene Wege gehen.

Woran merken Sie das? Der Jugendgeneration heute fehlt der Optimismus voran gegangener Generationen. Sowohl in Bezug auf die Jugendkulturen, die früher etwas verändern wollten – und auch daran geglaubt haben, dass sie dazu fähig sind – als auch auf die Frage nach dem sozialen Aufstieg.

Ist der für die Jungen überhaupt noch möglich? Früher haben die Leute an einen sozialen Aufstieg geglaubt, heute nicht mehr. Es gibt da die Metapher der Rolltreppen-Gesellschaft. Sie besagt, dass sich der Mensch aktuell in der Situation befindet, wo er nicht mehr auf einer Rolltreppe nach oben befördert wird und sich sein Leben verbessern kann, sondern gegen eine nach unten fahrende Rolltreppe anrennt und auf der Stelle bleibt. Wenn es um Statuserhalt geht, kann man sich keine ästhetische und weltanschaulichen Extravaganzen leisten.

Was bedeutet für junge Leute heute Glück und Erfolg? Glück und Erfolg hängen mit der Selbstverwirklichung im privaten und beruflichen Leben zusammen. Es gibt eine sehr starke Orientierung auf das eigene Leben und dass man es zu etwas bringt.

Das klingt so, als wären die jungen Leute sehr egoistisch. Durchaus, man könnte auch sagen, sie sind narzisstisch. Der Narzisst ist in seinem Wesen ja sehr verunsichert und auf ständige Bestätigung von außen angewiesen. Die Jungen sind einem ständigen Konkurrenzdruck ausgesetzt. Und wer Angst hat, schaut auf sich selbst. Uneigennützig zu sein muss man sich leisten können.

Und wovor haben die jungen Leute Angst? Den eigenen Status oder den der Familie nicht mehr halten zu können. Sie fürchten sich nicht vor einem Atomkrieg oder Naturkatastrophen, sie haben Abstiegsängste. Die größte Sorge ist, dass sie an ihren Vorstellungen eines gelingenden Lebens scheitern könnten.

Etwa, sich Eigentum leisten zu können? Ja, das ist ein Aspekt davon. Ein weiterer wäre das akademische Prekariat, das mit den Bachelor-Titeln herangezüchtet wird. Noch ein weiterer Aspekt wäre das wahnsinnig schlechte Image der Lehre. Wo immer die jungen Leute hinschauen, sehen sie ihr Fortkommen, die Statussicherheit und die Planbarkeit ihrer Zukunft in Gefahr.

Spricht man deshalb von sogenannten Quarter-Life-Krisen bei jungen Leuten? Ich würde eher sagen, die Jungen sind in einer Dauer-Krise. Sie sollen sich stets verbessern, müssen ständig Entscheidungen treffen und dafür die Verantwortung tragen.

Was bedeutet Selbstverwirklichung für junge Leute heute? Da ist ganz unterschiedlich. Das kann jemand sein, der davon träumt, sich kreativ selbstständig zu machen oder jemand, der mit 17 schon davon träumt, ein Haus zu bauen, zu heiraten, Kinder zu bekommen und sich für den Rest des Lebens im Speckgürtel anzusiedeln.

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KURIER-Grafik: Christa Breineder (Infografik & Illustrationen) © Bild: /KURIER-Grafik: Christa Breineder
Es heißt ja, dass die Jungen wieder eher konservativ leben – Hochzeit, Hausbau, Kinder. Dieses Bedürfnis basiert auf der Bedrohungslage, in der sich die Jugendlichen sehen. Es ist Ausdruck einer Sicherheitsorientierung. Der Wunsch nach einem sicheren Job, der einem die private Existenz und Familiengründung absichert, ist das eine. Aber bei der Lebens- und Zukunftsplanung klafft die Vorstellung davon, was erstrebenswert ist, und was man tut, weit auseinander.

Weil die Menschen doch immer später heiraten und auch später Kinder kriegen? Ja, da geht es eher um ein Ideal, das man anstrebt. Man hat ein Bild vor sich, aber erreicht es nicht, weil in der Gegenwart so viel passiert, dass man das immer weiter aufschieben muss.

Es heißt, Besitz sei nicht mehr so wichtig. Inwiefern haben sich die Statussymbole von jungen Leuten verändert? Gerade am Land, wo die öffentlichen Anbindungen schlecht sind, spielt das Auto eine Rolle. Wahnsinnig stark verändert hat sich, was überhaupt noch als Statussymbol gilt. In den tonangebenden sozialen Milieus sind Statussymbole nicht mehr Dinge, die man sich mit Geld kaufen kann.

Weil man mit teuren Uhren und schicken Autos nicht mehr Eindruck schinden kann? Es geht darum, in einer richtigen Art und Weise zu konsumieren. Man muss ein Gespür dafür haben, welche Konsumgüter in dem sozialen Kreis, in dem man sich bewegt, anerkannt sind und welche nicht. Eine Reise in einen All-Inclusive-Club ist sicher kein Statussymbol mehr – das gilt als das, was die Prolls machen. Aber wenn man zwei Monate durch Süd-Ost-Asien trampt, schaut es damit anders aus.

Es gab zuletzt Studien, dass Social-Media-Plattformen, und hier besonders Instagram, Jugendliche stressen. Überrascht Sie das? Es würde mich nicht wundern. Der Stress, dem die Leute heute ausgeliefert sind, kommt daher, weil sie sich vor dem Abstieg fürchten und deshalb die ganze Zeit ihre idealisiertes Leben in der Öffentlichkeit kommunizieren. Unter dem jederzeit optimistischen, leistungsbereiten, gut gelaunten, perfekt lebenden Menschen verschwindet das Individuum. Und die zweifelnde, traurige "Ich-scheiß-jetzt-drauf-Seite" kann nicht mehr thematisiert werden.

Den Jungen wird gern vorgeworfen unpolitisch zu sein. Hat sich nicht einfach die Art politischen Engagements verändert? Die Sphäre des reinen poltischen interessiert die Jugendlichen tatsächlich relativ wenig. Eine bestimmte politische Haltung wird heute über den Konsum bestimmter Produkte ausgedrückt. Vegane oder Öko-Produkte zu konsumieren, wird etwa als politisches Statement wahrgenommen.

Machen sich die Jugendlichen auch Gedanken über Job, Ausbildung, Altersvorsorge? Um die Pensionsvorsorge wahrscheinlich noch nicht, aber nachdem wir in einer arbeitszentrierten Gesellschaft leben, ist das Thema Arbeit für die jungen Menschen total wichtig. Entweder gehöre ich zu jenen, für die ein erfüllender Job Teil der Selbstverwirklichung ist oder ich brauche die Arbeit, um mir genug Geld heranzuschaffen, um mich in der Freizeit zu verwirklichen.

Junge Erwachsene werden oft mit dem Vorwurf konfrontiert, wenig arbeiten und viel Freizeit genießen zu wollen. Welchen Stellenwert nimmt die Work-Life-Balance bei ihnen tatsächlich ein? Unter Work-Life-Balance versteht jeder etwas anderes. Aber es ist unbestritten, dass es bei den jungen Leuten eine sehr starke Freizeit-Orientierung gibt. Von denen, die sich 14 Stunden am Tag zu Tode rackern wollen und alles dem Beruf unterordnen, gibt es tatsächlich nur noch wenig. Aber ich weiß nicht, ob das vor zwanzig Jahren so viel anders gewesen ist.

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KURIER-Grafik: Christa Breineder (Infografik & Illustrationen) © Bild: /KURIER-Grafik: Christa Breineder
In den sozialen Medien herrscht ein Selbstdarstellungsdrang. Ist der zuletzt noch größer geworden? Auf jeden Fall. Weil allgemein Fragen der Ästhetik in den Vordergrund rücken. Es geht immer weniger um die Substanz und immer stärker um die Oberfläche. Weil die Leute glauben, in der Oberfläche inzwischen mehr lesen zu können. Das was man sagt, ist nicht so wichtig, wie wie man es sagt.

Suchen junge Menschen Bestätigung im Internet? Der Bestätigungsaspekt ist unfassbar wichtig. Man muss sich ja nur vorstellen, was passiert, wenn sich jemand ein schickes, neues Kleid kauft, das auf Instagram (in dem sozialen Netzwerk werden vor allem Fotos veröffentlicht, Anm.) postet und keine Likes dafür bekommt. Das ist eine mittelschwere Katastrophe.

Weil es da wieder um Kompensieren von Unsicherheit geht? Ja. Diese Fassade, die da durch manisches Posten aufrecht erhalten werden muss, hängt ganz stark zusammenhängt mit der inneren Unsicherheit. Als ich einen 20-Jährigen einmal gefragt habe, was er in fünf Jahren machen wird, hat mich der angeschaut und gesagt: "Ich weiß nicht einmal, wer ich in fünf Jahren sein werde. " Es gibt eine fundamentale Unsicherheit, weil sich dauernd alles ändern kann.

Interessiert die jungen Menschen, was in der Welt passiert? Ich wundere mich oft, wie gut die jungen Leute informiert sind. Aber sie begegnen der Information zynisch. Sie glauben nicht mehr, dass aus der Sphäre des Politischen etwas Gutes kommt, das ihnen hilft.

Biografie Philipp Ikrath ist 1980 in Wien geboren, studierte Germanistik und Theaterwissenschaften und absolvierte die Fachhochschule für Marketing und Sales. Seit 2005 ist er Studienleiter beim Forschungsinstitut „tfactory“ in Hamburg. Seit 2012 auch wissenschaftlicher Leiter vom Institut für Jugendkulturforschung.

Forschung In seiner Forschung verzichtet er auf Generationenzuschreibungen (Generation X, Y, Z) für junge Erwachsene und Jugendliche. Er sagt: „Mit der Generation Y ist es wie mit den 68ern früher. Weil sie
öffentlich präsent waren, wurden sie zum Sinnbild dieser Generation,
obwohl sie eine winzig-kleine Minderheit waren.“ Lehrlinge oder
etwa junge Menschen am Land würden darin nicht vorkommen.

Bücher „Generation Ego. Die Werte der Jugend im 21. Jahrhundert“ (gemeinsam mit Bernhard Heinzlmaier), Promedia, 2013.
„Der Puberzisst. Hilfe für gestresste Eltern“, Ecowin-Verlag, erscheint am 24. August 2017

Das Leben ist ein Spiel. Und die ganze Welt ist ihre Bühne“, sagt Jugendforscher Philipp Ikrath. Zumindest für jene 14- bis 29-Jährigen, die der Gruppe der „Digitalen Individualisten“ zuzuordnen sind. Laut Studie von Integral und tfactory aus dem Jahr 2016 (47 Tiefeninterviews, 1028 Online-Interviews, repräsentativ), die die Jungen in sechs Milieus unterteilt (Überschneidungen möglich, siehe Grafik links), sind die Digitalen Individualisten „die neue Elite“ unter Österreichs Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Warum? „Sie repräsentieren den Zeitgeist“, sagt Ikrath. 20 Prozent der 14- bis 29-Jährigen werden dieser Gruppe zugeordnet. Digitale Individualisten gelten als erfolgsorientiert. Laut Ikrath sind das die „klassischen Start-up-Gründer“. Bei ihnen werde Privates und Berufliches oft vermischt. Lifestyle sei ihnen wichtig.

Die neue Mitte

Ganz im Gegensatz zu den sogenannten Adaptiv-Pragmatischen (ebenfalls 20 Prozent). Das seien die „Normalen“ unter den jungen Österreichern, die „neue gesellschaftliche Mitte“. Junge Menschen, die diesem Milieu zugeordnet werden, sollen sich dem Zeitgeist zwar nicht komplett verwehren, sich aber dort anpassen, wo es notwendig ist. „Normale“ gelten als familienorientiert und fleißig; im Unterschied zu den Individualisten bevorzugen sie eine strikte Trennung von Privatleben und Job.

Die größte Gruppe der 14- bis 29-Jährigen (21 Prozent) sind nach wie vor zu den Hedonisten. Sie sollen schlecht gebildet und wenig an Politik interessiert sein. Dafür spiele Freizeit eine große Rolle. Immer kleiner wird die Gruppe der Postmateriellen, die laut Ikrath die „neuen Hippies“ sind. Auch die Konservativ-Bürgerlichen („mit einer Mentalität von vorgestern“) schwinden, genauso die Performer, denen nachgesagt wird, alles der Karriere unterzuordnen.

( kurier.at , JS ) Erstellt am 09.07.2017