Chronik | Österreich
09.07.2017

Was die Jungen bewegt

Gesprächsprotokolle. Man redet oft über sie und nur selten mit ihnen. Der KURIER hat junge Menschen gefragt, wo sie in ihrem Leben stehen und was sie davon noch erwarten.

Passend dazu auf kurier.at:
>>> Jugendforscher im Interview:
"Die Jungen sind narzistisch"

Unpolitisch, egoistisch, arbeitsfaul und freizeitliebend. Über junge Menschen wird gerne geredet – und meist nicht ohne Vorurteile und Klischees.

Oft werden Jugendliche und junge Erwachsene nur als "Generation X, Y, Z" zusammengefasst. Die Generation X (Jahrgang 1961 bis 1980) umfasse demnach Kinder des Kalten Krieges, denen zugeschrieben wird, erstmals auf ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit zu achten. Die "Generation Y" (1981 bis 1995) sei geprägt von Freiheit, Flexibilität und der Playstation. Und die "Generation Z" (alle nach 1995 Geborenen) sehnen sich nach Sicherheit in einer komplexen und instabil erscheinenden Welt.

Jugendforscher Philipp Ikrath hält von all dem nichts. "Die Generation Y ist ein großer Irrtum", sagt er. "Das sind die progressivsten 15 Prozent der jungen Population, 85 Prozent kommen in der öffentlichen Debatte über Jugendliche überhaupt nicht vor. Egal ob das der urbane Tischler-Lehrling ist oder die ländliche junge Frau, die davon träumt, die Tierarztpraxis vom Papa übernehmen zu können." Aber die "Elite-Jugendlichen" der Generation Y, die Gymnasiasten und Studenten, würden ihren Lebensstil stark nach außen kommunizieren und deswegen werde dieser als vorherrschend empfunden. "Das ist wie mit den 68ern früher. Das war auch nur eine winzig-kleine Minderheit , aber weil sie öffentlich präsent war, wurde sie zum Sinnbild dieser Generation."

Der KURIER hat junge Leute gefragt, wie und wo sie leben, worüber sie sich Gedanken machen und was sie von ihrer Zukunft erwarten. Und das entspricht nicht den gängigen Generationszuschreibungen.

David-Elias Perlinger, 20, seit Kurzem ausgelernter Mechatroniker (NÖ)

Ich bin in Richtung Medizintechnik gegangen, weil ich mit meinem Beruf anderen Menschen helfen will, weil man so Nähe zu Menschen hat. Meine finanzielle Zukunft schätze ich besser ein als jetzt, weil man mit der Zeit mehr verdienen wird. Aufstiegschancen gibt es immer, man muss sich nur bemühen und anstrengen. Es kann immer irgendetwas passieren. Man braucht nur einen Unfall und dadurch eine körperliche Beeinträchtigung haben, das erschwert das Leben massiv. Politik interessiert mich nicht wirklich. Ich bin der Meinung, dass die Politik in Österreich recht falsch läuft, dass es sehr viele Unklarheiten gibt. Social Media nutze ich so gut wie gar nicht, man nimmt da sehr viel auf, was einen manipulieren kann. Ich stehe dafür, dass man positiv an Sachen herangeht. Ich lege viel Wert darauf, dass man einander vertraut – ohne Papierkram.“

Anja Tösch, 22, Karenz (Stmk.)

„Ich bin Einzelhandelskauffrau, zurzeit aber in Karenz. Meine Tochter Eva, ein Jahr alt, braucht meine ganze Aufmerksamkeit. Nebenbei mache ich die Berufsmatura. Mit meinem Partner führe ich die Landwirtschaft seines Vaters, die wir übernommen haben und in der sein Vater eine große Hilfe ist. Wir betreiben eine Forst- und Milchwirtschaft und können daher Preiseinbrüche wie bei der Milch im Vorjahr besser verkraften. Wir planen, das Haus umzubauen und uns auf den Bauernhof zu konzentrieren. Damit hoffen wir, Eva eine gute Zukunft zu bieten. Mir war es aber wichtig, die Berufsmatura zu machen, damit ich, sollte es nicht gut laufen, etwas habe, mit dem ich Arbeit finde. Dinge wie Urlaub machen wären schön, sind derzeit aber nicht drin. Das klingt nach viel Stress, nicht nach für mein Alter typischen Plänen. Ich bin aber wirklich gerne für meine Familie da.“

Simon Ogris, 20, Jus-Student (Ktn).

„Ich bin 20 Jahre und studiere seit letztem Jahr Jus in Wien. Es gibt sehr viele Jus-Studenten, daher ist es sicher wichtig, auch neben dem Studium schon früh Berufserfahrung zu sammeln. Ich selbst arbeite derzeit nicht und glaube, dass Studenten mit Geldproblemen vom Staat einigermaßen gut unterstützt werden. Was meinen zukünftigen Beruf angeht, bin ich grundsätzlich optimistisch gestimmt. Das Jus-Studium eröffnet einem viele Möglichkeiten, es gibt sicher andere Studiengänge mit schlechteren Chancen. Ich mache mir durchaus hin und wieder Gedanken über meine Zukunft, sehe sie aber grundsätzlich eher positiv. Eine große Veränderung wird wahrscheinlich die Digitalisierung mit sich bringen, auch wenn Maschinen den Menschen nicht ersetzen können. Ich denke nicht, dass es meiner Generation schlechter geht als den Generationen zuvor.“

Magdalena, 22, Verwaltungskraft bei der Landespolizeidirektion Graz.

„Ich arbeite jetzt schon seit Oktober 2015 bei der Polizei. Ich wollte zuerst Deutsch und Religion auf Lehramt studieren, habe aber dann bemerkt, dass das nichts für mich ist. Ich hab’ nicht das dicke Fell, das man braucht, um sich vor eine Gruppe Schüler zu stellen. Ich bin dann nach einer kurzen Krise eher zufällig in meinen jetzigen Job hineingestolpert: mein Vater, der auch in Graz bei der Polizei ist, hat mir ein einjähriges Verwaltungspraktikum vorgeschlagen. Das hat mir dann so gefallen, dass ich dabei geblieben bin, mir hätte echt nichts besseres passieren können. Momentan bin ich wirklich unbekümmert. Meine Ziele sind derzeit noch weiter im Beruf aufzusteigen, und in Zukunft mein Germanistik-Studium wieder aufzugreifen. Ich hoffe, dass ich dann Job und Studium gut miteinander vereinbaren kann.“

Jenny, 20, Sozialpädagogik-Studentin (Wien)

Selbstdarstellung scheint wichtiger als alles andere. Social-Media-Plattformen bieten genau diesem Umstand eine Bühne. Ich finde es oft schockierend, wie Leute, die ich privat kenne, es schaffen, auf ihrem Instagram- oder Facebook-Profil auszusehen wie Fremde. Mittlerweile weiß ich, dass das, was ich im Internet sehe, nicht zwangsläufig echt ist, aber das war nicht immer so. Ich denke, dass es vielen anderen jungen Mädchen und Burschen so geht. Wenn wir uns nur alle bewusst machen könnten, dass es wichtigere Dinge als unser Aussehen und unser Geltungsbedürfnis gibt, dann, denke ich, könnten wir alle ein wenig glücklicher sein. Momentan bin ich dabei, die letzten Stimmen in meinem Kopf zu verbannen, die mir sagen, dass ich nicht gut genug bin. Was ich mir für die Zukunft wünsche, ist mehr Transparenz auf Social-Media-Plattformen und, ganz einfach, mehr Ehrlichkeit.“