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16.10.2017

31 Lehren aus der Nationalratswahl

Wie die ÖVP auf dem ersten Platz landen konnte und was die Flüchtlinge damit zu tun haben.

Ein 31-Jähriger wird (wohl) Kanzler, eine verdienstvolle Ökopartei fliegt nach 31 Jahren aus dem Nationalrat. Was sagt uns das? Und welche (teils ironischen) Lehren könn(t)en wir aus diesem Wahlgang ziehen?

1. Du sollst Tal Silberstein nicht engagieren.

Es ist eine schlechte Idee.

2. Die Menschen lesen gerne über Schmutzkübelkampagnen, aber sie ändern ihr Wahlverhalten nicht.

Weder SPÖ noch ÖVP sind durch die Silberstein-Affäre in den Umfragen abgestürzt.

3. Immerhin weiß jetzt wirklich jeder, was dieses Facebook ist.

Aber ernsthaft: Der Social-Media-Wahlkampf ist in Österreich angekommen und Facebook nicht mehr nur FPÖ-Terrain.

4. Die FPÖ kann auch lustig sein.

Die Hubers statt HC-Raps, Comics statt Pummerin statt Muezzin und Strache, der "es für euch sagt". Zumindest die Wahlwerbekampagne der FPÖ war diesmal richtiggehend sympathisch.

5. Spin-Doktoren sind wichtiger als Parteiideologen – oder doch nicht?

Die SPÖ-Kampagne war bestückt mit einem Söldnerheer. Das Ergebnis: Leaks, Leaks, Leaks und eine Wahlniederlage.

6. Inhalte sind überbewertet.

Peter Pilz ist ohne Programm in den Nationalrat eingezogen, die ÖVP präsentierte ihres so spät wie möglich. Den Grünen hat ihres nichts gebracht, Kerns Plan A wurde nicht diskutiert.

7. Die Flüchtlinge sind an allem schuld.

Jetzt auch an Sebastian Kurz.

8. Die TV-Duelle müssen reduziert werden.

Vor allem, wenn sowieso nur ein Thema diskutiert wird.

9. Sie sind auch überbewertet (genauso wie Plakate).

Peter Pilz war nur in den beiden Elefantenrunden bei Puls4 und ATV vertreten, hatte ein einziges Plakat – und ist vor den Grünen gelandet.

10. Slogans sind mittlerweile komplett austauschbar.

„Es ist Zeit“ war für die SPD genauso gut wie für die ÖVP.

11. Europa interessiert niemanden.

Eine profilierte EU-Politikerin als Spitzenkandidatin? Interessiert keine vier Prozent der Wähler. Wie die Zukunft der EU aussieht? Interessiert keinen der erfolgreichen Spitzenkandidaten.

12. Burka ist wichtiger als Bildung.

Oder haben Sie in den vergangenen Wochen engagierte Debatten über das Bildungssystem geführt?

13. Das Problem der Grünen heißt nicht Peter Pilz.

Es wanderten weit mehr Wähler von den Grünen zur SPÖ als zur Liste Pilz – dazu kommt: Die Grünen, die Liste Pilz und die KPÖ plus mit Junggrünen-Abtrünnigen haben 8,8 Prozent erreicht, weniger als die Grünen 2013 mit 12,4 Prozent.

14. Die Neos sind wichtiger als Sie vielleicht glauben.

Die kommende Regierung wird sie brauchen, um auf eine Zweidrittelmehrheit zu kommen.

15. Nach der Wahl ist nach der Wahl.

Christian Kern sah vor der Wahl im Falle von Platz zwei nur die Rolle der Opposition für die SPÖ. Am Tag nach der Wahl beschließt das SPÖ-Präsidium die Bereitschaft für Gespräche mit ÖVP und FPÖ.

16. Die SPÖ hat ein großes Problem.

Bei den Unter-29-Jährigen kommt sie auf 17 Prozent.

17. Hans Niessl und Hans-Peter Doskozil sind keine Alternative für die SPÖ.

In keinem Bundesland hat die SPÖ so hoch verloren wie im Burgenland.

18. In der SPÖ-Zentrale ist „Tschanigraben“ trotzdem das neue Ziel.

In der burgenländischen Gemeinde holte die Partei mit 67,6 Prozent ihr bestes Ergebnis. Unwort: Blons. 1,9 Prozent holte man in dem 340 Einwohner-Dorf in Vorarlberg, was ziemlich genau einer Stimme entspricht.

19. Solcher Spielereien muss man sich in der ÖVP nicht bedienen. Deren Synonym für Erfolg: Kurz, wahlweise auch Sebastian Kurz oder einfach Basti.

Sebastian Kurz war das wichtigste Motiv der Österreicher, ÖVP zu wählen.

20. Österreich hat 21 Sozialversicherungsträger.

Das weiß jetzt jeder, der auch nur eine TV-Diskussion mit ÖVP-Beteiligung gesehen hat. Wie man die jetzt zusammenlegen kann und wie genau da Milliarden eingespart werden können? Das blieb offen, was uns zum nächsten Punkt führt.

21. Fragen aufzuwerfen ist wichtiger als sie zu beantworten.

Auf 90 Prozent aller Sätze, die mit „Wie kann es sein…“ eingeleitet wurden, folgte kein „… und deswegen.“

22. Die Westbahn hat 2012 den richtigen Riecher bei der Farbwahl gehabt.

(Sie ist türkis.)

23. Dritter ist für die FPÖ besser als Zweiter.

Als Zweiter hätte sie den Kanzler in einer blau-roten Regierung fordern müssen, was die SPÖ nicht akzeptieren hätte können. So kann sie sich aussuchen, wem sie die höchsten Konzessionen abringen kann.

24. Wer glaubt, mit 31 Jahren noch zu jung für seine erste Eigentumswohnung zu sein, der irrt.

Es gibt Leute, die werden mit 31 Jahren (vermutlich) Kanzler.

25. Boulevard und Politik bildeten eine „unheilige Allianz“.

Die Analyse kommt zwar von Wahlverlierer Christian Kern, stimmt aber. Dass der Wahlkampf so schmutzig war, lag auch daran, dass alle Anpatzversuche der Gegenseite ungefiltert an die Öffentlichkeit weitergegeben wurden.

26. Aber: Ohne Interesse am Schlamm gäbe es keine Schlacht.

Die Informationen über Parteiprogramme wären da gewesen, abrufbar etwa auf Kurier.at. Lesen wollten sie nur die allerwenigsten. Schlamm dominierte auch in den Zugriffen.

27. Bei den Grünen sind die Realos bereits dem Klimawandel zum Opfer gefallen.

Die Grünen waren die einzige Partei, die sich dezidiert asylfreundlich positionierte. Ein Alleinstellungsmerkmal, und insofern vielleicht sogar ein strategischer Vorteil? Eher nicht.

28. Nichtwähler gehen per Definition einfach nicht wählen. Punkt.

Fragen Sie bei Roland Düringer nach. Nach seiner Definition hätte Gilt auf 22 Prozent kommen müssen.

29. Kommunismus funktioniert nicht.

Fragen Sie die KPÖ Plus.

30. Nachher haben es immer alle vorher schon besser gewusst.

Fragen Sie einfach uns.

31. Man sollte sich vorher überlegen, ob man wirklich 31 Lehren ziehen muss, nur um auf die Zahl 31 zu kommen.


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