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Analyse
12/03/2019

Vor Ergebnis-Bekanntgabe: Was wir aus der PISA-Studie gelernt haben

Was haben die Reformen der vergangenen Jahre im Schulsystem gebracht? Heute ist wieder Stunde der Wahrheit.

von Elisabeth Hofer

Im Dezember 2001 war Elisabeth Gehrer stolz. Sie hatte als Bildungsministerin gerade die Ergebnisse der 2000 durchgeführten PISA-Studie präsentiert, und die Leistung von Österreichs Schülern sorgte für Begeisterung: Im Länderranking lag Österreich weit über dem Durchschnitt, im deutschsprachigen Raum sogar an der Spitze.

Drei Jahre später dann der große Schock: Österreichs Schüler hatte sich etwa beim Lesen vom 9. auf den 22. Platz verschlechtert. In Medienberichten war von einem „Fiasko“ die Rede, von einem „katastrophalen Zeugnis“ für die österreichische Bildungspolitik. Zwar wurde später bekannt, dass die Ergebnisse 2001 fehlerhaft waren und Österreichs Schüler von vorneherein schlechter gewesen waren, als angenommen. Doch die Korrektur änderte nichts an dem attestierten bildungspolitischen Debakel. Ab nun prasselten unzählige Forderungen auf die Regierung herein, endlich etwas zu verändern – eine nervöse Reformtätigkeit begann.

Bevor heute die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie präsentiert werden, hat der KURIER sich angesehen, was sich in den vergangenen Jahren wirklich verändert hat, woran es nach wie vor mangelt. Anders gefragt: Was haben wir aus PISA gelernt?

Die PISA-Folgen

„Man darf PISA nicht überinterpretieren, aber die Studie hat die Bedeutung von Bildung aufgezeigt“, sagt Christiane Spiel, Professorin für Bildungspsychologie an der Universität Wien. „Früher hat man Bildungssysteme im Blindflug gesteuert, jetzt hat man die Möglichkeit für gezielte Veränderungen.“

Um Problemfelder auszumerzen, haben die Bildungs- bzw. Unterrichtsminister – es waren nach Gehrer und bis Heinz Faßmann 2017 ausschließlich SPÖ-Minister – über die Jahre unterschiedlichste Maßnahmen ergriffen. Darunter etwa die Einführung der Neuen Mittelschule (NMS) und von Bildungsstandardtestungen, die Installation unterschiedlicher Qualitätsmanagementsysteme an den Schulen sowie das Herabsenken der Klassenschülerzahl. „Sogar die Einführung des verpflichtenden Kindergartenjahres stand mittelbar im Einfluss der PISA-Ergebnisse“, sagt Martin Netzer, Leiter der Präsidialdirektion im Bildungsministerium.

Das Problem: Eine annähernd ähnliche Verbesserung der Ergebnisse wie in Deutschland ist in Österreich in den vergangenen Jahren trotz alledem nicht eingetreten. Während Deutschlands Schüler etwa beim Lesen seit 2009 immer über dem Durchschnitt lagen und sich eine beständige Steigerung abzeichnet, rangierte Österreich bislang immer signifikant unter dem Studien-Schnitt.

Woran liegt das? „Wir haben es noch zu wenig geschafft, von der Analyse hin zur Umsetzung zu kommen“, erklärt Netzer. Noch deutlicher formuliert es Bildungspsychologin Spiel: „Wir haben in Österreich die Unkultur, die Schuldigen zu suchen, statt darüber zu sprechen, welche Ziele wir erreichen wollen.“

Frage der Ideologie?

Gerade ideologische Grabenkämpfe würden im Bildungsbereich vieles kaputtmachen. „Wenn, wie jetzt, die Errungenschaften der Vorgängerregierung wieder zurückgenommen werden, dann verunsichert das das System“, sagt Spiel. Die Pädagogen würden Reformen in Zukunft nicht mit der nötigen Begeisterung umsetzen, wenn sie fürchten, dass sie nicht von Dauer sind.

Bei manchen Reformen sei man laut Spiel auch zu schnell gewesen. „Regierungen stehen unter dem Druck schneller Ergebnisse, doch gerade im Bildungsbereich werden diese erst sehr viel später sichtbar“, sagt sie.

Keine importierte Forschung

Ein Beispiel für eine zu schnelle flächendeckende Einführung sei die NMS. Hier habe man sich zu wenig Zeit genommen, um die Implementierung ausreichend vorzubereiten. Für solche Projekte brauche es laut der Expertin auch mehr Investitionen in die Forschung – ein Weg, den Deutschland eingeschlagen hat, um die Lücken im Bildungssystem zu identifizieren und gezielt eingreifen zu können. „Wir brauchen aber eigene Forschung, denn aufgrund unterschiedlicher Kulturen kann man nicht alles aus dem Ausland importieren und hier anwenden“, sagt Spiel.

Sie und auch Martin Netzer vom Bildungsministerium halten für eine zukünftige Verbesserung von Österreichs PISA-Ergebnissen auch eine entsprechende Weiterbildung von Pädagogen und Pädagoginnen für zentral. Das soll laut den Experten nicht nur individuell, sondern im Schulverband passieren.

„Und was wir auf jeden Fall gelernt haben, ist genauer hinzuschauen“, sagt Netzer. So habe PISA etwa beim Lesen (das auch heuer wieder im Fokus der Studie steht) einen massiven Gendergap aufgezeigt – Mädchen schnitten bisher deutlich besser ab als Burschen. Auch, dass die Selbstwahrnehmung der Schüler hinsichtlich ihrer Kompetenzen mit den Testergebnissen nicht übereinstimmt, habe sich in der Vergangenheit gezeigt.

Ob die Politik dem mit den jüngsten Reformen im Bildungsbereich entgegenwirken konnte, wird der heutige Tag zeigen.