Herbert Lackner

© Kurier / Franz Gruber

Interview
05/13/2021

"Viele waren nicht erpicht darauf, die Juden zurückzuholen"

Das neue Buch von Herbert Lackner: Warum hunderte Künstler und Denker, die vor dem Nazi-Regime fliehen mussten, bei ihrer Rückkehr nicht mehr willkommen waren.

Vor fünf Jahren trifft der frühere profil-Chefredakteur Herbert Lackner in der Sommervilla von Bundespräsident Heinz Fischer den Wiener Galeristen John Sailer. Die beiden sprechen über die aktuelle Flüchtlingskrise und vertiefen sich im Gespräch über die Flucht der Juden vor dem Nazi-Regime. Sailers Eltern hatten 1940 mit dem letzten Schiff Europa Richtung USA verlassen. Nach diesem Treffen schreibt Lackner drei lesenswerte Bücher über die Flucht der Dichter und Denker. Kürzlich ist der dritte Band erschienen, der sich mit der Rückkehr der Geflüchteten nach der Nazi-Zeit beschäftigt.

KURIER: Hunderte jüdische Künstler und Denker sind in die USA geflüchtet und haben sich dort privat getroffen. Alma Mahler war mit Franz Werfel in Kalifornien Gastgeberin, zum Beispiel für Thomas Mann. Was wurde bei diesen Treffen gesprochen?

Lackner: Es war wahrscheinlich wie bei den heutigen Flüchtlingen auch. Viele aus demselben Gebiet kommen zusammen, weil das der einzige Halt ist. Jene, über die ich schreibe, waren jedoch berühmte Menschen. Neben den Genannten auch Bert Brecht, Friedrich Torberg, Heinrich Mann. Die haben sich alle in Los Angeles, in Hollywood getroffen. Der zweite große Cluster war in New York, etwa mit Robert Stolz oder Karl Farkas. Er hatte einen großen Auftritt in der Carnegie Hall am Tag als Hitler Selbstmord beging.

Trotz des zum Teil großen Ruhms, auch mit gutem Einkommen, wollten viele nach 1945 zurück in die Heimat?

Farkas wollte eigentlich nicht zurückkommen. Fast alle seiner Vorfahren wurden von den Nazis umgebracht. Er hatte furchtbare Angst vor dem Zurückkommen. Viele andere kehrten wegen der sprachlichen Barrieren heim. Gerade für Schriftsteller war das natürlich ein Problem.

Für viele, die in der Emigration erfolgreich waren, war die Heimkehr besonders ernüchternd, sie fanden nicht nur zerstörte Städte und Häuser sondern auch einen zerstörten Staat vor?

Sie haben erstens ihre Verwandten nicht mehr vorgefunden, deren Spur verlor sich oft in Auschwitz oder anderen Vernichtungslagern. Sie haben aber auch ihren Besitz nicht mehr vorgefunden. Der war entweder zerstört oder arisiert, geraubt, vermisst.

Aber für viele war es besonders schwierig, wie sie aufgenommen wurden?

Die Rückkehrer haben ja die sechs, sieben Jahre zuvor völlig anders erlebt als jene Menschen, die hier im Kriegsgebiet geblieben sind. Das letzte, was sie vor ihrer Flucht gesehen haben, waren die Schikanen, Demütigungen, Gewaltakte, das Aufwaschen der Straßen. Und dann kommen sie nachhause, und die Leute, die da waren, sagen: Na, ihr habt es ja schön gehabt.

Herbert Lackner

Da hat die Nazi-Propaganda über die Flüchtlinge auch eine große Rolle gespielt?

Ja, denn die Geflüchteten wurden bis 1945 in den von den Nazis beherrschten Medien niedergemacht. Da sind echte Hetzartikel geschrieben worden. Die Menschen waren sich sehr, sehr unsicher, wie sie empfangen werden. Da sind sich zwei Welten gegenübergestanden. Das Ergebnis war, dass man dann einfach gar nicht mehr darüber geredet hat, viele Jahre nicht. Erst in den Achtziger-Jahren wurde das Thema durch die Waldheim-Debatte wieder aufgegriffen, aber da waren viele schon tot. Beispielsweise haben die meisten, die ins Simpl zu Karl Farkas gegangen sind, gar nicht gewusst, dass seine Vorfahren von den Nazis umgebracht worden waren. Er hat nicht darüber geredet.

Umgekehrt haben auch viele Künstler mit den Nazis sympathisiert. Sie erwähnen in Ihrem Buch Karajan, Attila Hörbiger und Paula Wessely. Wie war das Verhältnis in der Kulturszene?

Sie waren nicht die einzigen. Der Antisemitismus war ja eine breite Geisteshaltung, der nicht erst von den Nazis erfunden wurde. Auch hier wurde wenig darüber geredet. Am schlimmsten waren aber die Autoren und Schriftsteller, die hier geblieben sind. Als der P.E.N.-Club gegen die Verbrennungen von Büchern jüdischer Autoren durch die Nazis protestierte, ist eine Gruppe österreichischer Autoren ausgetreten. Sie haben in Österreich eine Vereinigung deutscher Schriftsteller gegründet und sich vom Ständestaat feiern lassen. 1945 waren sie die ersten, die da waren, und Staatspreise kassiert haben.

Herbert Lackner

Sie widmen Bruno Kreisky, der nach Schweden floh, ein Kapitel. Auch ihm wurde die Rückkehr nicht leicht gemacht?

Er war ja zunächst keine große politische Nummer. Aufgefallen ist er durch eine Rede beim großen Sozialistenprozess 1936. Nach seiner Flucht hat er sofort begonnen, Hilfsgüter für Österreich zu organisieren. Aber ab 1946 wollte ihn die Parteispitze der SPÖ nicht so schnell zurückhaben. Denn sie wurde damals oft als die Juden-Partei denunziert. Daher war man grundsätzlich nicht so sehr darauf erpicht, viele Juden zurückzuholen.

Der damalige Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka schaltete hingegen ein Inserat in der New York Times, in dem er zur Rückkehr nach Österreich aufrief. Nachher sagte er, er habe sich damit die kältesten Füße seine Lebens geholt. Warum?

Weil viele in der Heimat gesagt haben: Wenn die zurückkommen, muss man ihnen zuerst Wohnungen organisieren, sie verpflegen, ihnen Jobs geben. Niemand wollte für sie auf eine Stelle oder eine Funktion verzichten. Und daher ist nur rund ein Fünftel der Geflüchteten zurückgekommen. Der Rest ist entweder auf der Flucht oder im Exil gestorben. Oder eben nicht mehr in ein Land zurückgekehrt, in dem man sie nicht mehr wirklich haben wollte.

 

Das Buch von Herbert Lackner "Rückkehr in die fremde Heimat" ist im Ueberreuter-Verlag erschienen. 220 Seiten, 22,95 Euro.

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