Zwei Suchende: Archäologe Nikolaus Franz erklärt Gabor Vadasz, dem Sohn eines der Opfer, was die Satellitenfotos zeigen

© Kurier/Juerg Christandl

Wissen Wissenschaft
05/12/2021

Warum es so schwierig ist, das Massengrab von Rechnitz zu finden

Archäologen, Historiker und Archivare haben sich zusammentaten, um dem Grab von 200 NS-Opfern auf die Spur zu kommen. Und scheiterten - vorerst.

von Susanne Mauthner-Weber

Ein strahlender Tag im Mai 2021: Friedlich breiten sich Äcker, Wiesen und tiefgelbe Rapsfelder aus – unvorstellbar, dass genau hier vor 76 Jahren ein Massaker passiert ist. Wären da nicht der Kreuzstadl, die Hinweistafeln an der Gedenkstätte von Rechnitz und ein Stück weiter ein Bagger, der seine Schaufel vorsichtig in den Boden gräbt. Letzterer hat Gabor Vadasz angelockt.

Langsam und nur ein wenig vom Alter gebeugt, bewegt sich der 85-jährige pensionierte ungarische Arzt auf die Gedenktafeln am Kreuzstadl zu.

Vadasz weiß genau, was darauf zu lesen ist: Erinnerung an die Zwillingsbrüder Geza und Arpad Vadasz, 1897 Budapest bis 1945 Rechnitz. Zwei von ganz wenigen bekannten Namen der Opfer des Massakers von Rechnitz. Und Gabors Vater und Onkel.

Zur Erinnerung: In den letzten Kriegstagen 1945 wurden 200 Zwangsarbeiter – die meisten ungarische Juden – erschossen, „hier irgendwo“ verscharrt und totgeschwiegen, bis auch die letzten Zeugen, die Auskunft über Täter, Opfer und Lage des Grabes hätten geben können, verstorben waren (siehe unten).

Heuer wollte das Bundesdenkmalamt, das seit sechs Jahren systematisch nach den Überresten der NS-Opfer sucht, einen letzten Versuch unternehmen: „Mit vereinten Kräften – von Archäologen, Historikern und Archivaren – wurde noch einmal versucht, die Grablage zu eruieren“, erzählt Historikerin Barbara Stelzl-Marx vom Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung (LBI).

Oral History

„Wir haben tatsächlich acht Zeitzeugen gefunden, die über die Ereignisse von damals sprechen“, berichtet Kornel Trojan, der für das LBI das Projekt koordiniert und Helene Salber aufmerksam zuhört, wenn die 90-Jährige von damals erzählt:

Ich hab die Zwangsarbeiter nie gesehen. Und wenn die Erwachsenen darüber redeten, sprachen sie ungarisch oder haben uns hinausgeschickt. Wir Kinder bekamen zwei Kreuzer und sollten uns Zuckerl kaufen.

Helene Salber | Zeitzeugin

Salbers Aussage veranschaulicht das Problem, das die Historiker haben: „Teils waren sie damals Kinder, teils kennen sie die Ereignisse nur aus Erzählungen. Jedes Jahr wird es schwieriger. Bald gibt es niemanden mehr, der etwas dazu sagen kann“, sagt Trojan.

Wobei: Erinnerungen sind trügerisch, die Umgebung hat sich komplett verändert und Zeitzeugenaussagen müssen mit Luftbildarchäologie, Bodenradar und Geomagnetik sowie Archivmaterial verschränkt und gegengecheckt werden. So hatten die Forscher eine Kernverdachtsfläche für die Position der Gräber rund um den Kreuzstadl ausgemacht.

42 Fußballfelder

„Rund um“ sind 300.000 m², so viel wie 42 Fußballfelder. „Die in Frage kommende Fläche ist also extrem groß“, sagt der Archäologe Nikolaus Franz. „Luftbildarchäologie und Geophysik zeigen viele Objekte, die in Größe und Form für ein Massengrab in Frage kommen. Darum kommen wir nicht auf  e i n e n  Punkt in der Landschaft.“ Außerdem könnten die NS-Opfer genauso gut in mehreren Gräbern verscharrt worden sein. „Leider gibt es noch keine Technologie, die menschliche Knochen im Boden ausmachen kann.“

Allein bei der aktuellen Kampagne hat er sich noch sechs weitere Stellen vorgenommen – „immer in der Hoffnung, dass es die Letzte ist“.

Unterdessen haben Franz, der Bundesheer-Bagger und ein paar Kollegen die Grasnabe und einige Dezimeter Erde abgetragen, ein ordentlicher rechteckiger Fleck ist entstanden. Das, was darunter liegt, ist eine große Materialentnahmegrube, die in der Jungsteinzeit zur Entsorgung von Siedlungsmüll benutzt wurde, aber kein Grab aus 1945. Warum die Archäologen sicher sind? Die entdeckte Keramik verrät es ihnen und ist die nächste Enttäuschung für Geza Vadasz’ Sohn, Gabor.

Er hat der Mutter auf dem Totenbett versprochen, Geza zu finden. „Mein Vater und sein Zwillingsbruder liegen irgendwo hier, in dem Massengrab“, sagt er und Grabungsleiter Franz versucht ihm zu erklären, warum es so schwierig ist, die Überreste auszumachen. Er spricht von Bodenverwerfungen, zeigt Satellitenfotos und Magnetaufnahmen, auf denen kreisrunde Strukturen im Boden zu sehen sind. Der alte Herr mit dem weißen Schopf und den seelenvollen braunen Augen sagt nur: „Die Nachricht, dass sie tot sind, hat uns bereits 1945 erreicht und seit damals suchen wir nach ihnen. Das kann nicht verziehen werden.“

Ausgelöschte Familien

Gabors Mutter hatte damals in Zeitungen inseriert, um etwas über das Schicksal ihres Mannes und Schwagers heraus zu finden: „So kamen wir mit Mauthausen-Überlebenden in Kontakt, die gemeinsam mit Geza und Arpad in Rechnitz waren.“ Weil Zwillingsbrüder etwas besonderes waren, erinnerte man sich an sie. Und ihren Tod beim Massaker von Rechnitz. Die meisten anderen Opfer sind vergessen: „Ganze Familien und Namen wurden ausgelöscht“, sagt Historiker Trojan. „Das macht es auch so schwierig, herauszufinden, wer sie waren. Niemand vermisste sie.“

Aufarbeitung

Stelzl-Marx ergänzt: „Man wird das Schicksal der einzelnen Opfer wohl nicht klären können, wenn man aber die Lage des Grabes kennt, wäre zumindest ein Teil der Aufarbeitung gelungen.“ Trojan weiter: „Ja, es ist ein besonderer Ort, steht aber mit seiner Mikrogeschichte exemplarisch für viele andere Orte“ – in denen Rassentheorie, Zwangsarbeit und der Südostwall zu einer toxischen Mischung verschmolzen.

P.S. Derzeit sind etwa 20 Prozent der Verdachtsfläche untersucht. Unzählige Objekte im Boden bleiben noch. Das Bundesdenkmalamt hat angekündigt, die Suche nicht fortsetzen zu wollen.

P.P.S. Das LBI sucht weiterhin Zeitzeugen, die darüber berichten können, wie man im Ort Rechnitz mit dem schweren Erbe umging.

Info: kornel.trojan@edu.uni-graz.at

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