Van der Bellens Kopftuch-Sager sorgt auch international für Aufregung

ERÖFFNUNG NEUES IMP-FORSCHUNGSGEBÄUDE IN WIEN: VAN
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH  

Islam-Kritikerinnen aus Deutschland schrieben offenen Brief an Van der Bellen, auch arabische Facebook-Seite teilt vermeintlichen "Aufruf" des Bundespräsidenten.

Zeichen des politischen Islam oder Ausdruck religiöser Selbstbestimmung? Seit Jahren erhitzt das Kopftuch die Gemüter, verbindende Positionen gibt es kaum. 

Das musste in den vergangenen Tagen auch Alexander Van der Bellen erleben. Angesprochen auf Islamfeindlichkeit, speziell Übergriffe auf Kopftuch tragende Frauen, hatte er wörtlich gesagt: "Wenn das so weitergeht (...) bei dieser tatsächlich um sich greifenden Islamophobie, wird noch der Tag kommen, wo wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen, alle, als Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun."

Ein Shitstorm in den sozialen Medien und harsche Kritik der Oppositionsparteien waren die Folge. Van der Bellen relativierte seinen missverständlichen Sager inzwischen. Er sei "kein großer Freund des Kopftuchs", sagte er am Mittwoch. Aber es gibt in Österreich Meinungsfreiheit, es gibt Meinungsäußerungsfreiheit und eine Art Bekleidungsfreiheit."

Das ursprüngliche Zitat sorgt nun jedoch auch international für Aufregung. Eine Gruppe von sieben Islam-Kritikerinnen, darunter etwa auch Mina Ahadi, Vorsitzende des "Zentralrates der Ex-Muslime", zeigt sich in einem offenen Brief an Alexander Van der Bellen empört über die Aussagen des Bundespräsidenten.

"Purer Sexismus"

"Wir, die Menschenrechtsaktivistinnen die aus rein islamischen Kulturkreisen kommen und aus diesen fliehen mussten, weil unser Leben bedroht war - wir den religiösen Zwang, die Unterdrückung und die Gewalt als Frauen nicht mehr ertragen konnten - sind entrüstet über Ihre in unseren Augen naiven Aussagen bezüglich des Kopftuchs und des politischen Islams", heißt es in dem Brief. "Viele von uns mussten unter dem gesetzlich verordneten Kopftuchzwang leben, andere unter dem Druck, dass das Kopftuch das Symbol für eine ehrbare und sittliche Frau ist. Daraus haben wir uns unter lebensbedrohlichen Umständen heraus gekämpft."

Van der Bellen würde das Kopftuch als "ein Symbol der Freiheit darstellen, obwohl es für Geschlechter-Apartheid, Unterdrückung, Zwang und die Trennung zwischen einer sittlichen ehrbaren Frau und einer Hure steht (...) Dieser Kulturrelativismus, dieser pure Sexismus, den Ihre Aussagen bedeuten, ist für uns unerträglich."

Veröffentlicht wurde der offene Brief (in voller Länge hier nachzulesen) auf der Facebook-Seite der streitbaren Aktivistin Zana Radami, die sich in ihrem Buch "Die verschleierte Gefahr" für einen generelles Kopftuch-Verbot einsetzt. Denn "wer für die Verhüllung von Frauen eintritt, verrät den Feminismus", sagte sie zuletzt im Interview mit dem KURIER.

"Bärendienst"

Laut Radami stößt der Sager Van der Bellens inzwischen auch in der arabischen Welt auf großes Interesse. "Wenn schon der Bundespräsident eines westlichen Landes seine eigenen Frauen darum bittet, dann haben die muslimischen Frauen das Kopftuch erst recht zu tragen!", schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite. "Genau so argumentieren Islamisten nämlich". Und: "Da hat der Bundespräsident der Menschheit einen Bärendienst erwiesen! Danke!"

Der beigefügte Screenshot einer arabisch-sprachigen Facebook-Seite stammt allerdings von der Seite "Ahrar-Austria", also aus Österreich.

Screenshot.PNG Foto: Screenshot

Kritik auch von liberalen Muslimen

Auch der Präsident der Initiative Liberaler Muslime Österreich wandte sich in einem offenen Brief an Alexander Van der Bellen. Via APA-OTS-Aussendung wies Amer Albayati am Donnerstag darauf hin, dass es im Koran kein Kopftuch-Gebot gäbe. "Kopftuch Hijab, Niqab, Burka, Tschador oder eine Ganzkörperverschleierung, das sind Symbole radikaler Islamisten, um Frauen zu unterdrücken und zu versklaven."

Albayati griff auch die ergänzende Äußerung Van der Bellens auf, wonach sich auch die Dänen während der deutschen Besatzung solidarisch gezeigt hätten. (Wörtlich hatte Van der Bellen am 24.3. gesagt: "Wenn ich mich richtig erinnere, haben die Dänen während der deutschen Besatzung doch etwas Ähnliches gemacht: Und nicht-jüdische Dänen haben angefangen, den David-Stern zu tragen."): Der Unterschied sei: "In Österreich wird keine Frau vom Staat zum Tragen eines Kopftuches gezwungen, bestraft werden Frauen ohne Kopftuch im Iran, in Saudi Arabien und anderen Islamstaaten" (hier finden Sie den offenen Brief in voller Länge).

Hinweis: Die Erzählung über die nicht-jüdischen Dänen mit dem David-Stern ist zwar weitverbreitet, aber ein Mythos. Nicht nur der isländische Historiker Vilhjálmur Örn Vilhjálmsson weist daraufhin, dass es zwar eine schönes Zeichen der Solidarität gewesen wäre, aber tatsächlich nur ein Märchen ist.

Van der Bellen war für seinen Auftritt am 24. März, der erst durch einen Bericht des ORF-"Report" am Dienstagabend einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, auch von Seiten der Opposition scharf kritisiert worden. "Das ist ein integrationspolitischer Amoklauf", meinte der freiheitliche Generalsekretär Herbert Kickl in einer Aussendung: "Der Bundespräsident hat mit dieser Aussage das zarte Pflänzchen des Widerstandes gegen die Islamisierung des Landes, das nach dem Erdogan-Votum im rot-schwarzen Garten zu keimen begonnen hat, rüde zertreten." FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache bezeichnete Van der Bellens Äußerung via Social Media als "Bedenklich!!!"

(KURIER / kob) Erstellt am
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